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Corona: Als Stadtführer allein unterwegs

Robert Noack verdient als Freiberufler nun kein Geld. Wann er wieder Gäste durch Dresden lotsen kann, weiß er nicht. Was bleibt Menschen wie ihm - außer Hartz IV?

Leere vor dem Fürstenzug: Wo sich normalerweise Touristen drängen, steht Stadtführer Robert Noack allein auf weiter Flur.
Leere vor dem Fürstenzug: Wo sich normalerweise Touristen drängen, steht Stadtführer Robert Noack allein auf weiter Flur. © Sven Ellger

Dresden. Mit etwas Pathos könnte Robert Noack vom Schwarzen Freitag sprechen. Aber das passt nicht zu ihm. Dass es ausgerechnet Freitag der 13. war, an dem er seine letzte Gruppe durchs Dresdner Residenzschloss führte, wirkt trotzdem schicksalhaft ironisch. Der 13. März ist das Datum, an dem der Stadtführer sein letztes Geld verdiente.

Acht Wochen sind inzwischen vergangen. "Seitdem sind meine Einnahmen auf null", sagt er. Dabei hatte der 40-Jährige sich auf der sicheren Seite gesehen, als Selbstständiger mit mehreren Standbeinen. Kontinuierlich hat er sein Einzelunternehmen aufgebaut, seitdem ihm bewusst geworden war, dass ein Geschichtsstudium allein nicht zum Leben taugt.

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Zwei Semester lang hatte er es als Student versucht und sich dann für eine Berufsausbildung entschieden: Staatlich geprüfter Fremdsprachensekretär ist ein viel zu sperriges Wort für solch flexible Fähigkeiten, zumindest, wenn man es anfängt wie Robert Noack. Der wollte zunächst auf Nummer sicher gehen, spekulierte auf eine feste Anstellung in einem Unternehmen mit internationalen Beziehungen. "Die hätte ich auch bekommen, die Firmen kamen damals zu uns und haben uns von der Schulbank angeworben." Doch je näher der Abschluss rückte, desto weniger konnte sich der Dresdner vorstellen, sein Leben in dunklen Anzügen zu verbringen.

Angst vor Grundsicherung

Das Studienfach Geschichte war kein Zufall gewesen, Noack interessierte sich sehr für Historie. Doch sie sollte mit dem Hier und Jetzt zu tun haben. Nebenbei begann er, Stadtführungen zu geben. Das ist jetzt 20 Jahre her, fünf Jahre später machte sich Robert Noack selbstständig. "Das war eine wilde Zeit mit viel Arbeit, guten Verdiensten und reichlich Feiern", erinnert er sich. Regelmäßig ließ er seinen Job als Fremdenführer ruhen und tauchte ab ins Filmgeschäft. "Da habe ich als Fahrer gearbeitet, Schauspieler chauffiert und Besorgungen gemacht." 

Sein erster Film war der Rote Kakadu. Auch den Zweiteiler "Dresden" von 2006 über die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hat er begleitet. Wochenlang ließ sich Robert Noack von dieser seltsam entrückten Branche einsaugen. "Das ist eine andere Welt, die hält man nicht ewig durch." Vor neun Jahren nahm er seinen letzten Film-Job für einen Tatort an. Dann sortierte er sich beruflich neu, konzentrierte sich auf Stadtführungen, baute einen eigenen Concierge-Service auf und begleitete Flusskreuzfahrten als sogenanntes Incoming-Geschäft - ein stimmiges Dreigestirn, von dem sich mit Familie gut leben ließ.

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Von den rund 330.000 erwerbstätigen Dresdnern arbeiten etwa 8.800 als Selbstständige. Knapp 6.000 davon haben keine Angestellten und werden soloselbstständig genannt. Die Zahlen stammen von 2018. Aktuellere kann das Statistische Landesamt noch nicht zur Verfügung stellen. Im Schnitt verdienen selbstständig Erwerbstätige demnach etwas weniger als 2.000 Euro netto, Freiberufler hingegen etwas mehr als 2.000 Euro. Zu letzteren gehören Unternehmer, die wissenschaftlich, künstlerisch, schriftstellerisch, beratend, unterrichtend oder erzieherisch arbeiten. Auch Ärzte, Notare, Ingenieure, Architekten, Journalisten, Dolmetscher und Fotografen zählen dazu. Stadtführer ebenfalls.

Freiberufler, die als Künstler und Publizisten tätig sind, haben die Möglichkeit, der Künstlersozialkasse (KSK) beizutreten. Im Gegensatz zu freiwillig versicherten Selbstständigen zahlen sie dadurch nur einen Beitrag für Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung, der etwa dem Arbeitnehmeranteil entspricht. Besonders Künstler sind von den Folgen der Coronapandemie ganz besonders betroffen. Theater spielen nicht, Konzerte dürfen nicht stattfinden, Kunstmärkte sind abgesagt, Galerien haben erst jüngst wieder geöffnet.

Robert Noack ist privat versichert. Für die KSK kommt er nicht infrage. "Dann müsste ich meine Führungen kostümiert durchführen", sagt er. Doch es gibt Kollegen, zu deren Konzept das passt. Auch sie können zurzeit kein Geld verdienen. Der Tourismus liegt brach. Doch wovon lebt jemand, der im Schnitt 2.000 Euro verdient und kaum Rücklagen bilden kann? Für betriebliche Belastungen zahlt der Bund Selbstständigen je nach Zahl ihrer Angestellten einen Zuschuss von bis zu 9.000 Euro oder bis zu 15.000 Euro. 

