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Das vergessene Herrenhaus

Hans-Jörg Kretschmer lässt selbst sein Grundstück zum Denkmal erklären. Das ist selten, aber nachvollziehbar.

Das Foto vom topographischen Dienst Sachsen um 1910 zeigt den Dachreiter.
Das Foto vom topographischen Dienst Sachsen um 1910 zeigt den Dachreiter. © Archiv Klauka

Lötzschen. Kunsthistoriker und Denkmalpfleger vergaßen bislang ein 500-jähriges Herrenhaus, das Schutz und Erhaltung verdient. Es befindet sich in Lötzschen an der Straße Am Kettenbach. 

Denkmalforscher Cornelius Gurlitt behandelte das Gebäude wie auch den ganzen Ort in seinem Inventarverzeichnis der Baudenkmale der Amtshauptmannschaft Großenhain nicht. Auch in eine neue Denkmalliste ist das Herrenhaus nie aufgenommen worden – weder zu DDR-Zeiten, noch bei der flächendeckenden Inventarisation Ende der 90er.

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Der jetzige Eigentümer Hans-Jörg Kretschmer hat nichts gegen einen solchen Schutzstatus. Ausgegangen ist alles von Jürgen Klauka, dem Schönfelder Ortschronisten. Der sah das Gebäude in Gefahr, als das Grundstück im vorigen Jahr verkauft und das wertvolle Haus aus dem 16. Jahrhundert abgerissen werden sollte – für ein neues Pflegeheim. Daraus wurde nichts.

Vorwerk gehört zu Schloss Schönfeld

Klauka ist ein Schulfreund von Kretschmer, beide spielten frühen in dem verwunschenen Gemäuer. Heute weiß der Schönfelder Heimatforscher, dass Mitte des 15. Jahrhunderts Schönfeld der Familie von der Sahla gehörte. Abraham von der Sahla begründete das Vorwerk Lötzschen 1565 – das Herrenhaus dazu ist eben jenes neue Denkmal in spe. 

Zum Gutshof oberhalb des Kettenbachs gehörten zudem eine in den 1930er Jahren erbaute Scheune und ein Stall. Heute ist dieser Hof durch eine Grundstücks- und Besitzgrenze geteilt.

Zur Denkmalbestimmung holte Jürgen Klauka Dr. Matthias Donath nach Lötzschen. Der ist Historiker und Fachmann für Schlösser und Herrenhäuser. Donath erkannte an den profilierten Fenster- und Türgewänden aus Sandstein den einst herrschaftlichen Anspruch. „Die Fenstergewände auf der Ostseite – der Gebäuderückseite – sind mit Diamantquadern in quadratischen Zierfeldern geschmückt“, so Donath. Vergleichbare Diamantmotive gäbe es in der Bürgerhausarchitektur Sachsens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts etwa in Freiberg. 

Donath weiter: „Ein kleineres Rechteckfenster, ebenfalls auf der Ostseite, besitzt breite abgeschrägte Gewändeflächen, in denen jeweils ein leeres Medaillon angeordnet ist. Die runden Medaillons begegnen uns auch bei den Türgewänden im Inneren des Schlosses Schönfeld alten Teils, die zum Ursprungsbau des Abraham von der Sahla um 1570 gehören.“

Die ursprüngliche Raumaufteilung in Lötzschen ist weitgehend erhalten. Es gibt ein Kreuzgratgewölbe. Mehrere Rechtecktüren haben aufwendig dekorierte, jedoch mehrfach übermalte Sandsteingewände. Das Renaissance-Portal wurde leider durch einen Umbau der örtlichen LPG in den 1980er Jahren stark verstümmelt.

Nur zeitweise war das Rittergut eigenständig. Unter Heinrich Otto von Erdmannsdorff auf Schönfeld wurde das Herrenhaus nach 1842 erneuert, auf ihn geht die heutige Baugestalt zurück. So wird seitdem auch die Giebelspitze durch einen steinernen Obelisken bekrönt. Auch Nord- und Südgiebel lassen erkennen, dass von Erdmannsdorff keine Kosten scheute. Die Giebeleinfassungen bestehen aus Sandstein. 

Auch mit den von Burgks gingen die Modernisierungen am Herrenhaus weiter. Wie Donath weiter feststellt, wurde in das Rundfenster des Südgiebels eine Uhr eingelassen. Zudem erhielt das Haus einen Dachreiter. Die Wetterfahne dieses Glockenturms enthielt die Jahreszahl 1883. Vermutlich Anfang der 1930er Jahre wurde der Turm abgetragen, die Uhr beseitigt.

1935 an einen Vogt verpachtet

Das Vorwerk Lötzschen umfasste 73 Hektar und wurde von einem Vogt verwaltet, der im Herrenhaus wohnte. 1935 verpachtete Freiherr von Burgk das Vorwerk mit 59 Hektar an den bisherigen Vogt Bruno Krause. Bei der Bodenreform wurde das gesamte Land und damit auch das verpachtete Vorwerk aufgeteilt. Auch das Herrenhaus diente als Neubauernstelle. 1960 mussten die Bauern ihr Land in die LPG einbringen.

Kretschmers Vater ließ die Bausubstanz all die Jahrzehnte unverändert. Er füllte allerdings Haus und Grundstück mit Maschinenteilen, Werkzeugen, Schrott und Hausrat aller Art. „Da er Fremden den Zugang verwehrte, war es damals unmöglich, das Gebäude in Augenschein zu nehmen“, weiß Jürgen Klauka. Allerdings blieb – mit Ausnahme des rabiaten Umbaus des Portals – das Gebäude in seinem wertvollen Zustand erhalten.

Dann starb der Mann und 2018 gelangte das Grundstück an den Sohn: Hans-Jörg Kretschmer. Er bewohnt das immer noch unsanierte Herrenhaus, beräumt den Müll und möchte das Gebäude für sich und seine Familie ausbauen. Dass die Bausubstanz und der historische wie kunsthistorische Wert eine Aufnahme des Hauses in die Liste der Kulturdenkmale des Freistaats rechtfertigen, begrüßt er. Hohe Auflagen einer Denkmalschutzbehörde schrecken ihn nicht. Denn auch er möchte das Haus, so wie es heute ist, erhalten.

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