merken
PLUS Löbau

Die Oberlausitz ist Birkenstocks Fußbett

30 Reporter aus aller Welt hat die Firma zu einem aufwendigen Presse-Event eingeladen - nach Bernstadt und Görlitz. Was fasziniert sie so an der Sandale?

Qualitätskontrolle: Journalisten aus aller Welt nehmen die Birkenstock-Produktion in Bernstadt und Görlitz unter die Lupe.
Qualitätskontrolle: Journalisten aus aller Welt nehmen die Birkenstock-Produktion in Bernstadt und Görlitz unter die Lupe. © Foto: Birkenstock

Weiße Turnschuhe, Sneakers, Stiefeletten. In allem, was gerade so Mode ist, stecken die Füße der wartenden Journalisten im Bernstädter Birkenstock-Werk. Nur Birkenstock-Sandalen, die trägt an dem kühlen Mai-Tag keiner. Dabei sind die 30 Reporter von Hochglanzmagazinen, Tageszeitungen, Lifestyle-Titeln und der Fachpresse extra wegen der berühmten Sandalen gekommen. Hier, in der Oberlausitz, wollen die Journalisten aus Ländern wie China, Japan, Italien und Spanien, Israel, den USA, Großbritannien oder Deutschland sehen und verstehen, was hinter dem großen Namen Birkenstock steckt.

Der Italiener Angelo Ruggeri schreibt für eine wöchentliche Mode-Beilage. "Birkenstock ist eine coole Marke", sagt er und grinst. Das sei nicht immer so gewesen, aber seit das Unternehmen mit Designern wie Valentino zusammenarbeitet oder mit Marie-Louise Sció, der Chefin des berühmten Luxus-Hotels Il Pellicano, sind die Mode-Scheinwerfer in Italien auf Birkenstock gerichtet. "Die meisten Menschen tragen Birkenstock, weil sie so bequem sind", sagt Ruggeri. Nun aber sei die Marke auch für die Modebewussten ein Name, den man beachten müsse. Und: "Sogar Männer tragen Sandalen - mit Socken, auch das ist jetzt möglich", sagt er und man sieht, dass er das persönlich eher weniger in Betracht zieht.

Anzeige
Der Eyecatcher beim Roadtrip
Der Eyecatcher beim Roadtrip

Ein Gefühl von Freiheit schnuppern, den Alltagsstress vergessen und viel PS genießen - ein Trike bietet den perfekten Fahrspaß für Individualisten.

Wo und wie die Schuhe produziert werden, will der Italiener wissen. In der Oberlausitz ist er da genau richtig, findet Birkenstock-Sprecher Jochen Gutzy: "Willkommen im Herzen des Birkenstock-Universums", begrüßt er auf Englisch seine Gäste. Diesen Satz meint er ganz ernst, denn inzwischen sind Bernstadt und Görlitz das Herz der Birkenstock-Gruppe. Hier läuft der Großteil der Produktion, hier hat das Unternehmen die meisten Angestellten, hier entstehen die Grundbausteine der allermeisten Schuhe und es gibt die größte Bandbreite an Modellen. 1.350 Mitarbeiter sind es inzwischen am Görlitzer Standort, in Bernstadt arbeiten 600. Die schier unglaubliche Zahl von 90.000 Paar Schuhe können die beiden Werke jeweils täglich produzieren, wobei Bernstadt die Schuhoberteile herstellt und in Görlitz Fußbett, Sohle und Endfertigung angesiedelt sind.

In Bernstadt dreht sich alles um Riemen und Clocks-Kappen, Schnallen und Futter. Das Material dafür - vor allem Leder und ein eigens produziertes Kunstleder namens Birkoflor - lagert in riesigen Regalen. Das Leder von 485.000 Rindern - das ist eine Fläche von etwa 300 Fußballfeldern - verarbeitet das Bernstädter Werk in einem Jahr, sagt Andreas Schulz, der Leiter des Werkes. Damit auch die Qualität stimmt, messen und prüfen Mitarbeiter bereits am Wareneingang alles von der Dicke bis zur Oberflächenstruktur.

