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Ein Lebenswerk in 20 Minuten zerstört

Die Flutkatastrophe vor zehn Jahren spülte nicht nur jahrelang Aufgebautes bei Andrea und Dirk Haufe in Hagenwerder weg, sondern beinahe auch eine Existenz.

So hoch etwa stand vor zehn Jahren das Hochwasser auf dem Grundstück von Andrea und Dirk Haufe in Hagenwerder.
So hoch etwa stand vor zehn Jahren das Hochwasser auf dem Grundstück von Andrea und Dirk Haufe in Hagenwerder. © André Schulze

Warum Dirk Haufe neben den wichtigsten Dokumenten auch eine Hartwurst mit in die obere Etage seines Hauses in Hagenwerder nahm, ist ihm ein Rätsel. Auch genau zehn Jahre danach weiß er die Antwort nicht. Doch jene Stunden, als er so reagierte, wird er nie vergessen.

Mittlerweile kann er über jene Zeit sprechen. Lange ging das nicht, fand er keine Worte, bildete sich der sprichwörtliche Kloß im Hals, füllten sich seine Augen mit Tränen. Innerhalb von 20 Minuten zerstörte die Flut, ausgelöst durch den Bruch des Witka-Staudammes in Polen am 7. August 2010, das Lebenswerk von Andrea und Dirk Haufe. Das Ehepaar, er heute 51 Jahre alt, sie 54,  war gerade fertig mit dem Hausbau und der Gestaltung des Gartens in Hagenwerder. Ein kleines Paradies hatten sie sich geschaffen.

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Wasser schoss aus Waschbecken und Toilette

"Wir müssten raus aus dem Haus, Hochwasser käme, so meldete sich mein Sohn", erzählt Dirk Haufe. Und schon war es da, der Hof füllte sich rasend schnell mit Wasser. Es lief zu den Türen herein, schwappte über die Fensterbretter. Aus Toiletten und Waschbecken schoss es heraus. Es blubberte im ganzen Haus. 

In diesem Moment war es Andrea Haufe, die klaren Kopf behielt. Sie instruierte ihren Mann, die wichtigsten Papiere einzusammeln und nach oben zu bringen. Sie selbst griff noch zwei Fotoalben der Familie. Dann war alles zu spät. "Viel schneller, als man eine Badewanne füllen kann, lief unser Haus voll. Wir waren völlig abgesoffen."

In Schockstarre verbrachten sie die Nacht in der oberen Etage. Der nächste Morgen war gespenstisch: Sonnenschein, die Vögel zwitscherten, ansonsten vollkommene Stille. Und überall Neiße-Wasser, eine dreckige, stinkende Brühe. Schließlich flog ein Hubschrauber übers Haus. Mit einem Bettlaken machten sich Haufes bemerkbar. Mittags kam ein Schlauchboot. Die Feuerwehr holte Haufes ab. Erst da erfuhren sie, was überhaupt passiert war. Bei Freunden in Gersdorf kamen sie unter. 

Die Foto-Montage zeigt Andrea und Dirk Haufe (rechts) heute auf dem trockenen Garagenvorplatz. Links ist der Wasserstand von vor zehn Jahren einen Tag nach dem Staudammbruch zu sehen, aufgenommen jeweils aus dem Badfenster des Hauses.
Die Foto-Montage zeigt Andrea und Dirk Haufe (rechts) heute auf dem trockenen Garagenvorplatz. Links ist der Wasserstand von vor zehn Jahren einen Tag nach dem Staudammbruch zu sehen, aufgenommen jeweils aus dem Badfenster des Hauses. © André Schulze
Heute, zehn Jahre nach dem Hochwasser, erinnern nur noch die Marken an der Wand an die Wassermassen auf dem Grundstück von Andrea und Dirk Haufe. Beide können heute wieder lächeln. Lange war ihnen aber nicht danach zumute.
Heute, zehn Jahre nach dem Hochwasser, erinnern nur noch die Marken an der Wand an die Wassermassen auf dem Grundstück von Andrea und Dirk Haufe. Beide können heute wieder lächeln. Lange war ihnen aber nicht danach zumute. © André Schulze
Es herrscht "Arbeitsteilung" bei Haufes: Sie werkelt im Haus, er draußen. Den Garten, hier nur ein kleiner Teil davon, hat Dirk Haufe wieder in ein Paradies verwandelt. 
Es herrscht "Arbeitsteilung" bei Haufes: Sie werkelt im Haus, er draußen. Den Garten, hier nur ein kleiner Teil davon, hat Dirk Haufe wieder in ein Paradies verwandelt.  © André Schulze
Eine Woche alt war das rote Sofa, bevor es die Flut vernichtete.
Eine Woche alt war das rote Sofa, bevor es die Flut vernichtete. © Andrea und Dirk Haufe
Blick aus dem Badfenster zur Einfahrt auf das Grundstück. Viele Pflanzen haben das Hochwasser nicht überlebt. Die Hecke rechts im Hintergrund auch nicht.
Blick aus dem Badfenster zur Einfahrt auf das Grundstück. Viele Pflanzen haben das Hochwasser nicht überlebt. Die Hecke rechts im Hintergrund auch nicht. © Andrea und Dirk Haufe
Im Wohnzimmer stand einen Tag nach der Flut noch immer das Wasser, genau so hoch wie draußen. Auch zahlreiche Zimmerpflanzen gingen nach der Flut ein.
Im Wohnzimmer stand einen Tag nach der Flut noch immer das Wasser, genau so hoch wie draußen. Auch zahlreiche Zimmerpflanzen gingen nach der Flut ein. © Andrea und Dirk Haufe
Blick über den Garten zu den Nachbarn, auch am 8.8.2010 aufgenommen.
Blick über den Garten zu den Nachbarn, auch am 8.8.2010 aufgenommen. © Andrea und Dirk Haufe

