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Kriegserklärung an den Borkenkäfer

Im Forstbezirk Bärenfels kämpft auch die Armee um den Wald. Die Hauptlast der Offensive aber tragen private Forstbetriebe.

Mit Kraft: Oberstabsgefreiter Lars Knauber und seine Kameraden von der Dresdner Offizierschule des Heeres schälen bei Bärenfels vom Borkenkäfer befallene Fichtenstämme.
Mit Kraft: Oberstabsgefreiter Lars Knauber und seine Kameraden von der Dresdner Offizierschule des Heeres schälen bei Bärenfels vom Borkenkäfer befallene Fichtenstämme. © Egbert Kamprath

Dreister geht es kaum: Die Borkenkäfer nagen praktisch schon am Schreibtisch des Forstbezirksleiters. Etwa hundertfünfzig Meter Luftlinie von Sven Irrgangs Arbeitsplatz entfernt, an der Flanke des Bärenfelser Hofehübels, haben die Schädlinge mehrere Fichten befallen. Die sind riesig, und sie sind alt, vielleicht hundertdreißig Jahre. Warum sie zu Opfern wurden? Sven Irrgang hebt die Hände. Die Dynamik ist groß, und die Menge der Möglichkeiten auch. Vielleicht lag es aber einfach nur am Wind, der den Schwarm hierher wehte, als er ausflog. "Das weiß nur der Käfer."

Vieles, was der Käfer zurzeit treibt, lässt sich mit Lehrbuchwissen nur noch schwer erklären. Konnte man bisher bestimmte Intervalle in der Entwicklung ausmachen, scheinen sich die Dinge nun zu überschlagen. Die Förster sprechen vom Dauerbefall. Auch Sven Irrgang, Chef des Forstbezirks Bärenfels, muss jetzt permanent Kontrolleure im Wald haben, die neue Befallsherde suchen. Allein in den letzten zwei Wochen wurden bei ihm 15.000 Kubikmeter Schadholz entdeckt. Normalerweise wären es zu dieser Zeit vielleicht hundert gewesen. Die Fallen zur Überwachung der Käferaktivität sind so voll wie nie. "Die Monitoringsysteme schlagen ständig Alarm", sagt Irrgang.

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Gegner der Forstleute und - für einige Wochen - auch der Bundeswehr: der Große Fichtenborkenkäfer, wegen seines markanten Fraßbildes auch Buchdrucker genannt.
Gegner der Forstleute und - für einige Wochen - auch der Bundeswehr: der Große Fichtenborkenkäfer, wegen seines markanten Fraßbildes auch Buchdrucker genannt. © Norbert Millauer

Am Hofehübel haben die Käfer Pech. Ihre Brutstätte ist gefällt. Nicht nur der Forst, auch die Armee erklärt ihnen hier den Krieg. Fünf Bundeswehrsoldaten kraxeln in das abschüssige Gelände und setzen an den zerteilten Bäumen ihre Waffen ein - den Wendehaken und das Schäleisen. Die Männer gehören zum 50-köpfigen Kontingent, das vom Landeskommando Sachsen auf den Hilferuf des Umweltministeriums hin in den Käferkampf geschickt wurde. Bei dem Einsatz in fünf Forstbezirken hat die Bundeswehr bisher, grob geschätzt, 1.650 Fichtenstämme entrindet.

Freiwillig ans Schäleisen gemeldet

Das Entrinden ist ein todsicheres Mittel gegen die Plage. Es legt die Käfergänge offen und lässt die Insekten vertrocknen. Es ist aber auch so ziemlich die schweißtreibendste Handarbeit, die es im Wald gibt. An den durchtränkten Hemden der Soldaten ist das unschwer abzulesen. Sie machen dennoch gute Miene. Alle haben sich freiwillig zu dieser Unternehmung gemeldet. Ihr eigentlicher Dienstort ist die Offizierschule des Heeres in Dresden, wo sie zum Funktionspersonal gehören.

"Das hat es so noch nicht gegeben." Die Käferplage bringt in Sven Irrgangs Bärenfelser Forstbezirk den planmäßigen Waldumbau fast zum Erliegen.
"Das hat es so noch nicht gegeben." Die Käferplage bringt in Sven Irrgangs Bärenfelser Forstbezirk den planmäßigen Waldumbau fast zum Erliegen. © Karl-Ludwig Oberthür

Der Oberstabsgefreite Lars Knauber arbeitet sonst im Materiallager der Schule. Der Wald, dem er zuletzt bei seiner infanteristischen Grundausbildung so richtig nahe kam, ist für ihn eine schöne Abwechslung. "Man ist an der frischen Luft und es macht Spaß", sagt er. Auch wenn es die ersten zwei, drei Tage kräftig Muskelkater gab. Inzwischen hat er sich an die Handgriffe am Schäleisen gewöhnt. Warum er sich hierfür gemeldet hat? "Ich will dazu beitragen, den Wald zu schützen", sagt er. Das gefällt auch den Passanten. "Die Leute wissen, was wir hier machen, und finden das sehr gut."

