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Tunnelbau an Südumfahrung Pirna gestoppt

Der Vortrieb am Pirnaer Kohlberg ruht derzeit komplett, die Gründe dafür erschließen sich nicht ganz. Ist nun der Übergabetermin in Gefahr?

Tunnel mit Patin: Susann Dulig hält im Juli per Foto den Baufortschritt am Pirnaer Kohlbergtunnel fest. Doch derzeit ruht der Vortrieb.
Tunnel mit Patin: Susann Dulig hält im Juli per Foto den Baufortschritt am Pirnaer Kohlbergtunnel fest. Doch derzeit ruht der Vortrieb. © Marko Förster

Noch vor Kurzem schien die Welt in Ordnung zu sein. Tunnelpatin Susann Dulig besuchte den Kohlberg in Pirna, wo Mineure einen später einmal 300 Meter langen Tunnel durch den Berg treiben. Überall herrschte Betriebsamkeit. Das Bauwerk ist Teil der künftigen Pirnaer Südumfahrung, die einmal vom Pirnaer Autobahnzubringer bis zur B172 auf dem Sonnenstein führt und die Innenstadt spürbar vom Durchgangsverkehr entlasten soll. Doch jetzt wurde bekannt, dass die Arbeiten im Tunnel ruhen. Die SZ hat die Hintergründe recherchiert und analysiert die Lage.

Sportlicher Zeitplan, aber machbar

Der Zeitplan für den Tunnel ist sportlich. Im September 2020 begannen die Bauarbeiten, rund 27 Monate sind dafür veranschlagt. Ende dieses Jahres wollen die Mineure zumindest auf der linken Seite der künftigen Röhre den Durchbruch zur Ostseite schaffen, im Laufe des Jahres 2023 soll der Tunnel dann insgesamt fertig werden. Das wäre nach Ansicht der Fachleute auch zu schaffen, denn üblicherweise läuft der Tunnelbau rund um die Uhr ohne Pause.

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Doch mit dem "üblicherweise" ist es momentan vorbei, seit einigen Tage ist die Kohlberg-Röhre keine 24-Stunden/7-Tage-Baustelle mehr.

Zunächst wurde nur noch tagsüber gebaut. Das Gerücht machte die Runde, dass die Arbeiten nachts ruhen mussten, weil die Baustellenbeleuchtung die Fledermäuse stört. Und inzwischen tut sich beim Tunnel-Vortrieb vor allem eines: gar nichts.

Tunnelportal an der Westseite des Pirnaer Kohlbergtunnels: 250 Meter der Röhre entstehen unter Tage, wegen des mürben Gesteins im Berg kommen die Mineure nur langsam voran. Gleichwohl wollen sie auf der linken Seite noch in diesem Jahr den Durchbruch scha
Tunnelportal an der Westseite des Pirnaer Kohlbergtunnels: 250 Meter der Röhre entstehen unter Tage, wegen des mürben Gesteins im Berg kommen die Mineure nur langsam voran. Gleichwohl wollen sie auf der linken Seite noch in diesem Jahr den Durchbruch scha © Marko Förster

Seit Tagen tut sich nichts

Die Anzeichen darauf verdichteten sich schon vor einigen Tagen durch Hinweise von Anwohnern, so beispielsweise von Thomas Tschirpig, der unweit der Baustelle wohnt.

Als Anlieger der Tunnelbaustelle, so schildert er, habe er sich im Winter nachts die Hofbeleuchtung sparen können, weil die Baustellenlampen sein Grundstück fast taghell ausleuchteten. Doch nun sei es schon seit geraumer Zeit nachts an der Baustelle dunkel, seit einigen Tage tue sich dort scheinbar gar nichts mehr. "Ruht die Baustelle? Technische Probleme? Ist noch Licht am Ende des Tunnels?", fragt er.

Und in der Tat - sein Eindruck täuscht nicht: Tatsächlich ruhen die Vortriebsarbeiten am Kohlbergtunnel derzeit, das hat inzwischen die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges), Bauherr der Südumfahrung, auf Anfrage von Sächsische.de bestätigt.

