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Brückenbauer wäre er gern geworden

Hoyerswerdas Ex-Superintendent Friedhart Vogel ist im Ruhestand stets „in Rufweite“.

In Friedhart Vogels Arbeitszimmer gibt es Vitrinen voller Zinnfiguren und Erinnerungsstücke und natürlich auch jede Menge Bücher.
In Friedhart Vogels Arbeitszimmer gibt es Vitrinen voller Zinnfiguren und Erinnerungsstücke und natürlich auch jede Menge Bücher. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Als für Superintendent Friedhart Vogel im April des Jahres 2006 der Ruhestand begann, wurde oft gefragt, was denn das i. R. vor dem Namen so ganz richtig zu bedeuten hätte. Der „Sup“, wie er kurz aber voller Hochachtung genannt wurde, sagte damals lächelnd: In der Kirche heißt das «im Ruhestand», nicht außer Dienst, also a. D., wie in Politik und öffentlicher Verwaltung gesagt wird“. Und dann kam der Nachsatz, der ihn bis heute begleitet: „In meinem Fall wird das «in Rufweite» bedeuten.“ 14 Jahre ist das her – wir haben die Rufweite getestet. Wir trafen das Ehepaar Annerose und Friedhart am Markt in der Hoyerswerdaer Altstadt und riefen einfach über die Straße: „Herr Vogel, haben Sie einen Moment?“ Test bestanden, Rufweite stimmt, ein Termin für ein Gespräch war schnell vereinbart. Die erste Frage: Wie sieht denn ein ganz normaler Tag i. R. aus? „Das ist unterschiedlich. Ganz normal wäre: Wir frühstücken in aller Ruhe, dann lese ich Zeitung, beide Hoyerswerdaer Tageszeitungen liegen auf dem Tisch. Eine gehört uns, eine der Familie von Pfarrer Heinrich Koch, der im gleichen Haus wohnt.“ Gelesen werden beide Zeitungen von beiden Familien, nur die Kreuzworträtsel sind Annerose und Friedhart Vogel vorbehalten. Die sind Vorrecht der Ruheständler. Nach dem Frühstück geht es gegebenenfalls einkaufen, oder aber Friedhart Vogel schaut, welche Amtshandlungen oder Dienste anstehen, die dann vorbereitet werden. „Ach, wenn wir unterwegs sind, das dauert manchmal. Ich bin ja mit wenigen Unterbrechungen seit 1966 in Hoyerswerda oder in der Umgebung tätig. Als junger Diplom-Theologe war ich Vikar, hier im Haus am Kirchplatz hatte ich ein Zimmer. Nach dem Besuch des Predigerseminars in Lutherstadt Wittenberg wurde ich als Pfarrer nach Laubusch berufen, 1980 wurde ich Pfarrer an der Johanneskirche und ab 1985 Superintendent des Kirchenkreises Hoyerswerda. Viele kennen mich.“

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Von wegen Ruhestand

Schaut man sich in Friedhart Vogels Arbeitszimmer um, wird klar, da ist noch viel, viel mehr: Bücher, Bücher, Bücher, die Vitrinen mit den Zinnfiguren und liebenswerten Miniaturen, viele Erinnerungsstücke und – natürlich – die Uniform der Privilegierten Schützengilde Hoyerswerda und der Blüchersäbel. Geschichtswissen und Geschichten – so kennen die Hoyerswerdschen ihren „Sup“ i. R., und so lieben sie ihn. Mindestens einmal, manchmal zweimal im Monat, predigt er in der Johanneskirche. Goldene Hochzeiten stehen derzeit vermehrt an, aber auch bei Trauungen oder Taufen ist er gefragt, ebenso beim Scheunengottesdienst in Bröthen/Michalken oder bei anderen Festen, die nun wieder zur schönen Tradition geworden sind. „Aber“, so Friedhart Vogel, „deshalb sind wir ja hiergeblieben. Anonymität – das ist nichts für mich. Meine Frau wäre nach meinem Ruhestand gern nach Görlitz gezogen. Wir sind ja Görlitzer – und das ist eine wirklich schöne Stadt.“ Doch da ist sie wieder, die Rufweite. Die würde in Görlitz vielleicht ein wenig fehlen. Vogels Söhne Torsten und Robert leben in Hoyerswerda, Tochter Birgit in der Schweiz. „Aber einmal im Monat kommt sie her“, sagt der Familienmensch Friedhart Vogel. Eine Frage nach Stillstand oder Langeweile muss nicht gestellt werden. Vogels sind Großeltern und seit dem vergangenen Jahr außerdem stolze Urgroßeltern.Den Wunsch, Pfarrer zu werden, hatte Friedhart Vogel nicht zu allererst. Das war den Zeiten geschuldet. „Mein Vater war Offizier. Mir wurde damit der Zugang zum Abitur schwer gemacht. Als Ausweg blieb eine kirchliche Ausbildungsstätte, dort wurden auch Latein, Griechisch und Hebräisch gelehrt.“ Für Vogels weiteren Berufsweg eine gute Wahl, doch das konnte er damals noch nicht wissen. Im Sommer 1961 legte er sein Abitur ab. Hochbau wollte er studieren, ein Stipendium für die FU Berlin hatte er sicher. In der DDR hätte er wegen des Vaters keines bekommen. „Brücken wollte ich bauen“, doch dann kam der 13. August 1961. „Ich war, wie viele, ratlos und musste nach neuen Wegen suchen. So begann ich mit dem Theologiestudium an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald – und wurde Pfarrer.“ Und er ist doch ein Brückenbauer geworden. „Sie meinen damit sicher die Zeit am Runden Tisch in Hoyerswerda? Ja, die war sehr wichtig für mich. Wir hatten 1989 so große Hoffnungen und wollten endlich demokratisch und in Demokratie leben. Wir wollten miteinander reden, einander zuhören, voneinander lernen und endlich alles besser machen. Wir wollten den Laden hier aufräumen und in Ordnung halten. Doch spätestens mit dem Ruf der Straße «Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr», wurde uns das aus der Hand genommen.