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Doch das Problem der meisten Freiberufler sind nicht die hohen Betriebsausgaben. Sie arbeiten meist am heimischen Schreibtisch, haben selten teure Geräte geleast oder Ausstattung auf Kredit finanziert. Ihnen fehlt schlicht der Lebensunterhalt. Die Frage, ob entfallene Honorare eines Freiberuflers, von denen er Wohnung, Essen, Kleidung bezahlt, vom Bundeszuschuss bezahlt werden dürfen, beantwortet die Sächsische Aufbaubank (SAB) eindeutig mit Nein. "Aufwendungen der privaten Lebensführung werden nicht gefördert", heißt es. So klar waren die Modalitäten aber nicht von Anfang an. Das hat für große Unsicherheit gesorgt. Etliche Freiberufler beantragten zunächst den Zuschuss, bekamen ihn bewilligt und gaben das Geld später zurück.

Auch Robert Noack hat den Zuschuss beantragt. "Erst wollte ich das nicht", sagt er. "Ich habe mir über die Jahre ein finanzielles Polster angelegt und finde, das sollte jeder Selbstständige auch tun." Schließlich bestehe immer ein Risiko, keine Umsätze zu machen, darauf müsse man vorbereitet sein. Auf etwas wie eine Pandemie mit Folgen wie Corona aber ist wohl niemand eingerichtet. Auch Robert Noack wurde von Woche zu Woche unruhiger. Weil nicht abzusehen ist, wie lange der Shutdown noch dauern wird, bewarb er sich erst bei der Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung und erhielt 500 Euro Unterstützung. Schließlich stellte er den Antrag bei der SAB. "Weil mir aber nicht klar war, wofür ich das Geld wirklich verwenden darf, habe ich lieber angerufen und den Rat bekommen, das Geld erst einmal zu nehmen. Ich solle davon meine Betriebsausgaben decken und später den Rest zurückzahlen."

Viele betriebliche Aufwendungen hat Noack nicht: "Nur mein geleastes Auto, Handy, Internet und die Kosten für meine Website." Allein die gut 300 Euro Leasingrate nicht bezahlen zu müssen, helfe sehr, meint er. Mit dem Gedanken, wegen entgangener Einnahmen irgendwann Grundsicherung zu beantragen, kann er sich absolut nicht anfreunden. "Ich habe auch früher nie so etwas in Anspruch genommen, nicht mal, wenn ich vorübergehend nichts verdient habe." 

Selbstständigkeit aufgeben?

Die Furcht, mit dem Bezug von Arbeitslosengeld II, sprich Hartz IV, die Selbstständigkeit aufgeben und gegebenenfalls auch die Künstlersozialkasse verlassen zu müssen, beschäftigt derzeit viele Freiberufler - laut Agentur für Arbeit unbegründet: "Die Beendigung der freiberuflichen Tätigkeit oder eine Abmeldung des Gewerbes ist nicht erforderlich, um Leistungen zu erhalten", sagt die Pressesprecherin des Jobcenters Dresden, Grit Löst. 

Auch das Versicherungsverhältnis mit der Künstlersozialkasse bleibe bestehen, versichert Andreas Kißling von der KSK: "Trotz der Inanspruchnahme von staatlicher Grundsicherung bleibt die KSK-Mitgliedschaft zumindest bezüglich der Rentenversicherung bestehen." Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge indes zahlt das Jobcenter an die jeweilige Krankenkasse. Beiträge für private Krankenversicherungen trägt das Jobcenter hälftig bis zu einer Höhe von 367,97 Euro. Jobcenter und KSK empfehlen dringend, die Künstlersozialkasse, in der rund 2.200 Dresdner Künstler und Publizisten versichert sind, darüber zu informieren, wenn Grundsicherung der einzige Ausweg ist.

Das betrifft Selbstständige zunehmend. "Es ist ein deutlicher Anstieg bei dieser Personengruppe zu verzeichnen", sagt Grit Löst vom Jobcenter. Wie viele genau, kann sie noch nicht sagen. Dazu liegen bisher keine Statistiken vor. Damit die Betroffenen schnell Hilfe bekommen, hat die Bundesregierung die Antragstellung vereinfacht. "Der Hauptantrag wurde von sechs auf fünf Seiten gekürzt." Das Vermögen werde nicht oder nur vereinfacht geprüft. 

Dafür müsse der Antragsteller lediglich aussagen, ob er über ein Vermögen von mehr als 60.000 Euro verfüge und Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft über jeweils 30.000 Euro. Auf rückwirkende Unterlage verzichte das Jobcenter vorübergehend, wenn glaubhaft erscheint, dass coronabedingt gerade keine oder zu wenige eigene Einkünfte möglich sind. Wenn alle Unterlagen vollständig eingereicht sind, dauert die Bearbeitung Grit Löst zufolge "unterhalb von 10 Arbeitstagen". 

Robert Noack greift nach dieser Hand nicht. "Zu 98 Prozent der Zeit bin ich immer noch sehr entspannt, doch da sind noch diese zwei Prozent." Die bringen Schlaflosigkeit und Herzrasen mit sich. "Meistens dann, wenn ich mit Leuten über die Situation rede oder wenn ich nachts wach werde und die Gedanken zu kreisen beginnen." Doch das gehe vorbei. Dann sagt sich Robert Noack: "Okay, so habe ich halt mehr Zeit mit Frau und Kind." Und vielleicht werden im Juni ja wieder erste Gruppen durchs Residenzschloss gehen dürfen. Oder durch die Semperoper. Die 3.000 Führungen, die er dort in zehn Jahren gegeben hat, sollen nicht die letzten gewesen sein.

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