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Urlaub vom Lockdown

Kristin Lorenz lebt seit über drei Jahren in Chile. Ihr diesjähriger Heimatbesuch in Burkhardswalde war etwas anders als sonst. Ihre Rückkehr auch. Wegen Corona.

Letzter Tag in der Burkhardswalder Heimat: Inzwischen ist Kristin Lorenz wieder in ihrem Zuhause im südamerikanischen Chile.
Letzter Tag in der Burkhardswalder Heimat: Inzwischen ist Kristin Lorenz wieder in ihrem Zuhause im südamerikanischen Chile. © Daniel Schäfer

Sie liebt ihre Eltern und ihre Heimat, und sie liebt ihr Haus. Dazwischen liegen über 12.000 Kilometer und Welten und mehr als der Atlantische Ozean. Ihre Heimat, das ist Burkhardswalde, ihr Zuhause ist Chile. Die 15 Stunden Flug zwischen beiden waren dieses Jahr die kleinste Hürde. 

Mit ihrem chilenischen Ex-Freund reiste sie erstmals in sein Land. Später reiste sie allein wieder nach Chile, für drei Wochen Urlaub, dann noch einmal, um den Alltag zu erleben. Danach war sie sicher, in Chile leben und arbeiten zu wollen. 

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Kristin Lorenz bewarb sich für die deutsche Schule in Concepcion, etwa 600 Kilometer von der Hauptstadt Santiago entfernt. Der Plan war, ein, zwei Jahre da zu arbeiten, sich zu profilieren, um dann in Deutschland wieder bessere Chancen als studierte Deutsch-Lehrerin für Ausländer zu haben. Sie hatte auch in der Software-Entwicklung gearbeitet, doch wollte sie zurück zu ihren Ursprüngen. Der Plan schien also perfekt. Und doch macht die 36-Jährige heute etwas ganz anderes.  

Die Geschichte eines Bildes

Am zweiten Tag an der Schule lernte sie ihren heutigen Mann kennen. Zwei Jahre arbeiteten und lebten sie gemeinsam, dann heirateten sie und sie verließ die Schule. Jetzt haben beide ein Häuschen, eine Katze und einen Hund mit drei Beinen - der Tierschutz ist heute ihre Mission. Ihr Mann arbeitet nach wie vor an der deutschen Schule. Sie baut mit ihrer Organisation einen Dachverband für den Tierschutz auf, hilft Straßentieren. In ihrem kleinen Ort ist Kristin Lorenz die Blonde mit dem dreibeinigen Hund. In dem Dorf, das ein bisschen an Burkhardswalde erinnere, so klein, ruhig und mit viel Natur, bekomme sie als Deutsche einige Vorschusslorbeeren. Mit den Deutschen wird viel Positives verbunden.

Kristin Lorenz (l.) bekommt beim Tränken eines Straßenhundes spontan Hilfe von einer Chilenin.
Kristin Lorenz (l.) bekommt beim Tränken eines Straßenhundes spontan Hilfe von einer Chilenin. © privat

Dieses Foto erzählt viele Geschichten. Die Geschichte der Straßenhunde in Chile und die der Proteste. Die Frau, die hier spontan zu Kristin kam, hatte in der Hand ein Kochgeschirr. Darauf klopfend protestieren die Chilenen immer wieder gegen die soziale Situation im Land. Das Klopfen symbolisiert, der Topf ist leer. Die Frau hatte gesehen, wie Kristin Lorenz die eine Handvoll Wasser dem Hund hinhielt und mit der anderen nachgoss. "Wir haben eigentlich gar nicht geredet, alles war klar", sagt Kristin. "Auch so ist eben Chile, sind die Chilenen."

