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Ran an die Tanne!

Den Weihnachtsbaum selbst zu ernten, liegt im Trend. Da stören auch Matsch und kalte Füße wenig, wie ein Adventssonntag in der Plantage von Markersbach zeigt.

Von Jörg Stock
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Gesucht und gefunden: Louis Weisze, Marcel Kölzig und Sinje Raats (v.l.) aus Pirna haben ihre Wahl im Markersbacher Weihnachtswald getroffen. Das Selbersägen macht ihnen mehr Spaß als der Baum-Kauf im Baumarkt.
Gesucht und gefunden: Louis Weisze, Marcel Kölzig und Sinje Raats (v.l.) aus Pirna haben ihre Wahl im Markersbacher Weihnachtswald getroffen. Das Selbersägen macht ihnen mehr Spaß als der Baum-Kauf im Baumarkt. © Marko Förster

Ja, wo sind sie denn nun, die Nordmanntannen? Marcel Kölzig steht mit seiner Familie in der Botanik und schaut in alle Richtungen. Er ist zum ersten Mal im Weihnachtswald von Markersbach, der mehrere Dutzend Fußballfelder groß ist, größer als jeder Baumarkt, in dem er bislang den Stubenschmuck besorgte. Der Tipp kam von einem guten Freund, erzählt Marcel. Der sei immer wieder begeistert von dem Event hier, vom Erlebnis, vor allem für die Kinder. "Da haben wir gesagt: Das gucken wir uns dieses Jahr auf jeden Fall an."

Die Wiese muss leiden können

Gucken und sägen - das wollen an diesem Adventssonntag Hunderte am Kammerhof, dem Sitz der Firma Gartengestaltung Kleinstäuber in Markersbach. Tags zuvor muss der Ansturm ähnlich groß gewesen sein. Schlammspuren zahlloser Autoreifen haben sich in die Wiese gegraben, die als Parkplatz dient. Robert Kleinstäuber, der Chef, sitzt auf einem gleichfalls verschlammten Quad. Für ihn ist das ein Arbeitsgerät. Aber dass die Städter hier ihre frisch geputzten Autos ohne Murren dreckig machen, darüber staunt er immer wieder. "Es hat sich noch nie einer beschwert."

"Gute Qualitäten." Gartenbaumeister Robert Kleinstäuber preist seine Ware an. Der Weihnachtsbaumverkauf muss die Firma das ganze Jahr über ernähren.
"Gute Qualitäten." Gartenbaumeister Robert Kleinstäuber preist seine Ware an. Der Weihnachtsbaumverkauf muss die Firma das ganze Jahr über ernähren. © Marko Förster

Die Wiese kann Stress vertragen, mehr als man denkt. Im Frühjahr geht mal der Striegel drüber, dann ist sie wieder schick, sagt Kleinstäuber. Im Augenblick zählt nur eins: das Geschäft mit den Weihnachtsbäumen. Und das läuft. "Gott sei Dank!" Um den Boom zu bewältigen, ist die Belegschaft der Firma, regulär sind das fünf Leute, auf zwanzig angewachsen. Auch Gartenbaumeister Kleinstäuber mischt pausenlos mit. "Auch mir tut abends der Rücken weh."

Tannen trotzen der Trockenheit

Die Idee, Weihnachtsbaumkunden vor dem Baumkauf auch noch arbeiten zu lassen, setzt die Familie Kleinstäuber, die auch bei Stolpen Weihnachtsbaumplantagen unterhält, mit am eifrigsten um in der Region. Robert Kleinstäuber ist seit 25 Jahren Weihnachtsbaumbauer. "Wir haben das Selbersägen groß gemacht." Inzwischen kämen Stammkunden auch aus Meißen oder Riesa zu ihm. "Weil das eben Tradition geworden ist zu Weihnachten."

