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"Für Leichtsinn ist es viel zu früh"

Die Görlitzer Ärzte und Stadträte Dr. Rolf Weidle und Dr. Hans-Christian Gottschalk mahnen vor Arglosigkeit in Sachen Corona. Und sprechen von Apokalypse.

Symbolbild
Symbolbild © Symbolfoto: Andrew Milligan/PA Wire/dpa

Von Dr. Rolf Weidle und Dr. Hans-Christian Gottschalk

Wir beide Stadträte verfügen als Ärzte zusammen über insgesamt 90 Jahre medizinischer Erfahrungen vom Neugeborenen bis zum 100-jährigen Patienten. Wir sehen uns deshalb in der Verantwortung, zu dieser Pandemie, die Menschen unseres Landes und der Welt in diesem Ausmaß in den vergangenen 100 Jahren so noch nie erlebt haben, öffentlich Stellung zu nehmen.

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Als die ersten Infektionen im Dezember in China auftraten, hatten viele Menschen in Europa es nicht für möglich gehalten, dass sich innerhalb weniger Monate daraus eine Pandemie entwickeln würde.

Dr. Rolf Weidle ist einer der beiden Autoren dieses Appells.
Dr. Rolf Weidle ist einer der beiden Autoren dieses Appells. © André Schulze

Die aktuell nachgewiesenen 3 Millionen Infizierten und 220.000 Toten sprechen eine überzeugende Sprache. Wir sind überzeugt, dass die Dunkelziffer für beide Zahlen um ein Vielfaches höher ist.

Unsere Gesellschaft wurde nach einem jahrzehntelangen atemlosen und teils maßlosem Vorwärtsstreben von dieser Apokalypse mit einer Wucht getroffen, sodass wir alle - völlig unvorbereitet - vor existentielle Fragen gestellt wurden.

Auf einmal mussten wir begreifen, dass der Mensch eben nicht nur die Krone der Schöpfung ist, sondern auch immer ein Teil der Natur bleiben wird. Wir haben schnell lernen müssen, dass es auch noch etwas anderes von uns unbeeinflussbares gibt, dass wir als Schicksal einfach akzeptieren müssen und dass es für „ALLES“ nicht immer sofort einen Ausweg gibt.

Nicht mal ein Prozent der Bevölkerung im Kreis getestet

In Deutschland wurde zunächst relativ zeitig mit den notwendigen Vorkehrungen gegen die zu erwartende Krise begonnen. Aber ein Manko trat dabei trotzdem besonders negativ hervor, dass die entsprechenden Schutzausrüstungen gemäß der Richtlinien des Infektionsschutzgesetzes für die Kliniken, den Arztpraxen und weiterer wichtiger Einrichtungen nicht in genügender Zahl bereit standen.

Dennoch haben in relativ kurzer Zeit die politisch Verantwortlichen, die Mediziner und Wissenschaftler gemeinsam mit allen anderen kooperierenden Institutionen ein Ergebnis erreicht, welches Deutschland als größtes Land der EU in eine beispielgebende Position gebracht hat.

Als am 18. März durch eine exponentielle Zunahme der Infektionen und Zunahme der Todesfälle strenge Regeln beschlossen wurden, hatten viele unserer Bürger die Bilder aus Italien vor Augen und die enorme Einschränkung der Persönlichkeitsrechte wurden zunächst toleriert und überwiegend verantwortungsbewusst umgesetzt.

Das führte schließlich zu Ergebnissen, die die Verantwortlichen der Bundes-und Landespolitik ab dem 27. April zu einer schrittweisen Lockerung der stringenten Maßnahmen veranlasste.

In diesem Prozess der Lockerung befinden wir uns augenblicklich, in der Hoffnung eines Tages wieder ein normales Leben führen zu können. Seit Beginn dieser Krise scheinen wir in unserer Stadt und im ganzen Kreis mit unseren aktuellen Zahlen in einer besonders komfortablen Situation zu sein. Allerdings gibt es nicht wenige Verantwortungsträger, die wesentlich höhere Zahlen annehmen, zumal zurzeit nicht mal bei einem Prozent der Bevölkerung unseres Kreises ein Test vorgenommen wurde. Diese Situation darf uns auf keinen Fall in falscher Sicherheit wiegen.

Virus verschwindet erst, wenn es keine Opfer mehr findet

Denn der Nachteil ist, dass kaum eine nennenswerte Immunität entstanden ist und uns jedes erneute Infektionsgeschehen mit zunehmender Stärke treffen wird. Wir stellen fest, dass diese schrittweise Lockerung in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich in Tempo und Ausmaß eingeführt werden.

Momentan ist unser Wissen über das Virus noch so lückenhaft, dass unbedachte und zu schnelle Lockerungen ein großes Risiko in sich bergen. Es ist uns völlig klar, dass versucht werden muss, den wirtschaftlichen Schaden der Krise in seinem Ausmaß für den Einzelnen aber auch die Gesellschaft so gering als möglich zu halten.

Doch zumindest eine wissenschaftliche Erkenntnis sollte inzwischen zur Binsenweisheit geworden sein: Das Virus verschwindet nur dann aus unserem Leben, wenn es keine Opfer mehr findet - also die berühmte Herdenimmunität entstanden ist.