Für jeden Schritt eine Genehmigung

Die diesjährige Reise nach Deutschland sollte Ende Mai stattfinden, geflogen ist sie zwei Monate später. Als Deutsche nach Deutschland zu reisen, war kein Problem. Auch nicht zurück. Schließlich ist Kristin mit einem Chilenen verheiratet, hat einen festen Wohnsitz im Land und eine Aufenthaltsgenehmigung. Doch alles drumherum ist weniger einfach. Vor allem die Rückkehr.

Am Flughafen in Santiago erwartet sie der Sanitätszoll. Wohin, woher, warum? Mit dem Bus oder Flugzeug weitereisen, ist nicht. Nur per Auto von jemandem aus dem eigenen Haushalt und ohne Stopp. 

Wer diese Möglichkeit nicht hat, muss in die Sanitäts-Unterkunft und dort 14 Tage in einem Zimmer sitzen. Das Essen wird gereicht wie im Gefängnis, wenn man sich an der Tür bewegt, geht der Alarm los, sagt Kristin Lorenz. Ein Verwandter hat sie davor bewahrt und abgeholt. Dann saß sitzt sie ihre Quarantäne zu Hause in ihrem geliebten Häuschen, an dem ihr Mann fast alles selbst gemacht hat, ab. Kein Test, der die Zeit verkürzen könnte. Als sie an einem Freitag in Deutschland ankam, blieb sie zu Hause, machte Montag den Test, hatte Mittwoch das Ergebnis und war frei. 

Kristin Lorenz mit ihrem chilenischen Mann, der an der deutschen Schule arbeitet, an der sich beide kennenlernten.
Kristin Lorenz mit ihrem chilenischen Mann, der an der deutschen Schule arbeitet, an der sich beide kennenlernten. © privat

Chile befindet sich seit März im Lockdown. Mit Ausgangssperre von 23 bis 6 Uhr und notwendigen Erlaubnissen für alles mögliche. In den Städten sind zweimal 30 Minuten pro Woche spazieren mit dem Hund erlaubt und zweimal pro Woche drei Stunden einkaufen. Für alles andere braucht man eine Sondergenehmigung. Jeder Schritt wird überwacht, auf den Straßen ist viel Militär, sagt Kristin Lorenz. 

"Für ein Land, das jahrelang von einer Militärdiktatur regiert wurde, ein bedrückendes Bild." Es werde wenig informiert, dafür viel Angst und Druck ausgeübt. Die Menschen sitzen zu Hause fest, werden anfälliger für die kleinsten Erkrankungen, leiden seelisch. Und die Ärmsten habe keine Alternative, als irgendwas auf der Straße zu verkaufen. "Der kleine chilenische Mittelstand bricht weg, die großen Konzerne und Reichen klatschen in die Hände", sagt Kristin Lorenz. 

In den vergangenen Wochen hier in Deutschland hat sie gespannt zugehört, wenn von Corona und den Regeln und Einschränkungen die Rede war. "Ich würde mit Begeisterung in Chile 24 Stunden die Maske tragen, wenn es das Einzige wäre, was ich tun müsste."

Der chilenische Weg

Für Kristin ist Chile trotzdem ihr Zuhause. Sie weiß inzwischen, wie das Land und die Menschen ticken. "Im Prinzip findet sich immer eine Lösung, nur der Weg ist eben chilenisch." So war es, als sie sich eine Ausnahmegenehmigung besorgen musste, um mit dem Bus zum Flughafen fahren zu dürfen. Einen solchen Fall gibt es im Online-Formular, mit dem sonst alle Genehmigungen zu beantragen sind, nämlich nicht. Also musste sie zur Polizeistation gehen, wo sie die Wachen erst nicht reinlassen wollten. Kristin Lorenz vertraute darauf, dass alles gut wird, und das wurde es. Sie fühlt sich wohl in ihrem chilenischen Dorf mit ihren Nachbarn, hat im Tierschutz ihre Aufgabe gefunden und ist glücklich. Nur ihre Familie und Weihnachten wie in Burkhardswalde fehlen ihr. 

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