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Corona: Der Altenheim-Report

Die Lage in Einrichtungen für Senioren ist besonders schwierig. Wie gehen die Betreiber mit der Krise um? Eine Analyse.

Das Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes in Hohnstein in der Sächsischen Schweiz verzeichnete bislang 16 Infektionen und einen Todesfall.
Das Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes in Hohnstein in der Sächsischen Schweiz verzeichnete bislang 16 Infektionen und einen Todesfall. © Marko Förster

Stationär betreute Senioren und ihr Pflegepersonal sind eine besonders gefährdete Risikogruppe. Das Robert Koch-Institut spricht nicht grundlos „von hohen Fallzahlen“. Einen Aufnahmestopp lehnen die Heimbetreiber jedoch ab. Sie kritisieren die staatliche Verteilung von Schutzkleidung. Der Überblick:

Wie ist die Lage in Deutschland?

Bis zum Dienstag waren nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) gut 9.000 Corona-Fälle bei Betreuten und 5.700 bei Beschäftigten in Altenpflegeheimen gemeldet. Das sind zusammen rund zehn Prozent aller bestätigten Infektionen. Rund 1.500 Bewohner starben, das sind fast 30 Prozent aller Covid-19-Todesfälle. Die Dunkelziffer ist laut RKI allerdings höher, da bei mehr als 40 Prozent aller Meldungen Angaben fehlten, wo genau die Infektionen aufgetreten sind.

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Gibt es regionale Auffälligkeiten?

In einem Heim der Diakonie in Wolfsburg geht die Staatsanwaltschaft dem Verdacht der fahrlässigen Tötung nach. Im März hatte sich rund die Hälfte der 165 Bewohner angesteckt. 42 von ihnen sind bislang gestorben. In einem Heim im Kreis Karlsruhe infizierten sich fast drei Viertel der 180 Bewohner, 28 von ihnen sind tot. 17 Senioren ließen ihr Leben in einer Würzburger Einrichtung. 15 Bewohner starben in einem Heim im oberbayerischen Aschgau, 13 in einer Seniorenresidenz bei Fürth.

© SZ Grafik

Wie ist die Lage in Sachsen?

Nach Auskunft des Gesundheitsministeriums sind 42 der insgesamt 970 Altenpflegeheime im Freistaat betroffen. Positive Testergebnisse gab es bei 301 Bewohnern und 221 Mitarbeitern. Von den 122 an Covid-19 verstorbenen Sachsen lebten
40 in einem Heim.

  • Allein im Bethlehemstift im erzgebirgischen Zwönitz starben 14 Bewohner, obwohl nach Angaben der örtlichen Diakonie bereits eine Woche vor der ersten Allgemeinverfügung ein Besuchsverbot erteilt worden war.
  • Das Heim der Diakonissenanstalt Emmaus in Niesky beklagt inzwischen acht Tote; dort sind 50 Bewohner und 30 Beschäftigte infiziert.
  • Ebenfalls arg betroffen mit acht Toten ist das städtische Altenheim in Radeberg; dort sind 38 Senioren und zehn Pfleger infiziert.
  • Das Diakonie-Haus in Klein Priebus im Landkreis Görlitz meldet drei verstorbene Senioren.
  • In einem ebenfalls von der Diakonie betreuten Haus in Hoyerswerda überlebten drei Bewohner Covid-19 nicht.
  • Das Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Hohnstein in der Sächsischen Schweiz, ein Heim in Radebeul sowie ein Diakonie-Haus in Leipzig verzeichnen jeweils einen Todesfall.
  • Größere Infektionsausbrüche gibt es zudem in Marienberg, in Hochweitzschen bei Döbeln sowie im Vogtlandkreis.
  • Im Landkreis Zwickau mit dem Corona-Hotspot Bernsdorf sind zwölf Heime mit insgesamt 51 Pflegekräften und 70 Bewohnern betroffen.
  • Weitere Infektionen werden aus drei Heimen in Dresden gemeldet.

Wie geht der Freistaat mit der Situation um?

Die Landesregierung lässt alle Bewohner und Pflegekräfte eines Heims testen, sobald dort ein positiver Fall auftritt. Außerdem sollen in Pflegeeinrichtungen alle Senioren und Mitarbeiter einen Rachenabstrich machen, die Covid-19-typische Symptome wie Fieber, Husten oder Kurzatmigkeit haben. Bis zur Bekanntgabe der Testergebnisse dürfen die Pfleger nur mit entsprechender Schutzausrüstung arbeiten. Die Landesregierung geht damit nach eigenen Angaben sogar über die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts hinaus.

