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Der Sachse mit den blühenden Büchern

Die SZ stellt Erfindungen von hier vor, die unser Leben verbessern. Teil 6: Matabooks – Papier aus Gras, hergestellt in Dresden.

Bücher aus Graspapier kann man nicht nur lesen, sondern auch riechen.
Bücher aus Graspapier kann man nicht nur lesen, sondern auch riechen. © Thomas Kretschel

Die Revolution beginnt mit Kistenschleppen. Kay Hedrich stapelt die Kartons im Kofferraum. Die Zeit drängt, in wenigen Stunden beginnt in Löbau der Kreativworkshop. Dann packt er sie aus, die Bücher aus Graspapier, die so herrlich nach Omas Heuboden duften. Diese Bücher können das Verlagswesen revolutionieren, ist Kay Hedrich sicher. Und dafür schleppt er gern.

Der 35-Jährige liebt Bücher, verzichtet deshalb zu Hause sogar auf den Fernseher. Hedrich ließ sich zum Mediengestalter ausbilden, arbeitete in einer Druckerei, studierte Buch- und Medienproduktion und machte schließlich seinen Master in Medienmanagement. Er kennt die Branche, die Materialien und er kennt die Herausforderungen. Eine ideale Basis für seine Geschäftsidee, die während einer Projektarbeit entstand. 

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Kay Hedrich beschäftigte sich mit dem Graspapier und dessen Erfinder Uwe D'Agnone. Der Mittfünfziger war ursprünglich auf der Suche nach einem neuen Material für Verpackungen. Die saftig grünen Wiesen rund um das nordrhein-westfälische Hennef inspirierten ihn. Er machte Versuche und erfand das Graspapier. Der Name ist leicht irreführend. Denn auch heute noch werden dem Graspapier rund 50 Prozent Holzfasern beigemengt, um die nötige Festigkeit zu erreichen. Aber auch das soll sich ändern. „Wir wollen zu einem Papier kommen, das komplett aus Gras besteht“, sagt Kay Hedrich.

Bisher ist Holz der gebräuchlichste Rohstoff für die Papierherstellung. Jedes Jahr werden weltweit 15 Millionen Hektar Wald geschlagen. Und jeder fünfte Baum landet in der Papierindustrie. Doch selbst das waldreiche Deutschland kann seinen Eigenbedarf nicht decken und importiert Bäume aus Schweden, Finnland oder Brasilien. Manche Hölzer sind Tausende Kilometer unterwegs, bevor sie zu Papier verarbeitet werden.

Dieser Prozess ist energieintensiv und verbraucht viel Wasser. „Wir können rund 80 Prozent der Energie einsparen“, versichert Kay Hedrich. Der Wasserbedarf sinke von rund 5 000 Liter für eine Tonne Papier auf zwei Liter. Ein einfacher Grund: Die Graspapierherstellung kommt gänzlich ohne Chemie aus. Der Ligninanteil in den Grasstängeln ist 75 Prozent geringer als bei Bäumen. Das aufwendige Auswaschen mit Sulfaten oder Sulfiten wird daher überflüssig. 

Graspapier lässt sich viel einfacher herstellen. Das Gras wird geerntet, zu Heu sonnengetrocknet und in kleine Pellets gepresst. Die werden in der Papierfabrik in Wasser gelöst, gesiebt, gepresst und anschließend getrocknet. 

Kay Hedrich hatte die Idee und ist 2018 als Einzelkämpfer gestartet. 
Kay Hedrich hatte die Idee und ist 2018 als Einzelkämpfer gestartet.  © Ronald Bonß
Mittlerweile hat er fast 20 Mitarbeiter. 
Mittlerweile hat er fast 20 Mitarbeiter.  © Thomas Kretschel
Das Gras wird geerntet, zu Heu sonnengetrocknet und in kleine Pellets gepresst. Die werden in der Papierfabrik in Wasser gelöst, gesiebt, gepresst und anschließend getrocknet. 
Das Gras wird geerntet, zu Heu sonnengetrocknet und in kleine Pellets gepresst. Die werden in der Papierfabrik in Wasser gelöst, gesiebt, gepresst und anschließend getrocknet.  © Thomas Kretschel
Damit das Buch tatsächlich vegan wird, arbeitet Hedrich mit einem Buchbinderleim ohne tierische Zusätze.
Damit das Buch tatsächlich vegan wird, arbeitet Hedrich mit einem Buchbinderleim ohne tierische Zusätze. © Thomas Kretschel
 Das Unternehmen Matabooks hat drei Standbeine.
 Das Unternehmen Matabooks hat drei Standbeine. © Thomas Kretschel
© SZ

2018, im Jahr der Gründung von Matabooks, ließ Kay Hedrich das Papier noch außerhalb von Sachsen herstellen. Mittlerweile ist aus seinem Ein-Mann-Unternehmen eine Manufaktur mit 19 Mitarbeitern geworden. Das Unternehmen Matabooks hat drei Standbeine. Als Verlag werden eigene Bücher und Werke von Fremdautoren verlegt. Es gibt zahlreiche Druckaufträge. So hat das Sächsische Umweltministerium seinen Nachhaltigkeitsbericht auf Graspapier drucken lassen, und auch das Bundeslandwirtschaftsministerium buchte die kleine Dresdner Manufaktur schon. „Wir haben momentan mehr Aufträge als Kapazitäten“, sagt Kay Hedrich.