In der großen Werkhalle ist es laut und warm. Seit vor einigen Jahren bei Birkenstock ein Generationswechsel anstand, hat sich vieles geändert - auch bei den Arbeitsabläufen. Eines aber ist geblieben: Maschinen gibt es hier zwar, aber das meiste ist klassische Handarbeit: Während eine junge Frau Schneidemesser auf einem Lederstück platziert - so als ob sie Backförmchen auf einen Teig zum Ausstechen legt - tippt und zeichnet ein Kollege an einer großen Maschine mit einem Stift auf einer Lederhaut herum. Der Stift hat eine leuchtende Spitze, damit umfährt er einige Teile im Leder. "Der Kollege markiert die Stellen, wo Fehler im Material sind und die Maschine berechnet dann den optimalen Schnitt", erklärt Produktionsleiter Thomas Schiller, der eine Journalistengruppe durch die Halle schleust.

Leder, Leder, Leder: Eine Fläche von 300 Fußballfeldern würde man bedecken, wenn man den Jahresverbrauch des Bernstädter Werkes zusammennimmt.
Leder, Leder, Leder: Eine Fläche von 300 Fußballfeldern würde man bedecken, wenn man den Jahresverbrauch des Bernstädter Werkes zusammennimmt. © Foto: Birkenstock
Mit einem Stift umfährt der Mitarbeiter die Stellen, die nicht mit zugeschnitten werden sollen, weil sie nicht der Qualität entsprechen. Die Maschine berechnet dann.
Mit einem Stift umfährt der Mitarbeiter die Stellen, die nicht mit zugeschnitten werden sollen, weil sie nicht der Qualität entsprechen. Die Maschine berechnet dann. © Foto: Birkenstock
Hier geht's noch per Hand: Die Riemchen werden mit Scheren, die wie Ausstechförmchen funktionieren, zugeschnitten.
Hier geht's noch per Hand: Die Riemchen werden mit Scheren, die wie Ausstechförmchen funktionieren, zugeschnitten. © Foto: Birkenstock
Die Schnallen müssen per Hand und mit maschineller Hilfe an den Leder- und Kunststoffriemen befestigt werden.
Die Schnallen müssen per Hand und mit maschineller Hilfe an den Leder- und Kunststoffriemen befestigt werden. © Foto: Birkenstock
Für die Lammfell-Edition kleben Mitarbeiter das Fell an die Lederteile der Sandalen.
Für die Lammfell-Edition kleben Mitarbeiter das Fell an die Lederteile der Sandalen. © Foto: Birkenstock
Hier werden die Fußbetten gebacken. Eine Maschine füllt die Masse aus Kork und Latex in die Formen. Mehr als 1.000 solcher Pressen gibt es im Görlitzer Werk.
Hier werden die Fußbetten gebacken. Eine Maschine füllt die Masse aus Kork und Latex in die Formen. Mehr als 1.000 solcher Pressen gibt es im Görlitzer Werk. © Foto: Birkenstock
Die überstehenden Ränder werden per Hand abgeschnitten, der Birkenstockstempel muss gut zu sehen sein.
Die überstehenden Ränder werden per Hand abgeschnitten, der Birkenstockstempel muss gut zu sehen sein. © Foto: Birkenstock
Es dauert achteinhalb Minuten bis aus diesem Granulat am Ende leichte Kunststoffsandalen werden.
Es dauert achteinhalb Minuten bis aus diesem Granulat am Ende leichte Kunststoffsandalen werden. © Foto: Birkenstock
So sehen die Schuhe aus, wenn sie fertig "gebacken" sind.
So sehen die Schuhe aus, wenn sie fertig "gebacken" sind. © Foto: Birkenstock
Danach gilt es nur noch, den Zehensteg zu befestigen, dann kann der Schuh verpackt werden.
Danach gilt es nur noch, den Zehensteg zu befestigen, dann kann der Schuh verpackt werden. © Foto: Birkenstock
Angelo Ruggeri (Mitte) kommt aus Italien und schreibt für eine Modezeitung. Er interessiert sich besonders für Birkenstocks-Designer-Kooperationen.
Angelo Ruggeri (Mitte) kommt aus Italien und schreibt für eine Modezeitung. Er interessiert sich besonders für Birkenstocks-Designer-Kooperationen. © Foto: Birkenstock
Der Chinese Christopher Wang schreibt für die Zeitschrift Vogue und hatte auf dem Rundgang viel Spaß. Hier werden seine eigenen Schuhe - selbst zusammengeklebt - noch endgültig fertiggestellt.
Der Chinese Christopher Wang schreibt für die Zeitschrift Vogue und hatte auf dem Rundgang viel Spaß. Hier werden seine eigenen Schuhe - selbst zusammengeklebt - noch endgültig fertiggestellt. © Foto: Birkenstock