Eine Frau in Schutzanzug nimmt in einem Altenzentrum einen Abstrich zur Testung auf das Coronavirus bei einer Mitarbeiterin.
Eine Frau in Schutzanzug nimmt in einem Altenzentrum einen Abstrich zur Testung auf das Coronavirus bei einer Mitarbeiterin. © dpa

Reicht das?

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe fordert, auch die Personen zu erfassen, die keine Covid-19-Symptome zeigten, aber im Rahmen der Inkubationszeit das Virus weitertragen könnten. Bezogen auf Sachsen müssten dann rund 58.200 Heimbewohner und etwa 41.300 Pflegekräfte getestet werden.

Unterstützt wird die Idee etwa vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) oder der Alloheim-Gruppe. Dieser Konzern betreut in Ostsachsen neun „Residenzen“ mit rund 850 Plätzen. „Wir empfehlen der Politik dringend, idealerweise alle Bewohner und alle Mitarbeiter zu testen“, sagt Sprecherin Alja-Claire Dufhues.

Auch die Konkurrenz von Pro Seniore des Wormser Unternehmers Hartmut Ostermann fordert das: „Sobald es die Testkapazitäten erlauben, sollte eine durchgehende prophylaktische Untersuchung aller in Senioreneinrichtungen lebenden und arbeitenden Personen gemacht werden.“

Sascha Bock, Geschäftsführer der Oberlausitz Pflegeheim & Kurzzeitpflege gGmbH, merkt jedoch an: „Allein in unserem Haus in Bischofswerda müssten täglich rund 700 Personen getestet werden, was logistisch und finanziell eine sehr große Herausforderung darstellt.“

Ähnlich argumentiert das Diakonische Werk Sachsen. „Eine regelmäßige Testung ist aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweisen der Gesundheitsämter und offenbar nicht ausreichend vorhandener Tests nicht machbar.“

Die Cultus gGmbH der Stadt Dresden plant „eine wohnbereichsweise Testung von Mitarbeitern im Corona-Drive-In auf dem Messegelände“.

Für wöchentliche Tests der Mitarbeiter spricht sich der Landesgeschäftsführer des Arbeitersamariterbunds in Sachsen, Uwe Martin Fichtmüller, aus.

Im Radeberger Alten- und Pflegeheim sind acht Menschen gestorben.
Im Radeberger Alten- und Pflegeheim sind acht Menschen gestorben. © Marion Doering

Wie hat sich das Leben in Seniorenheimen verändert?

Der gravierendste Einschnitt ist das Besuchsverbot. Geburtstagsfeiern, Kartenspielrunden, Beschäftigungstherapien finden nicht mehr statt. Mahlzeiten werden nicht im Essensraum, sondern in den Zimmern eingenommen. Auch Spaziergänge über die Flure und gegenseitige Besuche sind nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich.

Besonders betroffen sind demente Senioren. „Ihnen erklären zu wollen, wie man eine Gesichtsmaske trägt oder Abstand zueinanderhält, das ist schlichtweg unmöglich“, sagt Alloheim-Konzernchef Raphael Gilberg. Dies sei auch der Grund, warum sich Infektionen in den Demenzbereichen in „atemberaubender Geschwindigkeit“ ausbreiten könnten.

Von der Idee des Ärztepräsidenten Klaus Reinhardt, die Kontaktverbote zu lockern, „wenn Angehörige Schutzkleidung tragen“, halten die Heimbetreiber derzeit wenig.

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Sachsen etwa rechnet vor, deutschlandweit gebe es in jeder Pflegeeinrichtung nur einen Bewohner mit dem Virus Sars-Cov 2. Das sei eine sehr geringe Infektionsrate und nur der Tatsache zu verdanken, dass der Zugang rasch begrenzt wurde.

Einer Seniorenheimbewohnerin wird durch ein Fenster ein Foto aufm dem Handy gezeigt.
Einer Seniorenheimbewohnerin wird durch ein Fenster ein Foto aufm dem Handy gezeigt. © dpa

Welche Alternativen bieten die Heimbetreiber?

Postkarten, Kinderbilder, kleine Präsente. Sogar Brieffreundschaften werden wiederbelebt. Aber auch Videotelefonie hält Einzug in die Häuser – wenn das Personal die Zeit hat, den älteren Leuten die Technik zu erklären.

Der ASB hat teilweise Skype-Ecken eingerichtet. Bei der Alloheim-Gruppe heißt es, noch in dieser Woche bekämen sämtliche Häuser rund 700 Smartphones mit großen Datenvolumen, Pro Seniore stellt firmeneigene Tablets zur Verfügung. Die Heime des Landkreises Bautzen informieren bei Facebook.

Bei der Diakonie heißt es, mitunter seien Teile des Gartens umzäunt worden. Dort könnten sich dann ein Bewohner und ein Angehöriger im Mindestabstand von zwei Metern für 15 Minuten und unter Aufsicht treffen.