Da sich unsere Gesellschaft entschieden hat, dieses Ziel nicht durch einen ungebremsten Verlauf der Infektion zu erreichen, weil ihr der Preis ethisch-moralisch zu hoch ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als den mühsamen Weg bis zum aktiven Schutz durch eine Impfung mit Herz und Verstand verantwortungsvoll zu gestalten. Deshalb können notwendige Lockerungen nur in Kombination mit anhaltenden bewährten und neuen intelligenten Infektionsschutzmaßnahmen zum Erfolg führen.

Dr. Hans-Christian Gottschalk war lange Chefarzt der Görlitzer Kinderklinik und ist der zweite Autor dieses Beitrages.
Dr. Hans-Christian Gottschalk war lange Chefarzt der Görlitzer Kinderklinik und ist der zweite Autor dieses Beitrages. ©  Nikolai Schmidt

Viele zusätzliche Lockerungen erfolgen aber vor allem auch auf Druck von Verbänden, populistischen Politikern, alternativen Wissenschaftlern und anderen finanzstarken Interessengruppen.

Und unter diesem sich entwickelnden Druck auf die Politik und der zusätzlichen Wirkung über Internet und Sozialen Medien werden Entscheidungsträger verunsichert, vor allem dann, wenn es zu Drohungen, Verschwörungstheorien und vielen anderen negativen Spielarten kommt, an denen sich auch immer wieder Mediziner und verschiedene Wissenschafter beteiligen, die die Gesetze pandemischer Ausbrüche negieren oder gar leugnen und dadurch vor allem die Bevölkerung verunsichern und zur Sorglosigkeit verleiten.

Vorsicht vor der zweiten Welle

Die AfD-Spitze geht mit den Forderungen sogar soweit, dass sie die Regierung auffordert, sie zurückzunehmen. Die Bevölkerung sei selbständig genug, um in den nächsten Wochen selbst zu entscheiden, wie sie sich zu verhalten habe. Auch werden von anderen Gruppen in teilweise unverantwortlicher Weise Argumente bemüht, dass in Deutschland die Corona-Krise nur benutzt wird, um nachhaltig die errungenen demokratischen Freiheiten für immer wieder zurückzufahren.

Dabei ist es gerade in dieser so sensiblen Phase wichtig, nicht das Augenmaß zu verlieren und in das offene Visier einer zweite Welle zu laufen.

Wir sind besorgt, dass die Menschen durch diesen fatalen Mix an Informationen leichtsinniger und argloser werden könnten. Manche Bilder in den Medien zeigen ja bereits, dass wichtige Regeln wie Abstand nehmen und Ansammlungen von größeren Gruppen auf dichtem Raum nicht mehr beachtet werden. Wir sind uns voll bewusst, dass durch Informationen von vielen freien Intensivbetten in Deutschland und mit nur 6.000 Toten der Eindruck entsteht, dass das alles nicht so schlimm sei und wir alles bald überstanden hätten.

Dem entgegen spricht der Anstieg der Infektionen und der Toten in den USA und Massengräber in Rio de Janeiro. Oft sind es Länder, die von Populisten regiert werden und die von Beginn an diesen Virus nicht ernst genommen haben.

Ein gutes Beispiel dafür ist Boris Johnson, der nach eigenen Angaben in zweifacher Weise geheilt wurde und jetzt erklärt, dass er niemals für möglich gehalten hätte, was dieser Virus mit einem Menschen anrichten kann. Nach unseren Beobachtungen hat die Sächsische Zeitung bei der Aufklärung unserer Bevölkerung eine sehr gute Rolle eingenommen.

Dazu zählen wir viele informative und aufklärende Artikel, aber auch sehr hilfreiche Kolumnen, in denen mahnende Sätze zur Vorsicht und Minderung des Leichtsinns zu lesen sind.

Nicht auf dem dünnen Eis tanzen

An dieser Stelle wollen wir einen Satz des Kolumnisten Uwe Peter zitieren: "Wer jetzt fordert, dass wir auf dünnem Eis endlich wieder tanzen sollen, hat nichts vom Wesen einer Pandemie verstanden." Diesem Satz schließen wir uns voll umfassend an.

Liebe Bürger, Sie sollten sich lieber an Persönlichkeiten halten, die sich in vielen Jahren als Wissenschaftler und Praktiker, wie unter anderem Professor Stöcker, einen Namen erworben haben und davor warnen, diese Krise nicht genügend ernst zu nehmen! Wir möchten alle aufrufen, in diesem Sinne zu handeln und auch in den nächsten Wochen und Monaten die Grundregeln immer und immer wieder täglich zu beachten:

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Das sind intensives Waschen der Hände, stets den geforderten Abstand von eineinhalb Metern zur nächsten Person einzuhalten, bei Auftreten von Erkältungssymptomen sich an einen Arzt zu wenden und die vorgeschriebene Maskenpflicht einzuhalten. Und das Anlegen einer Maske erwarten wir auch in erster Linie von den Vertretern der Kommunalpolitik und den Mitarbeitern der Verwaltungen.

Das hat etwas mit Respekt, Vorbildwirkung, Verantwortung und Solidarität zu tun. Wir wünschen Ihnen allen Gesundheit und persönliches Wohlergehen.

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