Sven Irrgang findet es auch sehr gut, was die Truppe in seinem  Wald leistet. Zwar sind es nur fünf Mann. Doch die können sich um kleine, isolierte Käfernester besser kümmern, als eine Maschine, die anderswo dringend gebraucht wird. Die zwei, drei Bäume hier am Hofehübel mögen wie Peanuts erscheinen, sagt Irrgang. Aber handelt man jetzt nicht, sind demnächst vielleicht schon hundert Bäume braun. Ja, die Soldaten, sagt er, sind wirklich eine "gewisse Hilfe". 

Bei großflächigem Käferfraß kommt schwere Technik zum Einsatz. Diese Holzerntemaschine vom Forstbetrieb Rinke aus Hartmannsdorf arbeitet an der Talsperre Klingenberg.
Bei großflächigem Käferfraß kommt schwere Technik zum Einsatz. Diese Holzerntemaschine vom Forstbetrieb Rinke aus Hartmannsdorf arbeitet an der Talsperre Klingenberg. © Egbert Kamprath

Eine gewisse Hilfe gegen einen schier übermächtigen Gegner. Nach zwei Dürrejahren trifft den Wald die schwerste Massenvermehrung des Borkenkäfers seit Menschengedenken. Weil die Bäume ohne Saft sind, haben die Käfer leichtes Spiel mit ihnen. Ohne Wasser kein Harz, keine Abwehr. Zwar hat der Oberboden zuletzt wieder etwas Regen abbekommen. Doch weiter unten hat sich überhaupt nichts getan, sagt Sven Irrgang. Laut Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums ist der Boden bis in Tiefen von 1,80 Metern staubtrocken. "Vor allem die älteren, großen Bäume leiden extrem."

Ohne private Forstmaschinen geht nichts

Eigentlich müssten Irrgangs Förster jetzt den Umbau ihrer Wälder mit voller Kraft vorantreiben, müssten junge Bäume unter die alten pflanzen und alte Bäume dosiert fällen, um die jungen zu fördern, um Konkurrenzlücken zu schaffen, Nischen zu öffnen. Doch im Augenblick bestimmt allein der Käfer, welche Bäume verschwinden. Es sind viel zu viele. Statt 130.000 Kubikmeter normale Holzernte fielen letztes Jahr 300.000 Kubikmeter Holz. Und das oft an der falschen Stelle. Noch schaffen es Irrgangs Leute, wenigstens die Kahlflächen schnell wieder aufzuforsten. Doch sie bleiben Getriebene. "Wir laufen dem Schaden nur noch hinterher."

Forstunternehmer Marcel Rinke im Cockpit seines Harvesters. Die Käfermisere macht ihn zum gefragten Mann. "Jeder will mit seinem Wald der Erste sein."
Forstunternehmer Marcel Rinke im Cockpit seines Harvesters. Die Käfermisere macht ihn zum gefragten Mann. "Jeder will mit seinem Wald der Erste sein." © Egbert Kamprath

Irrgang verfügt, abgesehen von seinen fünf Soldaten, nur über rund 40 eigene Waldarbeiter, für rund 190 Quadratkilometer Staatswald. Ohne die Hilfe privater Dienstleister wäre die Lage gänzlich unbeherrschbar. Einer von ihnen ist Marcel Rinke. Der 39-Jährige hat seinen Forstbetrieb in Hartmannsdorf bei Frauenstein. Gerade steht er mit seiner 20 Tonnen schweren Holzerntemaschine am Hang über der Talsperre Klingenberg. Graublau schimmert die Wasserfläche durch die Stämme herauf. "Ein schönes Stück Natur", sagt er. 

Momentan ist es nicht ganz so schön. Die Vision von den hundert befallenen Fichten ist hier Tatsache. Wie es dazu kam, kann Revierförster Stephan Radler nicht genau sagen. Der letzte Schneebruch war gut aufgeräumt worden. Und Niederschläge gab es auch einige. Die Wassersituation hatte sich definitiv verbessert, sagt er. Vermutlich war es die schiere Masse an Käfern, die diesen Vorteil wieder zunichte machte. "Es ist einfach ein extremer Angriff."

"Extremer Angriff." Revierförster Stephan Radler, hier mit Münsterländer Django, verliert viele seiner Fichten an den Käfer. Was hier künftig wachsen soll, will er im Herbst entscheiden.
"Extremer Angriff." Revierförster Stephan Radler, hier mit Münsterländer Django, verliert viele seiner Fichten an den Käfer. Was hier künftig wachsen soll, will er im Herbst entscheiden. © Egbert Kamprath

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