Für Handarbeiter: Eine Sammlung Sägewerkzeug hängt am Rand der Plantage zum Ausleihen bereit.
Für Handarbeiter: Eine Sammlung Sägewerkzeug hängt am Rand der Plantage zum Ausleihen bereit. © Marko Förster

Dass die Kunden, egal ob wählerisch oder Spontankäufer, etwas Passendes finden zwischen den Spalieren, daran hat Kleinstäuber keine Zweifel. Etwa 70 Prozent seiner Ware sind Nordmanntannen. Und die stehen dank der tief reichenden Wurzeln trotz Trockenheit gut da. Anders sei das mit den Blaufichten. Die Dürre kostet Knospen und Feinast-Anteil. Es fehlt an Fülle.

Angst vor dem Plastebaum vom Dachboden

Insgesamt freut sich der Hofchef über gute Qualität auf seinen Baum-Äckern. Je nach Schönheit und Größe kosten die Pflanzen zwischen knapp acht und 65 Euro. Obwohl sich die Produktionskosten schätzungsweise um dreißig Prozent erhöht haben - vor allem Diesel und Dünger sind teurer geworden - nimmt Kleinstäuber die gleichen Preise wie letztes Jahr.

Warum er nicht erhöht hat? Er hat Angst, sagt er, dass die Leute dann womöglich ihren Plastebaum vom Dachboden holen, statt bei ihm einen frischen zu kaufen. Das hätte nicht nur Folgen für den Umsatz, der bei Kleinstäubers für das ganze Jahr, also bis nächstes Weihnachten, reichen muss. Es würde auch die Abläufe im Betrieb stören. Eine Weihnachtsbauplantage ist ein rotierendes System. Werden erntereife Flächen nicht rechtzeitig frei, gibt es dort in zehn Jahren keine neuen Bäume.

Wollen auf jeden Fall wiederkommen: Marcel und Sinje aus Pirna tragen ihre Nordmanntanne zur Packstation.
Wollen auf jeden Fall wiederkommen: Marcel und Sinje aus Pirna tragen ihre Nordmanntanne zur Packstation. © Marko Förster

Zum Sägen haben die Leute dieses Jahr reichlich Gelegenheit. Kalendarisch betrachtet, ist die Weihnachtszeit so lang, wie es nur geht. Einerseits kommt das den Weihnachtsbaumbauern entgegen. Der Stress verteilt sich, sagt Robert Kleinstäuber. Andererseits hat er mehr Lohnkosten. Unterm Strich wird die Zahl verkaufter Bäume wohl kaum steigen. "In jedem Wohnzimmer steht nur ein Baum."

"Den perfekten Baum gibt es nicht"

Louis, Marcel und Sinje pirschen durch die Blaufichten. "Da hinten sieht's grüner aus", sagt Marcel. Und wirklich - bald darauf steht das Trio inmitten des Nordmanntannen-Quartiers und hat schon ein schönes Exemplar entdeckt, kompakt gewachsen und mit Wunschhöhe von 1,70 Metern. Blöd nur, dass keine der farbigen Preisbanderolen dran festgetackert ist. Das heißt: Der Baum darf noch ein Jahr wachsen, mindestens.

Die Einpacker: Johann, Henry, Marcel und Theo (v.l.) wuchten Baum um Baum durch die Netzmaschine.
Die Einpacker: Johann, Henry, Marcel und Theo (v.l.) wuchten Baum um Baum durch die Netzmaschine. © Marko Förster

Gleich daneben steht noch ein Kandidat. Der Unterbau stimmt schon mal. "Aber da ist keine schöne Spitze dran", findet Marcel. "Aber Schatz", versucht Sinje einen Vorstoß. "Den perfekten Baum gibt es nicht." Schließlich, sagt sie, hat doch auch jeder Mensch kleine Fehler.

Handsägen kommen aus der Mode

Doch die Suche geht weiter. Vielleicht der hier? Hm. "Sehr durchwachsen." Aber der! "Gleichmäßig buschig von unten bis oben." Marcel ist angetan, fragt aber noch bei Junior Louis nach. "Ist das unser Baum, Louis?" Er ist es. "Ich finde ihn schön!" So schlägt nach gut fünf Minuten bereits die Stunde der Bosch-Säbelsäge.

