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Wie Corona den letzten Weg bestimmt

Große Trauerfeiern sind derzeit verboten. Das kann man auch positiv sehen, sagt eine Bestatterin aus Ebersbach. Und erklärt, warum sie das so sieht.

In aller Stille und ohne viele Gäste laufen derzeit Bestattungen und Beisetzungen ab.
In aller Stille und ohne viele Gäste laufen derzeit Bestattungen und Beisetzungen ab. © dpa

Ausgerechnet jetzt muss Elke W. ihre Mutter beerdigen. Im stolzen Alter von über 90 ist sie vor Kurzem verstorben. Ihr Tod kam nicht überraschend, schlimm ist es trotzdem, wenn es dann so weit ist, sagt die Tochter. Und dann diese besondere Situation: Corona, Kontaktverbot, Ausgangsbeschränkungen. Über 100 Gäste wären normalerweise zur Beisetzung gekommen. Ihre Mutter war bekannt und beliebt, viele Kollegen, Freunde, Bekannte hätten sie gern auf ihrem letzten Weg begleitet. "Irgendwie bin ich aber sogar dankbar, dass das jetzt nicht geht. Dieser ganze Trubel - ich glaube, das wäre mir zu viel gewesen." 

Ihren richtigen Namen will Elke nicht öffentlich nennen, denn sie hat Bedenken, dass die Leute ihr diese Sichtweise übel nehmen. Aber so, sagt sie, hatte sie die Chance sich ganz in Ruhe von ihrer Mutter zu verabschieden. Wegen der Kontaktbeschränkungen waren sie jetzt nur zu zwölft am Grab, nur die engste Familie. 

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"Aus gegebenem Anlass findet die Trauerfeier im engsten Familienkreis statt." Dieser Satz steht derzeit auch unter beinahe jeder Traueranzeige. Corona bestimmt sogar über den Tod, darüber, wie der letzte Weg abläuft. Das Virus stellt Angehörige von Verstorbenen wie auch Bestatter vor Herausforderungen. Bestattungen sind zwar vom Kontaktverbot ausgenommen, strenge Regeln gibt es trotzdem. 

Die Unsicherheit ist deshalb groß, das merkt auch Bestatterin Jana Semper aus Ebersbach jetzt in den Trauergesprächen mit Angehörigen. Sollen wir die Trauerfeier verschieben? Und wenn sie jetzt doch stattfindet, wer soll dann teilnehmen, wer nicht? Das sind die Fragen, die jetzt die Gespräche mit bestimmen. 

Aufbewahren bis sechs Monate möglich

Verschieben ist tatsächlich möglich. Zwar gibt es eine Bestattungspflicht. Aber sogar bis zu sechs Monate, so sagt es das sächsische Bestattungsgesetz, darf man die Beisetzung hinauszögern und eine Urne aufbewahren. Die bayrische Regierung hat sogar aufgrund der Corona-Krise angeraten, Bestattungen wenn möglich, zu verschieben. In Sachsen gilt das nicht. Es wäre auch praktisch kaum durchführbar, sagt Jana Semper. Wenn man nun alle Trauerfeiern verschiebt, wie soll das dann werden, wenn sie wieder in größerem Rahmen möglich sind?, fragt sie. "Das ist doch gar nicht zu schaffen, wenn dann alles nachgeholt werden muss." 

Sie rät ihren Kunden, die Bestattung nicht zu verschieben. "Ich sehe das auch als Chance für die Angehörigen auf eine ganz individuelle und intensive Zeremonie, wirklich nur im engsten Familienkreis." Denn nicht selten sei es so, dass den Angehörigen große Trauerfeiern mit vielen Gästen unangenehm sind. Viele würden lieber in aller Stille Abschied nehmen vom geliebten Verwandten. Doch oft stehen sie stattdessen dann am Grab, schütteln unzählige Hände und nehmen Beileidsbekundungen entgegen. Häufig von Menschen, die sie selbst gar nicht kennen, die aber den Verstorbenen kannten. 