Bisherige Bautechnologie steht infrage

Grund für den vorübergehenden Stopp seien laut der Deges umfangreiche Sicherungs-, Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten, die derzeit ausgeführt werden müssten. Zudem sei für den Vortrieb im Tunnelbau zu prüfen, ob in Anbetracht der vorgefundenen geologischen Verhältnisse mit der bisherigen Technologie weitergearbeitet werden kann oder die Geräte technisch umgerüstet werden müssen. Nach SZ-Informationen gibt es mindestens ein weiteres Problem: Die im Gebiet lebenden Fledermäuse werden offenbar durch die Nachtbaustelle gestört. Auf eine entsprechende Anfrage kam aber von der Deges weder eine Bestätigung noch ein Dementi.

Der Tunnelbau hat es in sich. In offener Bauweise - also Taleinschnitt ausheben, Wände und Boden formen, zum Schluss Deckel drauf - ließ sich das Bauwerk nicht errichten, weil oben auf dem Kohlberg ein streng geschützter Mischwald steht.

Angesichts der komplizierten Geologie - das Gestein im Kohlberg ist brüchig und sehr mürbe, die Überdeckung über dem Tunnel ist mit 15 bis 18 Meter recht gering - blieb nur noch der sogenannte bergmännische Vortrieb.

Mineure kommen nur langsam voran

Wegen des bröseligen Berginneren wurde der Tunnelquerschnitt dafür in sechs Segmente eingeteilt, die in einer festgelegten Reihenfolge aus dem Berg gebrochen werden. Dabei ist die linke Seite im Vorlauf, dann folgt die rechte, zum Schluss das Mittelteil.

Bei einem sogenannten Abschlag meißelt ein Bohrgerät in einem Segment etwa eine 80 Zentimeter dicke Schicht aus dem Berg. Zwei bis drei Abschläge schaffen die Mineure am Tag. Mehr geht nicht, weil nach jedem einzelnen Arbeitsschritt die Tunnelwand aufwendig mit Spitzbeton gesichert werden muss, damit kein Gestein nachrutscht.

Als die Tunnelpatin nebst ihrem Mann, Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD), Anfang Juli über die Baustelle tourte, waren die Mineure auf der linken Seite 120 Meter, auf der rechten Seite 80 Meter in den Berg vorgedrungen.

Im Spätherbst, auf alle Fälle noch vor Weihnachten in diesem Jahr, wollten die Tunnelbauer zumindest auf der linken Seite den Durchbruch zur Kohlberg-Ostseite schaffen.

Schwierige Geologie ist bekannt

Wieso nun mittendrin geprüft werden muss, ob man mit der bislang funktionierenden Technik weiterbauen kann, erschließt sich daher nicht so ganz. Denn die geologischen Verhältnisse im Kohlberg sind hinreichend bekannt, die Bautechnologie mit dem bergmännischen Vortrieb war extra deswegen gewählt worden - und stand schon seit geraumer Zeit fest. Gleichwohl hat sich die Geologie im Kohlberg insgesamt schon vor einiger Zeit zeitverzögernd auf dem Bau der Südumfahrung ausgewirkt.

Die aufgrund des brüchigen Gesteins gewählte Bauweise ist eine sehr langsame. So stand schon im November 2019 fest: Wegen des Kohlbergtunnels wird die Südumfahrung insgesamt nicht wie ursprünglich geplant 2022, sondern erst 2023 fertig.

Zwangspause im Januar

Nach früheren Plänen sollte der Tunnelbau im Februar 2020 beginnen, Tunnelanstich war aber erst im September vergangenen Jahres. Und zu allem Überfluss kam dann auch noch die Corona-Pandemie dazu. Das Virus bescherte den Tunnelbauern Anfang dieses Jahres eine Zwangspause. Mitte Januar mussten die Arbeiten vorübergehend eingestellt werden. Mehrere Mineure waren positiv auf das Virus getestet worden, andere befanden sich unterdessen in Quarantäne. Daher ruhte der Vortrieb zeitweise, im Februar konnte es dann weitergehen.

Durchbruch doch noch in diesem Jahr?

Nach dem derzeitigen, neuerlichen Baustopp wegen der Überprüfung sollen laut Deges im Anschluss daran die Bauarbeiten am Tunnel wieder aufgenommen werden. Wann das sein wird, ist noch unklar. Der Bauherr rechnet aber nicht damit, dass sich die Unterbrechung auf die Gesamtbauzeit auswirkt. Man gehe davon aus, so die Deges, dass der Durchstich zur Kohlberg-Ostseite noch in diesem Jahr erfolgen wird und der Tunnel wie geplant im Jahr 2023 fertiggestellt werden kann.

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