Erst der Schock, dann überwältigt von der Hilfe

Drei Tage lang stand das Wasser. Dann der Schock: Ein Gutachter bestätigte Haufes den Totalschaden für ihr Haus. "Was wir mit viel Liebe und Mühe aufgebaut hatten, war dahin", sagt Dirk Haufe. Doch was er und seine Frau dann erlebten, war überwältigend. "Noch heute bekomme ich feuchte Augen, wenn ich daran denke", erklärt Haufe. "In zwei Wochen habe ich 117 verschiedene Menschen gezählt, die uns geholfen haben, nicht nur Verwandte und Bekannte, sondern auch für uns damals fremde Menschen." 

Was ist geblieben?

Geblieben ist Andrea und Dirk Haufe eine albtraumhafte Erinnerung: unter anderem an acht volle große Lkw-Ladungen voller Hausrat, der nicht mehr zu verwenden war. "Auf der letzten Fuhre thronte unser rotes Sofa, es war gerade eine Woche alt", erinnert sich Dirk Haufe. Die Geräusche der Trockner, die wochenlang ununterbrochen im Haus liefen, und das Blubbern im Haus, als das Wasser kam, kann er nie vergessen.

Geblieben ist trotz des erheblichen materiellen und finanziellen Verlustes - nur der Hausrat war gegen Elementarschäden versichert - ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl. Familie Haufe hat alle 117 Helfer später als Dank zu einer Feier eingeladen. " Das war eine sehr emotionale Fete" erinnert sich das Ehepaar. Jedes Jahr gibt es seither bei Haufes um den Jahrestag der Flut herum eine Hochwasser-Party mit Nachbarn und Helfern, von denen viele zu Freunden wurden.

An der Katastrophe ist das Ehepaar Haufe aber auch gewachsen. "Die Tragödie und der Wiederaufbau haben uns noch enger zusammengeschweißt", sagt Dirk Haufe. "Andrea  hat so eine Coolness gehabt, ich bin sehr stolz auf sie", sagt der Mann. 

Hochwasserschäden auch in der Firma

Der private Verlust des Wohnhauses war aber nicht der einzige, den Dirk Haufe bewältigen musste. Er betreibt seit Jahren in Weinhübel eine Werbeagentur. Jetzt in der Friedrich-Engels-Straße, damals noch in der Zittauer Straße. Intuitiv hatten Haufes Vater und Mitarbeiter schon am Sonnabendnachmittag des Fluttages alle technischen Geräte in der Firma hochgestellt. 

Obwohl der Stadtteil Weinhübel vom Hochwasser stark betroffen war, hatte Haufe mit der Firma Glück: Nur der Keller war voller Wasser. Doch das Glück war nur scheinbar. Das Wasser zog die Wände hoch und blieb. Schimmel bildete sich, die Druckfolien wellten sich. Als Übergangslösung zog die Firma eine Etage höher. 2014 schließlich erfolgte der Umzug in ein leer gewordenes Autohaus in Weinhübel.

Neuer Witka-Staudamm gibt gutes Gefühl

2015 waren Haufes mit der Wieder- und Neugestaltung von Haus und Garten nahezu fertig. "Aber meine Kraft war am Ende, das spürte ich damals sehr deutlich. Seitdem denke ich mehr an mich selbst und die Familie", erklärt der 51-Jährige. 

Den Bau des neuen Witka-Staudammes verfolgte er sehr genau. "Da hab ich ein gutes Gefühl, so viel Beton wie dort verbaut wurde", sagt er und ist froh, dass auch die reparaturbedürftigen Schutzdämme um Hagenwerder herum in Ordnung gebracht wurden.

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