Das geht jetzt nicht. Nicht einmal eine Trauerhalle darf genutzt werden, Bestattungen dürfen nur unter freiem Himmel stattfinden. Teilnehmen dürfen nur nahe stehende Angehörige und nur bis zu 15 Personen. "Ich rate meinen Kunden, das doch positiv zu sehen", sagt Jana Semper. Eine Trauerfeier direkt an der Grabstelle unter freiem Himmel könne sehr viel stimmungsvoller sein, als in einer Halle. "Besonders dann, wenn der Verstorbene zum Beispiel gern in der Natur war." Die meisten ihrer Kunden zeigen Verständnis und lassen sich darauf ein. 

Jana Semper und ihr Kollege Jörg Lehmann sind Bestatter in Ebersbach. Sie raten ihren Kunden jetzt, Trauerfeiern nicht zu verschieben.
Jana Semper und ihr Kollege Jörg Lehmann sind Bestatter in Ebersbach. Sie raten ihren Kunden jetzt, Trauerfeiern nicht zu verschieben. © Foto-Rösch/Repro SZ

Wie beim "Tatort"

Verständnis und Anerkennung wünscht sich Jana Semper auch für die Kollegen ihres Berufsstandes, die jetzt Verstorbene, die das Coronavirus hatten, bestatten müssen. Denn auch das sei eine besondere Herausforderung: sowohl fachlich, wie auch menschlich. 

Wie bei jedem Toten, der in Zusammenhang mit einer meldepflichtigen Krankheit steht, gelten bei der Bestattung von Corona-Toten spezielle Regeln. Die Hygiene muss besonders beachtet werden. "Sie dürfen nur mit Ganzkörperschutzanzug arbeiten. Das sieht dann aus, wie beim Tatort", beschreibt Jana Semper. Auch für die Bestatter, die mit Corona-Patienten und ihren Hinterbliebenen zu tun haben, sei das eine außergewöhnliche Situation, sagt Jana Semper. "Das sollte man auch nicht vergessen." Sie selbst musste bisher zum Glück noch keinen Corona-Toten bestatten. 

Immerhin gibt es inzwischen auch ein paar Erleichterungen für die Bestatter in der Corona-Krise. Weil sie zunächst nicht zur sogenannten kritischen Infrastruktur gezählt wurden, kamen sie mitunter gar nicht an genügend Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Das wurde neu geregelt und das Bestattungsgewerbe ist als systemrelevant eingestuft worden

Das hilft den Bestattern nun insofern, dass die Mitarbeiter zum Beispiel auch ihre Kinder in die Notbetreuung geben dürfen und so im Betrieb nicht ausfallen. Denn Sterbefälle gibt es immer. Und die Bestatter müssen trotz Corona für die Angehörigen da sein. Deshalb kritisiert Jana Semper im Namen ihrer Berufskollegen, dass das nicht gleich von Anfang an so geregelt wurde, sondern nachgebessert werden musste. 

In einer früheren Version des Artikels stand, dass bei Corona-Toten eine Erdbestattung nicht möglich sei und der Leichnam schnellstmöglich eingeäschert werden müsse. Das ist nicht korrekt. Wie der Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB) informiert, sind Erdbestattungen auch für an Covid-19-Verstorbene möglich. "Außer, wenn es regional anders lautende Regelungen gibt, zum Beispiel der Betreiber eines Friedhofs das anders regelt, wie Elke Herrnberger, Pressesprecherin des Verbands erklärt. Auf jeden Fall seinen aber im Umgang mit Corona-Verstorbenen besondere Schutzmaßnahmen erforderlich. Denn: kein Keim oder Virus stirbt mit, betont Frau Herrnberger. Auch das Robert-Koch-Institut trifft hierfür Regelungen, die Bestatter beachten müssen. Dazu gehört zum Beispiel, das Schutzkleidung zu tragen ist. 

Als ergänzende Schutzmaßnahme könnten Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Pflegeheime Schutzhüllen - sogenannte „Bodybags“- zur Verfügung gestellt werden, empfiehlt der Bestatterverband. Der Verstorbene müsste dann nicht erst aus Tüchern der Klinik wieder umgebettet werden, sondern direkt aus dem Bodybag sehr langsam und vorsichtig umgelagert werden in den Sarg. Dabei gilt es zu verhindern, dass gepresste Luft aus den Lungen des Körpers ausströmt und der Bestatter so einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt ist.

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