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So gingen "wir" mit anderen Pandemien um

Ob Pest, Cholera oder die Spanische Grippe: Die südliche Oberlausitz haben die vergangenen Jahrhunderte einige schwere Krankheiten heimgesucht.

Ans Wüten der Pest in Deutsch Gabel (heute Jablonne v Podjestedi) erinnert die barocke Pestsäule auf dem Markt der Kleinstadt unweit von Lückendorf. 1686 wurde sie als Dank für das Erlöschen der Pest mit den Statuen der böhmischen Schutzheiligen errichtet
Ans Wüten der Pest in Deutsch Gabel (heute Jablonne v Podjestedi) erinnert die barocke Pestsäule auf dem Markt der Kleinstadt unweit von Lückendorf. 1686 wurde sie als Dank für das Erlöschen der Pest mit den Statuen der böhmischen Schutzheiligen errichtet © Matthias Weber

Alles spricht derzeit über Corona. Wenn die Pandemie eines Tages ausgestanden ist, wird sie nicht vergessen werden, auch nach Jahren, ja Jahrzehnten nicht. Andere schwere Krankheiten haben längst ihren Platz in den Geschichtsbüchern und in den Chroniken der südlichen Oberlausitz gefunden.

Pest

Es sei eine „gefehrliche sterbenszeit“ hieß es im Juli 1585 in Löbau, als wieder mal die Pest umging, die in mehreren Jahrhunderten und in mehreren Wellen über Europa kam und die Menschen zu Tausenden hinwegraffte. Über Flöhe von Nagetieren, insbesondere Ratten, auf Menschen übertragen, breitete sich die Krankheit mit schmerzhaften Beulen (geschwollenen Lymphknoten an Hals, Achselhöhlen und Leisten) sowie starkem Fieber rasend schnell aus. Heilung gab es nicht. Gegen den Schwarzen Tod, wie die Seuche wegen der dunklen Hautfarbe vieler Infizierter auch genannt wurde, war kein Kraut gewachsen. Dennoch wurden eigenartige Mixturen als „bewährtes Wasser für die Pestilenz“ empfohlen. So sollten Alaun, Baldrian mit Liebstöckel, klein gestoßener Queckengraswurzel, gelbem Senf, scharfem Weinessig und Petroleum (!) vermischt werden. 

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Was die „Oberlausitzer Heimatzeitung“ 1922 zu der Bemerkung veranlasste: „Bei solchen Gewaltkuren sind wahrscheinlich die armen Kranken erlöst worden, allerdings dann für immer.“ Besonders schlimm wütete die Pest im Dreißigjährigen Krieg, begünstigt von durchziehenden Truppen und Einquartierungen. In vielen Orten wurden Kranke, aber auch Ärzte, in eigens dafür vorgehaltene Siechen- und Pesthäuser ausquartiert. Zusätzliche Pestprediger, Leichenträger und Totengräber wurden eingestellt und wegen ihrer hohen Ansteckungsgefahr gut entlohnt. In den Kriegsjahren verlor Herwigsdorf bei Löbau ein Drittel seiner Einwohner, Eibau beklagte 62 Opfer. „In der Zittauer Gegend erlagen so viele Leinenweber der Krankheit, dass die Auftragserfüllung nur durch Hilfe benachbarter Dorfweber bewältigt werden konnte“, ist einer Abhandlung der „Eibauer Chronikblätter“ zu entnehmen. Auch 1708, als Christian Weise, der ruhmreiche Zittauer Pädagoge und Dichter, verstarb, war die Pest noch nicht vorbei. Zu dieser Zeit hatte Zittaus Rat berittene Pestwachen aufgeboten, um der von Schlesien vorrückenden Seuche vorzubeugen.

Cholera

Als diese bakterielle Infektionskrankheit 1831 über Russland und Polen nach Deutschland kam, wurden vorsorglich die Grenzen dichtgemacht, so auch die zwischen Preußen und Sachsen im Eigenschen Kreis. Wachthäuschen mit Ofen und Fenstern wurden erbaut und mit Soldaten besetzt, geht aus einem zeitgenössischen Bericht hervor. Die Hütten standen zum Beispiel bei Kemnitz, Altbernsdorf, Schönau und Berzdorf. Doch beliebt waren sie bei der Bevölkerung, auch beim Wachpersonal, nicht. Man konnte es nicht verstehen, dass Wachen eine Krankheit zurückhalten sollten, die vor allem durch verunreinigtes Trinkwasser übertragen wurde, deren Ansteckung von Mensch zu Mensch jedoch höchst selten war.

Als dann 20 Mann Infanterie mit einem Offizier am 8. September 1831 in Bernstadt zur „Grenzabwehr“ der den Dünndarm angreifenden Durchfallerkrankung anrückten, ernteten sie Kopfschütteln. Der Bernstädter Tuchmacher Carl Friedrich Brunzlow verfasste ein Spottgedicht: „Lächerlich ist die Blockade. Und ich soll hier Wache stehen! Lasst uns lieber gehen ins Lindel, da gibt’s guten Cholerawein.“ (Mit dem Lindel ist eine Gaststätte in Kemnitz und mit dem Cholerawein ein kräftiger Kornbranntwein gemeint.) Erst kurz vor Weihnachten wurden die Wachen abgezogen.

Spanische Grippe

Diese Virus-Pandemie, die vermutlich erstmals 1918 in den USA von Geflügel oder Schweinen auf den Menschen übertragen wurde, über die aber zuerst aus Spanien berichtet wurde, erfasste zwischen 1918 und 1920 in mehreren Wellen die ganze Welt und forderte bis zu 50 Millionen Tote. In Deutschland gab es etwa 300.000 Grippeopfer. Unabhängig von diesen Zahlen sind die Parallelen zum Coronavirus Covid 19 erschreckend, sowohl bei den Symptomen als auch beim Umgang mit der Krankheit. Zunächst heruntergespielt, war sie, auch bedingt durch den Ersten Weltkrieg, nur schwer in Griff zu bekommen. 

Viele setzten auf fragwürdige Therapien. So hoffte die Preußische Medizinalverwaltung, „der Krankheit Herr zu werden, wenn die Sonne stärker hervortritt und die Trockenheit zunimmt.“ Zweifelhafte Experten versprachen zudem schnelle Genesung mit Wundermitteln, so dass sich Vergleiche zu einstigen Pest-Mixturen aufdrängen.Über das Ausmaß der Spanischen Grippe in der Oberlausitz lassen sich ganz schwer Angaben finden. Recherche-Nachfragen bei Ortschronisten für diesen Beitrag wurden mit Bedauern durchweg abschlägig beantwortet. 

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Auch in lokalen Zeitungen erwies sich die Suche nach entsprechenden Informationen als Fehlanzeige. Gab es anfangs in den zentralen Blättern eine durchaus kritische Berichterstattung zur Spanischen Grippe, änderte sich das im Herbst 1918, als der Krieg zu Ende ging. Im Schatten des Kriegsgeschehens wurde, wenn überhaupt, nicht über die eigenen, sondern über die Opfer der Pandemie im Ausland berichtet. Erst fünf Jahre später erschien in der nur wenigen zugänglichen Publikation „Arbeiten aus dem Reichsgesundheitsamt“ eine Art amtliches Resümee zur Spanischen Grippe in Deutschland. Ein Historiker des Instituts für Zeitgeschichte München brachte es 2010 auf den Punkt: „Die spanische Grippe ist in Deutschland mehr noch als in anderen Ländern vom Ende des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen überschattet worden und zwar sowohl in der zeitgenössischen Wahrnehmung wie auch in der späteren Erinnerung.“

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