Wer keine Lust zum Tragen hat, lässt seinen Baum per Trecker ins Tal rollen, wer müde ist, auch sich selbst, im angehängten Planwagen.
Wer keine Lust zum Tragen hat, lässt seinen Baum per Trecker ins Tal rollen, wer müde ist, auch sich selbst, im angehängten Planwagen. © Marko Förster

Zum Fällen der Auserwählten stellen Kleinstäubers an die fünfzig Handsägen bereit. Doch viele sägen lieber elektrisch. Manche bringen sogar ihre Kettensäge mit. Er hätte nichts gegen Handarbeit gehabt, sagt Marcel mit Blick auf das Akku-Werkzeug in seiner Hand. "Aber wenn du vom besten Kumpel eine Säge borgst, kriegst du eben sowas."

Hauptsache ordentlich Platz für Geschenke

Die Säge ansetzen darf letztlich der Jüngste. Louis kriecht unter das Gewächs und der Motor schnurrt los. "Baum fällt!" Augenblicke später sieht man die kleine Prozession zur Packstation ziehen. Marcels weiße Sportschuhe schmatzen im Dreck. Angepasstes Schuhwerk wäre sinnvoll gewesen, räumt er ein. "Das merke ich mir fürs nächste Mal."

Pause nach getaner Säge-Arbeit (v.l.): Daniel Grafe, Thomas Güldner, Hannah Grafe sowie Elias, Denise, Julius und Jonas Güldner.
Pause nach getaner Säge-Arbeit (v.l.): Daniel Grafe, Thomas Güldner, Hannah Grafe sowie Elias, Denise, Julius und Jonas Güldner. © Marko Förster

Bei der Netzmaschine hat sich eine kleine Schlange gebildet. Die Jungs am Gerät haben vollauf zu tun, Baum um Baum einzuschnüren, zum Abtransport auf der Schulter oder, wer es bequemer mag, per Trecker. Die Kundschaft ist größtenteils entspannt, sagt Johann Schober vom Packteam. Viele seien aus der Stadt hier. "Für die ist es ein Ausgleich, bisschen im Grünen zu sein." Der Renner unter den Weihnachtsbäumen ist die Nordmanntanne. "Aber schön sind sie alle."

Etwas abseits haben sich die Familien Güldner und Grafe aus Dresden und Radebeul um den Feuerkorb geschart. Sie kommen seit einigen Jahren zum Baumsägen her. "Es ist ein Anlass, was zusammen zu unternehmen", sagt Daniel Grafe. "Man kann sich so schön dreckig machen", feixt Thomas Güldner.

Bäume zum Selbersägen gibt es zum Beispiel hier

Gartenbau Robert Kleinstäuber, OT Markersbach, Buchenhain 34 in Bad Gottleuba-Berggießhübel, Telefon: 035023/51447, täglich bis zum 23.12. ab 9.00 Uhr-17.00 Uhr

Gärtnerei Kleinstäuber, Bischofswerdaer Str. 31 in Stolpen, Telefon: 035973/26323, bis zum 23.12. täglich ab 9.00 Uhr-16.00 Uhr

Lauehof, Zur Laue 15 in Kreischa, Tel: 0163/3784671, an jedem Adventswochenende 10-16 Uhr

Forsthof Mette, OT Pretzschendorf, Dresdner Str. 19 in Klingenberg, Telefon: 0151/50949100, jeden Samstag und Sonntag und vom 18.12. bis 23.12. jeweils von 9:00-16:00 Uhr

Sowie z.T. auch beim Staatsbetrieb Sachsenforst

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Bestimmt eine volle Stunde dauerte die Suche, die an einer zwei Meter achtzig großen Tanne endete. "Wir sind eher wählerisch", gibt Mutter Denise Güldner zu. Sohn Julius ist mit der Entscheidung hochzufrieden. "Da passen genug Geschenke drunter!"