Rasend schnell geht den Birkenstock-Arbeitern ihr Tagwerk von der Hand: Da werden Schnallen an den Lederriemchen befestigt, das Birkenstock-Logo eingeprägt, der Schriftzug auf das Futter gestempelt. Alles sitzt, die Ausschussquote ist nach eigenen Angaben im einstelligen Prozentbereich, heißt es vor Ort. Dennoch müssen die Mitarbeiter flexibel sein: "Sie müssen an verschiedenen Stellen im Produktionsprozess einsetzbar sein und sich auch zwischen den verschiedenen Modellen immer wieder umstellen", skizziert Thomas Schiller. Die Journalisten staunen, fühlen und nicken anerkennend.

Unter ihnen ist Christopher Wang. Der Chinese schreibt für das Modemagazin "Vogue" und liebt vor allem die Desinger-Modelle von Birkenstock. Er habe sogar eine kleine Sammlung. Birkenstock sei in China bekannt, vor allem, weil die Sandalen mit den Riemchen so komfortabel sind, erklärt er. Seine Kollegin Wang XiaoMeng sieht das auch so, besitzt bislang aber nur ein Paar: "Die halten doch so lange, da muss man sich keine neuen kaufen", sagt sie und lacht.

Qualität ist das eine, was Birkenstock international zugeschrieben wird. Das typische Fußbett aus einer Kork-Latex-Mischung das zweite. Den Begriff Fußbett hat Birkenstock in den 20er Jahren sogar erfunden. Hier in Görlitz wird es perfektioniert: Wie in einer großen Bäckerei bestücken die Mitarbeiterinnen mehr als 1.000 Pressen mit Jute-Schichten, ein Roboter füllt die Kork-Masse ein, danach werden erneut Jute und Futterstoff per Hand aufgelegt und angedrückt, bevor die Maschine das Sandwich "bäckt". 80.000 Fußbetten pro Tag sind so machbar.

Während bei den Klassikern noch Riemchen und Sohle angeklebt werden müssen, geht es bei den reinen Kunststoffsandalen noch flotter: Vom Granulat bis zum fertigen Schuh dauert es rund achteinhalb Minuten, erklärt der Görlitzer Werksleiter Hilmar Kopp. Das Granulat wird dabei erst zu einer Masse verarbeitet, dann auf Kinderschuhgröße gebracht und kurz in einer Form erhitzt. Dann springt der Kunststoff wie Popcorn auf und kann nach dem Abkühlen mit den nötigen Nieten versehen und verpackt werden. Während die Kunststoffschuhe mit wenigen Teilen auskommen, ist das vor allem bei aufwendigen Desinger-Modellen anders. Und je mehr Teile, desto länger dauert die Produktion.

Weiterführende Artikel

Wie klebe ich meine Sandalen zusammen?

Wie klebe ich meine Sandalen zusammen?

Beim Besuch der Birkenstock-Werke in Bernstadt und Görlitz durften sich Journalisten in der Schuhproduktion ausprobieren - mit gewissem Erfolg.

Während Birkenstock beim Thema Schuhe am Image feilt und ein bisschen das Biedermann-Label loswerden will, baut das Unternehmen weitere Standbeine aus: Kosmetika und Schlafsysteme sollen die Journalisten aus aller Welt ebenso mit dem Namen verbinden. Auch deshalb habe man sich zum ersten Mal zu einem solch großen Event entschieden, erklärt Unternehmenssprecher Jochen Gutzy - um die Vielfalt zu zeigen.

Mehr Lokales:

Löbau

Zittau

Görlitz

Mehr zum Thema Löbau