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Solo für Eisbecher und Verpackungsfolie

Der Dresdner Jazzclub Tonne macht bei seinem Neustart nach der Corona-Pause Veranstalter, Musiker und Publikum glücklich.

Jan Heinke (l.) und Damian Kappenstein bescherten dem Dresdner Jazzclub Tonne einen begeisternden Neustart nach dem Corona-Lockdown.
Jan Heinke (l.) und Damian Kappenstein bescherten dem Dresdner Jazzclub Tonne einen begeisternden Neustart nach dem Corona-Lockdown. © Andy Dallmann

Lange vor dem ersten Ton gab es schon ein paar Jubelstürme. Im Dresdner Jazzclub Tonne wurde am Freitagabend der Nach-Corona-Spielbetrieb gestartet und allein für seine Begrüßungsworte fuhr Klubgeschäftsführer Steffen Wilde mehr Beifall ein als manche Band am Ende ihrer Show. Eindeutig hatten alle Beteiligten diesen Moment während der vergangenen drei Monate gleichermaßen herbeigesehnt.

Veranstalter, Publikum und Musiker einte die schiere Freude an der Live-Musik. Im Zweifelsfall hätten zwei Menschen mit Blockflöten putzige Kinderlieder spielen können und damit immer noch viel Freude ausgelöst. Doch das Duo Jan Heinke und Demian Kappenstein bot nicht nur irgendwelche Musik, sondern einen facettenreichen Ritt durch die Genres, bei dem jede Menge seltsames Gerät zum Einsatz kam. Und so wurde dieser „Moment der Wiederbelebung“ wie es Drummer Kappenstein nannte, fürs Publikum zu einem 80-minütigen Freudenfest, das die gewöhnungsbedürftigen Umstände schnell vergessen ließ.

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Nur 50 Gäste verteilten sich aufs Konzertgewölbe, alle auf Stühlen an abstandswahrend verteilten Tischen sitzend. Die Getränke wurden auf Bestellung gebracht, was schon mal zügiger funktionierte als manchmal bei regulärem Barbetrieb und vollem Saal.

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Für den krassesten Kontrast sorgten die beiden Musiker mit ihrer Performance. Erst vor Kurzem hatten sie, ebenfalls in der Tonne, für einen Klubnetz-Stream gemeinsam improvisiert. Was da nur als laues Lüftchen rüberkam, hatte jetzt die Kraft eines mittelkräftigen Wirbelsturms. Heinke, der mit seinem Stahl-Cello sphärisches Sirren produzierte, aber genauso Industrial-Sounds fabrizierte, elektronische Effekte beisteuerte und mit seinem Obertongesang verblüffte, bekam dank der extremen Flexibilität von Meisterschlagezeuger Demian Kappenstein stets den exakt passenden Beat geliefert. Dafür ließ dieser schon mal Verpackungsfolie rhythmisch knistern, spielte ein Solo mit einem Blecheisbecher und machte die Zugabe zur Schuhgabe: Heinkes Treter wurden als Drumsticks zweckentfremdet. Das alles hatte Witz, Esprit und Bums – ein Auftakt nach Maß.

Das nächste Konzert in der Tonne gibt es am 3. Juli ab 20 Uhr. Dann spielt das Loop-Jazz-Duo Olivia. 

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