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Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Das Dresdner Theater Junge Generation zeigt auf der Bühne, wie ein ostdeutscher Junge zum Neonazi wird.

Von Johanna Lemke
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Die Hauptfigur Mimi wird gleich von vier Darstellerinnen gespielt.
Die Hauptfigur Mimi wird gleich von vier Darstellerinnen gespielt. © Marco Prill

Unter dem Hashtag #baseballschlaegerjahre entstand auf Twitter Ende letzten Jahres eine überraschende Häufung von Geschichten. Menschen posteten ihre Erlebnisse aus den frühen 90er-Jahren, als Neonazis vor allem im Osten Deutschlands ihr Unwesen trieben. Alle, die in dieser Zeit in den neuen Bundesländern jugendlich waren, erzählen ähnliche Geschichten: von kahlgeschorenen Köpfen und Springerstiefeln, von willkürlichen Angriffen auf alle, die politisch anders eingestellt waren oder nur so aussehen, vom „Zündeln“, das in brennenden Asylbewerberhäusern endete. 

Es war eine Zeit, in der die eine Struktur wegfiel und die andere noch nicht aufgebaut war. Jugendliche waren Brüchen in ihren Familien ausgesetzt, dem Wegfall von sozialem Halt. Neonazis nutzten diese Lücke und sorgten vielerorts für Angst und Schrecken. Die medial erstaunlich wenig wahrgenommene Aktion #baseballschlaegerjahre fragte nun nicht mehr danach, wie Täter zu Tätern wurden oder werden, sondern wie die Opfer zu leben hatten.

Diese Perspektive nimmt auch Manja Präkels autobiografisch geprägter Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ein. Präkels, 1974 geboren, beschreibt darin die Kindheit und das Erwachsenwerden in einer brandenburgischen Kleinstadt, den Bruch nach der Wende. Das Buch wurde 2018 mit dem Jugendliteraturpreis gekürt, nun hat das Dresdner Theater Junge Generation den Stoff auf die Bühne geholt.

Nils Zapfe besorgte die Regie und schrieb auch die Theaterfassung. Die Inszenierung für Jugendliche ab 14 richtet sich an Menschen, deren Eltern jene Jahre erlebten. Bereichernd wird sie aber auch für diese Eltern selbst sein. Toll wäre es, sie ergriffen die Chance, gemeinsam mit ihren heranwachsenden Kindern ihre vielleicht ähnlich erlebte Jugendzeit zu reflektieren.

Gespielt wird die Hauptfigur Mimi von vier Darstellerinnen: Marie Thérèse Albrecht, Gina Markowitsch, Susan Weilandt und Lola Mercedes Wittmann, die auch alle anderen Rollen übernehmen. Von diesen gibt es eh wenige, Zapfes Inszenierung bleibt nah am erzählenden Text und wirkt zu Beginn fast wie eine szenische Lesung.

Anfangs sind die Spielerinnen noch eng miteinander verbunden, sie bilden einen Körper, der aus Mimis Kindheit berichtet. Vom Biergeruch des Vaters und dem Knutschmund der Mutter, von Familienfesten und Ferienlagern, vom Rauchen auf dem Schulhof und ersten Küssen. Davon, wie sie mit Oliver unterm Tisch Schnapskirschen aß, während sich die Erwachsenen oben zuprosteten.

Dabei fördern die Mimi-Figuren meterweise Gardinenstoff zutage, er kommt aus allen Ecken und Ritzen und steht für das nie abreißende Band der Erinnerung, vielleicht auch für den Kleinstadtmuff oder den Schleier des Vergessens, der sich über die Jahre legt. Die Bahnen werden verknotet, über die Bühne gesponnen, langsam entsteht ein Netz, in dem Mimi hängt – wackelig, wie jede 15-Jährige.

© Marco Prill

Weil in dieser Lebensphase die Mauer fällt, gerät Mimis Leben in Schieflage. Ihre Mutter, überzeugte Pionierleiterin an der Schule, wird von einem Tag auf den anderen zur Geschassten, bespuckt auf dem Heimweg. Andere Eltern verlieren ihre Jobs, fast beiläufig wird von Selbstmorden erzählt, von psychischen Erkrankungen und gescheiterten Ehen. Manche gehen in den Westen, andere versuchen sich irgendwie durchzuschlagen. Und die Teenies? Sind, so erzählt es Mimi, auf sich allein gestellt. Neonazis werden bewundert und gefürchtet. Sie bestimmen bald das ganze Lebensgefühl in der fiktiven Kleinstadt, tauchen in Horden auf und prügeln alles, was ihnen begegnet. Aus Angst geht man nicht mehr allein auf die Straße. Oliver, mit dem Mimi einst Schnapskirschen klaute, wird zum Nazi-Anführer – er heißt ab sofort nur noch „Hitler“.

Nils Zapfe gelingt es, den gesamten Roman auf anderthalb atemlose Stunden zu verdichten, ohne dass ihm Wesentliches abhandenkäme. Die Gefahr des Nazi-Klischees umgeht er durch konsequente Überzeichnung. Während eine Mimi erzählt, karikieren zwei andere das Geschehen. Die große Schlägerei, an deren Ende eine von den vermeintlichen „Zecken“ in der eigenen Blutlache stirbt, wird untermalt von einem absurden Tanz mit Masken. So vermittelt sich das dumpfe Gefühl, ganz ohne Springerstiefel, wenn Mimi erzählt, dass sie sich jetzt die Augen dunkel anmalt und schwarze Klamotten trägt, wenn dazu „Ride with my best friend“ von Depeche Mode erklingt, jener Band, die im Nachwende-Osten zur Band einer ganzen Generation wurde.

Am Ende ist die Bühne ganz frei von Gardinen, frei vom Kindheitsmuff, und Mimi flieht: nach Berlin. Bloß weg.

Wieder am 30. Januar und dann ab März im Theater Junge Generation Dresden.