In den schlimmen Stunden 1991

Friedhart Vogel war 1991 auch „an vorderster Front“, als Hoyerswerda durch ausländerfeindliche Ausschreitungen in die Medien geriet; als es galt, zu schlichten, zu de-eskalieren – und auch schiefe Bilder wieder gerade zu rücken. Für seinen Einsatz im Dienste der Menschlichkeit erhielten er 1996 das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2010 wurde er für seine Leistungen zum Ehrenbürger von Hoyerswerda ernannt. Und er wurde ein Mann der Medien.

Über Nacht „Medien-Gewaltiger“

„Ja, das ist auch so eine Geschichte ... 1991 wurden Vertreter der Kirchen gesucht, die in den vielen neuen Gremien, die wir vor der Wende ja nicht kannten, mitarbeiten sollten. «Wollen Sie bei der Polizei mitgestalten oder im Rundfunk?», wurde ich gefragt. Ich entschied mich für Rundfunk. Wenig später hatte Kurt Biedenkopf nach Dresden eingeladen; eine Sächsische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien sollte ins Leben gerufen werden. Als ich wieder nach Hause fuhr, war ich Vorsitzender der Gründungsversammlung der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) und bis zur Wahl eines Direktors zugleich deren amtierender Direktor. 1996 wurde ich Mitglied des Medienrates des Landes Sachsen. Ich hatte mir diese Ämter nicht ausgesucht. Die kamen einfach zu mir, und die Arbeit machte Freude. Radio PSR war der erste Sender, den wir gründeten. Später Antenne Sachsen, Radio Lausitz, Hoy-TV auch. Was glauben Sie, wie viele Wohnzimmersender damals entstanden!“ Friedhart Vogel erinnert an den ersten Fernsehgottesdienst, damals noch im DFF übertragen. „Der kam aus Hoyerswerda, aus dem Martin-Luther-King-Haus! Im Januar 1991 war das, die ganze Bonhoefferstraße stand voller Übertragungswagen, riesige Klopper waren das. Wir waren so stolz.“

Kontakt zu Pforzheim geknüpft

Auch die Verbindung zur Stadt Pforzheim geht auf den Superintendenten i. R. Friedhart Vogel zurück. „Als Vertreter des Runden Tisches suchte ich nach Partnerstädten. Wir brauchten Hilfe in so vielen Bereichen. Etwas übermütig rief ich in Ulm an und brachte eine entsprechende Bitte vor. Nun gut, Ulm wurde es dann nicht, aber Pforzheim. Zum dortigen Bürgermeister Dr. Joachim Becker hatte ich sofort einen Draht. Er wurde wie ein Freund; half, wo er konnte und wusste immer einen Rat. Wenn er später in Hoyerswerda zu Gast war, fand sich immer ein Stündchen, in dem wir füreinander Zeit hatten.“Und welche Projekte stehen nun im Ruhestand an? Friedhart Vogel lächelt nachdenklich. „Ja, tatsächlich. Die 72 kleinen Abendkonzerte mit Sohn Torsten und Enkel Fritz auf dem Marktplatz sind Geschichte. Die waren in der schlimmsten Corona-Zeit für Vogels und für viele Hoyerswerdaer ein Geschenk, sie machten Mut. „Ich hoffe nun, dass der Tag der Heimat stattfinden kann, die Barbara-Andacht in Knappenrode und dass der Volkstrauertag wie gewohnt begangen werden kann. Und ich würde sehr gern wieder das Silvesterkonzert mit unserem wunderbaren Sinfonischen Orchester moderieren, es wäre das 25. Mal für mich. Seit 1996 darf ich das tun. Ich hätte für dieses Jahr auch eine, wie ich glaube, sehr schöne Idee: Beethovens Geburtstag jährt sich im Dezember zum 250. Mal, dieses Jubiläum könnte im Mittelpunkt stehen“, erzählt der 79-Jährige und fügt hinzu: „Ich brauche einfach die Verbundenheit mit den Leuten. Ich finde das sehr wichtig. Man muss miteinander reden, zuhören und aufeinander zugehen.“ Und das kann er wie kaum jemand sonst.

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