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30 Jahre Wir

Als der verbotene Gipfel gestürmt wurde

Vor 30 Jahren öffneten sich die Tore auf dem Keulenberg - bis dahin einer der geheimsten Orte im Landkreis Bautzen.

Sebastian Klotsche aus Höckendorf ist einer der Autoren des kalendarischen Jahrbuchs für das Keulenberggebiet. Das ist jetzt erschienen.
Sebastian Klotsche aus Höckendorf ist einer der Autoren des kalendarischen Jahrbuchs für das Keulenberggebiet. Das ist jetzt erschienen. © Matthias Schumann

Höckendorf. Ein Kalender mit 14 Monatsblättern ist schon ungewöhnlich. Was Sebastian Klotsche jetzt präsentiert, ist noch mehr als das. Es ist ein kalendarisches Jahrbuch für das Keulenberggebiet. Das erscheint aus einem besonderen Anlass, die Öffnung der Berliner Mauer im November 1989. Die Idee entstand bereits vor zwei Jahren, erklärt der Höckendorfer. Er habe ein Faible für die Natur und Regionalgeschichtliches. Und 30 Jahre Mauerfall haben für die Anrainer des Keulenbergs, des Bergs der Heimat, noch eine besondere Bedeutung. Es sind auch 30 Jahre Gipfelöffnung – drei Tage nach dem Mauerfall, weiß Sebastian Klotsche. Beides ereignete sich im November 1989. Genau deshalb hat der Almanach 2019/2020 auch 14 Seiten. Er beginnt mit dem November bereits in diesem Jahr.

Damals vor 30 Jahren fiel nicht nur die Berliner Mauer. Im Wendeherbst eroberten sich die Bürger auch ihren Keulenberggipfel zurück. Der war 1962 militärisches Sperrgebiet geworden. Schon ein paar Tage vor dem Mauerfall planten Oberlichtenauer Bürger um Roland Kirfe an einem geheimen Ort, den Berg zu befreien und wieder als Naherholungsgebiet zu entwickeln. An jenem 12. November zogen Hunderte Bürger aus allen Richtungen auf den gesperrten Keulenberg-Gipfel, um ihn wieder in Besitz zu nehmen. Aus der Initiative wurde später der Verein der Keulenbergfreunde.

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Das erste Kalenderblatt „November 2019“ erinnert daran. Sebastian Klotsche selbst war damals Student in Halle und kam erst etwas später im Jahr 1989 auf den wieder geöffneten Berg der Heimat, einem Freiheitssymbol. Aber Erinnerungen hat auch er viele an den Berg. Schon mit den Eltern sei er oft auf den Gipfel gewandert. Und als kleiner Junge durch den Maschendraht aufs verbotene Terrain geschlüpft: „Das haben die Eltern aber gar nicht gern gesehen und geschimpft.“

Unterstützung von Ortschronisten

Die Bilder stünden bei dem Almanach im Vordergrund, erklärt Sebastian Klotsche. Diese werden durch kurze Texte begleitet. Das sei ein bisschen der heutigen Zeit geschuldet. Vier Autoren arbeiteten an dem Jahrbuch. Dazu gehörten Cornelia Schlegel und Dirk Synatzschke, die beruflich beim Sachsenforst tätig sind. Dirk Synatzschke steuerte auch zahlreiche Fotos bei – mit Bezug zur Jahreszeit. Der Königsbrücker Historiker Dr. Lars-Arne Dannenberg taucht in der Einführung in die Keulenberggeschichte ein.

Unterstützung fanden die Autoren bei mehreren Ortschronisten und Heimatfreunden der Keulenbergregion, die mit ihrem Wissen zum Gelingen dieses Werkes beitrugen, erklärt Mitautor Sebastian Klotsche. So entführt der Almanach in die Zeit des Siebenjährigen Krieges, als der Preußenkönig das Oberlichtenauer Schloss plündern ließ. Forst und Jagd zu DDR-Zeiten spielen eine Rolle und die Bergfestivitäten, ebenso wie die Sagenwelt um den „Mons Radbizc“. Den Berg, auf dem die Götter wohnen, wie der Keulenberg einst genannt worden sei.

Der Redaktion sei es zudem wichtig gewesen, die sechs Gemeinden rund um den Berg alle mit einzubeziehen. „Es sollen sich ja viele Menschen von dem Almanach angesprochen fühlen“, erklärt der Höckendorfer. Eine Besonderheit sei die ausklappbare Karte des Keulenberggebietes. Dort sind die Orte verzeichnet, die in den Kalenderblättern thematisiert werden. Der Gipfel als Berg der Heimat sei leider nicht mehr so präsent wie in der Vergangenheit. Nach der Wende sei Euphorie, Aufbruchstimmung gewesen. Am Himmelfahrtstag 1990 nach der Öffnung des Gipfelareals stürmten 5 000 Menschen auf den Berg. 

Sogar die ursprüngliche Baude sollte wieder aufgebaut werden. Dann sei Ernüchterung gekommen, bis zur Auflösung des Keulenbergvereins und des Niedergangs der Gastronomie, berichtet Sebastian Klotsche. Die Jugend identifiziere sich weniger mit dem Berg als in früheren Jahren. Aber die Neugründung eines Gipfelvereins gebe Hoffnung. Und auch das Jahrbuch soll den Keulenberg wieder ein bisschen in den Fokus rücken. Auch überregional, vielleicht bis Bautzen und Dresden. Außerdem lassen sich über einen QR-Code auf dem Novemberblatt zusätzlich Informationen mit dem Smartphone abrufen und machen Lust auf mehr.

Auf dem letzten Kalenderblatt „Wege im Advent“ bleibe das Ende offen. Die Zeilen sind mit dem Wunsch verknüpft, nicht nur im Advent gemeinsam auf den Berg zu steigen und immer neugierig auf Neues zu sein, das zu entdecken ist, das entsteht, denkt Sebastian Klotsche. Vielleicht ja auch ein weiterer Almanach im kommenden Jahr. Wenn die Premiere gut ankommt.

50 Stück gibt es von diesem Jahrbuch in der ersten Auflage zum Preis von 24,90 Euro inklusive Hülle. Zu einer Einführungsveranstaltung wird am 10. November, um 17 Uhr in die Medienscheune eingeladen. Der Historiker Dr. Dannenberg hält einen Vortrag.

Herausgeber des kalendarischen Jahrbuchs: Eigenverlag Medien und Natur Karina Klotsche; weitere Infos unter www.medien-scheune.de

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