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Wenn der Bahnhof zur Heimat wird

Der Rothenburger Toni Lehnigk wohnt dort, wo früher die Reisenden ein und aus gingen. Hier möchte er auch eine Familie gründen.

Toni Lehnigk wohnt seit rund einem Jahr im früheren Rothenburger Bahnhof.
Toni Lehnigk wohnt seit rund einem Jahr im früheren Rothenburger Bahnhof. © André Schulze

Toni Lehnigk lehnt ganz lässig an der Tür. Dass manche sich nicht vorstellen können, dort zu wohnen, wo er sein Zuhause hat, stört den 24-Jährigen nicht. Im Gegenteil: "Ich finde es toll hier, für mich ist das ein Stück Heimat", schwärmt der Rothenburger. Das, was er so in den höchsten Tönen preist, ist das frühere Bahnhofsgebäude der Neißestadt. Hier ist er im September 2020 eingezogen und hat alles das, "was man in einer Junggesellenbude eben braucht."

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Zu der außergewöhnlichen Wohnung ist der gelernte Kfz-Mechatroniker, der momentan bei der Bundeswehr ist und dort vor Kurzem seinen Meisterbrief erworben hat, eher durch Zufall gekommen. "Meine Mutter betreibt ein Friseurgeschäft in Rothenburg, da wird natürlich viel erzählt. Und weil ich mich schon immer sehr für den Bahnhof interessiert habe, hat sie mir den Tipp gegeben, dass die Wohnung dort gerade frei ist."

Schon als Kind auf dem Bahnhofsgelände unterwegs

Doch woher kommt die Vorliebe für das schon lange nicht mehr in seiner ursprünglichen Form genutzte Haus? "Als ich ein kleiner Junge war, bin ich zusammen mit Freunden hier rumgeschlichen. Für uns war das eine Art Abenteuerspielplatz. Züge fuhren ja keine mehr. Aber das Gelände war aufregend. Schienen überall, das große Gebäude mit seinen kaputten Fensterscheiben, die Schuppen drumherum", erzählt Lehnigk über die Erlebnisse aus seiner Jugend. Auch Philipp Eichler sei dabei gewesen. Mit ihm hat er einst die Schulbank gedrückt, der Kontakt ist seitdem nie abgerissen.

Ein Glücksumstand, wie sich herausstellen sollte. Denn der Fleischermeister hat sein Herz für die Eisenbahn sogar noch intensiver entdeckt und ist mittlerweile Mitglied im Kleinbahnverein, der die Immobilie 2015 übernommen hat. So fiel die Wahl des künftigen Mieters wenig überraschend auf Toni Lehnigk.

Kleinbahnverein bringt das Gebäude in Ordnung

Vor sechs Jahren war das Gelände noch völlig verwahrlost. Schon 1967 hatte die Bahn den regulären Personenverkehr eingestellt, seitdem gab es keinen Bahnhofsvorsteher mehr. Später fuhren nur noch vereinzelt Oldtimerzüge über die Gleise. Doch auch das ist schon seit vielen Jahren vorbei. Philipp Eichler kann sich noch genau an den traurigen Zustand erinnern, als der Verein neuer Eigentümer wurde. "Kaum noch Fensterscheiben, zugenagelte Türen, teilweise herausgehämmertes Fachwerk, an vielen Stellen bröckelte der Putz." Danach habe man alles nach und nach in Eigenleistung renoviert.

Ab und zu setzt sich Toni Lehnigk auf die frühere Laderampe und schaut die Gleise entlang. Er will auch bleiben, falls hier mal wieder Züge rollen sollten.
Ab und zu setzt sich Toni Lehnigk auf die frühere Laderampe und schaut die Gleise entlang. Er will auch bleiben, falls hier mal wieder Züge rollen sollten. © André Schulze

Im Oktober 2016 zogen die ersten Mieter in die frühere Bahnhofswohnung im ersten Obergeschoss ein. "Unser Ziel war, dass wieder Leben kommt in das Gebäude, damit die Randale früherer Jahre endlich aufhört", erklärt Eichler. Und: Natürlich sei auch die Miete wichtig, "damit wir die Aufwendungen ein Stück weit wieder eingespielt bekommen."

Alter Kachelofen macht herrliche Wärme

Für Toni Lehnigk ist das neue Zuhause wie ein Eigenheim. "Hier wohnt ja außer mir keiner. Und ich habe meine Ruhe. Außerdem kann ich das gesamte Grundstück nutzen." Überdies darf er sich auch die Etage über ihm nach seinen Wünschen herrichten. "Man weiß ja nie - vielleicht zieht ja mal eine Frau mit ein", schmunzelt er. Vorher habe er in einem Neubaublock gewohnt. "Der Unterschied zum Bahnhof ist schon gewaltig." Vor allem gefällt dem jungen Rothenburger das Ambiente - die Raumaufteilung, dazu alte, aber neu hergerichtete Fenster und Türen. Außerdem der historische Kachelofen. "Der macht eine herrliche Wärme", ist er absolut zufrieden.

Ganz allein in dem großen Haus ist Lehnigk jedoch trotzdem nicht. Denn für die Räume im Erdgeschoss gibt es zwei zeitweilige Nutzer. In einem Zimmer ist der Rothenburger Handwerkerverein untergebracht, das andere richtet sich der Kleinbahnverein noch her. Dort soll perspektivisch Platz sein für die Modelleisenbahn-Sparte. Und die Möglichkeit bestehen, an einer vereinseigenen Modellbahnanlage zu basteln. Allerdings scheint hierbei noch etwas Geduld gefragt. "Wir müssen noch neue Dielung einsetzen, außerdem die Elektrik verändern, putzen und streichen", erklärt Philipp Eichler die nächsten Aufgaben. Weil die Preise für Holz momentan aber durch die Decke gingen, "haben wir dieses Projekt erstmal auf Eis gelegt."

Bleiben, auch wenn wieder Züge rollen

Die Bemühungen von Stadt, Landkreis, Kleinbahnverein und Gleisbesitzer, die Strecke Lodenau - Horka mit dem Zwischenstopp wiederzubeleben, lassen den Bahnhofsbewohner kalt. "Dass das klappt, glaube ich erst, wenn die Züge tatsächlich rollen." Außerdem habe er mit seinen Eltern früher ein Stück weiter schon in der Nähe der Schienen gewohnt. "Da kam ab und zu mal eine historische Dampflok vorbei. Aber das haben wir ganz gut verkraftet." Wegen möglichem Lärm ausziehen, ist für ihn deshalb keine Option. "Ich bin gekommen, um zu bleiben", lacht er. Umso mehr, da das Ende seines Dienstes bei der Bundeswehr absehbar ist und er sich sein Zuhause im Bahnhof dann noch gemütlicher machen will.

In dieser Serie sind bereits erschienen:

Folge 1: "Wie es sich zwischen Baumhäusern wohnt"

Folge 2: "Dieser Biehainer wohnt in finnischer Kiefer"

Folge 3: "Wie ein Görlitzer unter uralten Gewölben wohnt"

Folge 4: "Ganz allein in einem Schloss"

Folge 5: "Alt und Jung wohnen im Ostsachsendruck"

Folge 6: "Zu Gast in Sachsens letzter Turmwindmühle"

Folge 7: "Horkaer Familie wohnt in alter Fleischerei"

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