Dabei ist das Graspapier nicht der einzige Baustein seines veganen Buches. Die Seiten werden bereits mit einem Leim gebunden, der wasserbasiert ist. Er soll als erster biozertifizierter Buchbinderleim auf den Markt kommen. Bei den Einbänden verzichtet Kay Hedrich gänzlich auf Leder und die Lesezeichenbänder sind aus Baumwolle. Es gibt es Grußkarten und Notizbücher. „Unsere Bücher sind vegan und kompostierbar“, sagt Kay Hedrich, auch wenn er selbst es nie übers Herz brächte, ein Buch wegzuwerfen.

>>> Was sagt der Experte zum Buch aus Graspapier? Das lesen Sie hier.

>>> Wie riecht Graspapier eigentlich? Das lesen Sie hier.

Bleiben noch die Druckfarben. Der Farbstoff Karmin beispielsweise wird aus Cochenilleschildläusen gewonnen, die in Peru auf Kakteen gezüchtet werden. Kay Hedrich hat sich für Druckfarben entschieden, die ohne tierische Bestandteile und Mineralölzusätze auskommen. Es gibt bereits Anbieter auf dem Markt, aber die Entwickler von Matabooks arbeiten an Farben, die aus Meerespflanzen gewonnen werden. Sie sollen 2020 auf den Markt kommen.

Viel früher war die Markteinführung der ökologischen Gemüsebeutel angedacht. Mit ihnen hat sich das Unternehmen bei der Innovationsförderung der Stadt Dresden beworben und im Herbst 2018 exakt 485.000 Euro Fördermittel erhalten. Die Idee, die Plastiktüten an der Obst- und Gemüsetheke im Supermarkt künftig durch Beutel aus Graspapier zu ersetzen, kam gerade zur rechten Zeit, diskutiert ganz Europa doch gerade über die Abschaffung von Einwegverpackungen aus Plastik. 

Doch die Realisierung erweist sich schwieriger als gedacht. Zum einen müssen die Gemüsebeutel durchsichtig sein, damit sie an der Kasse nicht extra geöffnet werden müssen. Ein Kriterium, das das Graspapier nur teilweise erfüllt. Schwerer wiegt aber der Umstand, dass es sich gemäß der Kompostverordnung nicht schnell genug zersetzt und demnach als „nicht kompostierbar“ gilt. Für Kay Hedrich und sein Team bedeutet das weitere Stunden im Labor.

Dass das Gras knapp werden könnte, glaubt Kay Hedrich auch nach dem Dürresommer 2018 nicht. „Gras ist weit weniger anspruchsvoll als andere Pflanzen und erholt sich schneller“, so der Unternehmer. Er sieht in den viel zu warmen Monaten vielmehr einen Beleg für den Klimawandel und einen Warnruf, endlich nachhaltiger zu leben. Kay Hedrich will die Ressourcen der Natur nicht nur verbrauchen, sondern ihr etwas zurückgeben. Es ist dieser Respekt vor der Natur, der dem Dresdner Unternehmen Matabooks seinen Namen gab. Mata stammt aus dem Indischen und bedeutet Mutter.

Der Elevator-Pitch

Skurriler geht's kaum. 50 Sekunden im Fahrstuhl aufwärts, es bleiben genau elf Stockwerke Zeit, eine wichtige Erfindung oder Idee vorzustellen. Wir haben es bei Sächsische.de im Dresdner Haus der Presse gefilmt. Dann öffnet sich die Fahrstuhltür, und nichts geht mehr. Schnitt, aus. Der Elevator-Pitch mit den Erfindern ist hier im Video zu sehen. Seinen Ursprung hat das Ganze darin: Erst mal muss man eine richtig gute Idee haben, und dann zufällig eine wichtige Person im Fahrstuhl treffen. Es bleibt genau diese Zeit, um von der Idee oder dem Produkt zu überzeugen. Kommt der Fahrstuhl an, verabredet man sich auf einen Termin oder sieht sich zu diesem Thema halt nie wieder.

Erfinder-Meetup

Die Erfinder treffen, in der Pitch-Show zuhören, mit ihnen reden und die Produkte testen - am 17. Juni zum Erfinder-Meetup ab 19 Uhr im Haus der Presse (Dresden, Ostra-Allee 20). Wir öffnen für die Gäste unser Haus und auch die Dachterrasse mit dem Blick auf die Altstadt. Wir zeigen erstmals den neuen Newsroom von Sächsische.de und Sächsische Zeitung. - Ankommen, schauen, staunen. 

Bereits erschienen:

Teil 1: Erste Socken gegen Mückenstiche

Andreas Leuteritz und sein Team haben in Dresden Strümpfe entwickelt, die gegen Malaria schützen. Wie sich die Socken laufen und wie ein Experte das Potenzial des Mückenstrumpfs einschätzt. (SZ-PLUS)

Teil 2: Eine Fahrradspeiche aus Textilfasern

In Ingo Berbigs Firma PiRope in Chemnitz werden Speichen geflochten, die leichter und widerstandsfähiger sind, als man denkt. Bike-Magazine sind davon begeistert. Doch wie funktioniert das überhaupt? (SZ-PLUS)

Teil 3: Ein Dünger, den man essen kann

Kleepura ist das erste hundertprozentige Bio-Düngemittel auf dem Markt. Auf die Felder und in die Gärten haben es ein paar findige Dresdner gebracht.

Teil 4: Das Teelicht 2.0 kommt aus Sachsen

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AirQ kann neben dem Sauerstoff-, Kohlendioxid- und Kohlenmonoxidgehalt auch Feinstäube, Stickoxide, Schwefeloxide messen, Ozon oder flüchtige organische Verbindungen wie Methan ebenso. (SZ-PLUS)

Erfinder-Umfrage

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