Die Dresdner Cultus gGmbH hat „feste Meeting-Points neu errichtet“. In den Heimen des ASB sowie der Awo gibt es teilweise Hofkonzerte oder Balkongespräche.

Der Sprecher des DRK Sachsens, Kai Kranich, schildert einen Fall aus einem Görlitzer Pflegeheim. Dort habe ein Ehepaar wegen des Besuchsverbots seinen 66. Hochzeitstag nicht gemeinsam feiern können. Die Mitarbeiter hätten daraufhin liebevoll einen Vorplatz gestaltet, „damit die Eheleute zumindest in Sichtweite miteinander anstoßen konnten“.

Musiker spielen ein kleines Konzert vor einem AWO Seniorenhaus.
Musiker spielen ein kleines Konzert vor einem AWO Seniorenhaus. © dpa

Welche Probleme gibt es beim Personal?

„Schon unter normalen Umständen ist die Personaldecke viel zu dünn“, sagt Steffen Lemme, der Landesgeschäftsführer der Volkssolidarität Sachsen. Neben dem öffentlichen Dank müsse es finanzielle Boni geben. „Wir arbeiten mit aller Kraft daran, dass eine Zuzahlung in Höhe von 1.500 Euro durch die Pflegekassen zusätzlich erfolgt.“ Doch das lehnen die Kassen ab, die Gesamtkosten der Prämie beliefen sich auf eine Milliarde Euro.

Nun will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vermitteln. Die sächsische AfD-Landtagsfraktion fordert eine Prämienzahlung von bis zu 1.000 Euro aus Landesmitteln. Die Awo lenkt ihr Augenmerk auch auf die Stigmatisierung von Pflegepersonal. Mitarbeiter würden von Teilen der Bevölkerung unter den grundsätzlichen Verdacht der starken Verbreitung des Virus gestellt.

In Wolfsburg verweigern nach Angaben der Diakonie bereits einige Supermärkte, Bäckereien und Tankstellen Pflegekräften in Dienstkleidung den Zutritt. Das sächsische Gesundheitsministerium betont, bei Personalengpässen gebe es „eine zum Teil trägerübergreifende Unterstützung aus benachbarten Einrichtungen“.

Sollte für Altenheime ein Aufnahmestopp gelten?

In Bayern und Niedersachsen ist das schon angeordnet, in Sachsen wird das abgelehnt.

  • Die Firmengruppe des Dessauer Unternehmers Burchard Führer, das unter anderem das mit 460 Plätzen größte Altenheim Ostsachsens in Pirna betreibt, lehnt einen generellen Aufnahmestopp ab. „Das würde in vielen Fällen die bisher betreuenden Familien oder Institutionen vor große Probleme stellen“, teilt ein Sprecher mit.
  • Für das DRK ist dieser Schritt „nicht lebensnah“, für die Awo ist das die „letzte aller Möglichkeiten“. Vielmehr sollte zuvor geprüft werden, ob neue Bewohner zunächst in Quarantäne unterzubringen sind und nach ihrem Einzug über eine längere Zeit engmaschig getestet werden.
  • Die Diakonie stellt in manchen ihrer 46 ostsächsischen Heime ungetestete Rückkehrer oder Neuzugänge aus dem Krankenhaus 14 Tage unter Quarantäne.
  • Die Volkssolidarität regt einen Test für jede Neuaufnahme an. Eher unklar ist die Regelung im Umgang mit Covid-19-Patienten, die nach einem Krankenhausaufenthalt ins Heim zurück sollen.
  • Bei der Pflege Oberlausitz heißt es, solche Bewohner könnten vorübergehend in den derzeit fast nicht belegten Reha-Kliniken untergebracht werden.

Können sich die Einrichtungen ausreichend schützen?

„Schutzkleidung ist und bleibt eine Engpass-Ressource“, teilt der DRK-Landesverband Sachsen mit. Seine Kreisverbände betreiben 37 Pflegeheime mit rund 2.600 Plätzen.

Bei der Diakonie heißt es, die Versorgung mit Masken stabilisiere sich, Schutzkittel hingegen seien Mangelware, die Preise „teilweise unverschämt“.

Matthias Beine, der Chef des städtischen Pflegebetriebs Cultus in Dresden, sagt: „Vorsichtig formuliert ist eine Versorgung aktuell gesichert.“

Von einer „wiederholt extremen Knappheit bei Desinfektionsmitteln“ berichtet der ASB, der 18 Heime in Ostsachsen führt.

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Auch die Dessauer Führer-Gruppe meldet „keine Versorgungsengpässe“.


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