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„Das wäre Selbstmord“

Im Mai ist Olaf Janßen mit Dynamo abgestiegen. Jetzt räumt er Fehler ein und hat einen neuen Job. Ein Ferngespräch nach Teheran.

© Robert Michael

Herr Janßen, wo erreiche ich Sie gerade?

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Direkt um die Ecke – in Teheran.

Wie hat es Sie in den Iran verschlagen?

Der Kontakt kam über Erich Rutemöller, der einige Jahre als Trainer im Iran gearbeitet hatte. Der Verein wollte unbedingt einen deutschen Fußballlehrer, der internationale Erfahrung mitbringt. Ich bin froh, dass ich mich dafür entschieden habe. Das ist viel besser, als zu Hause zu sitzen und zu warten, ob das Telefon klingelt.

Welchen Verein trainieren Sie?

Ich bin bei Rah Ahan Sorinet FC, einem Klub der Persian Gulf Pro League, als Berater unter anderem verantwortlich für die Ausbildung der Trainer im Klub. Aber auch mit dem Chefcoach spreche ich jeden Tag die Übungsinhalte ab.

Wer ist Chefcoach?

Hamit Estili, seit seinem Kopfballtor beim 2:1-Sieg gegen die USA bei der WM 1998 im Iran ein Volksheld.

Wie läuft die Kommunikation?

Ohne Dolmetscher geht gar nichts, weil hier auch kaum jemand Englisch spricht. Da bleibt natürlich immer etwas auf der Strecke, denn das Instrument eines Trainers ist die Ansprache: der Tonfall, in welcher Situation er was sagt. Da muss man Abstriche in Kauf nehmen. Man lernt, damit umzugehen.

Und wie kommen Sie mit dem Leben in der islamischen Republik klar?

Es ist anders, durch die Religion geprägt. An viele Dinge muss man sich gewöhnen. Im Bus sitzen die Männer vorn, die Frauen hinten, im Schwimmbad oder Fitnessstudio gibt es getrennte Zeiten. Aber am schwierigsten ist in Teheran der Verkehr. Hier leben acht Millionen Menschen, und es sind gefühlt 100 Millionen Autos unterwegs. Man steht ständig im Stau.

Fahren Sie selber?

Nein, das wäre Selbstmord. Im Iran gibt es die meisten Unfalltoten auf der Welt, und das hat seinen Grund. Wenn man sich an die Verkehrsregeln halten würde, wäre man ein Hindernis für die anderen.

Wie schätzen Sie die Qualität des Fußballs ein?

Der Iran ist ein sehr großes, bevölkerungsreiches Land. Ich glaube, hier werden mindestens genauso viele Talente geboren wie in Deutschland. Die Aufgabe ist es, sie zu entdecken und zu entwickeln. Das steckt alles in den Kinderschuhen. Dadurch kann man an vielen Schrauben drehen und sehr viel bewirken. Das ist spannend. Ein Problem dabei ist jedoch die Lebenseinstellung. Hier geht es erst einmal um Freundschaft. Diese Nähe, diese Herzlichkeit ist für unsereinen fast befremdlich. Erst an zweiter Stelle kommt der Erfolg.

Wie sehr hallt der Misserfolg mit dem Abstieg von Dynamo noch nach?

Der Schmerz wurde dadurch gelindert, dass ich von den Leuten in Dresden keinen Hass gespürt habe, sondern dass sie anerkannt haben, dass wir – und da schließe ich meinen Assistenten Peter Nemeth ein – alles getan haben, damit es nicht passiert. Dass es trotzdem passiert ist, dafür tragen wir die Verantwortung, das ist klar.

Es war Ihre erste Station als Chefcoach. Fürchten Sie, dass der Makel bleibt?

Ich habe so viel Selbstvertrauen zu wissen, dass meine Arbeit nicht ganz so schlecht ist. Deshalb hatte ich keine schlaflosen Nächte. Was immer mal wieder hochkommt, ist die besondere Atmosphäre bei Dynamo. Es hätte mir sehr großen Spaß gemacht, die Arbeit fortzuführen. Diese Unterstützung ist einmalig, das ist für Trainer und Spieler das Salz in der Suppe. Deshalb sind wir so besessen von dem Job. Im Misserfolg tut es natürlich umso mehr weh.

Haben Sie Fehler gemacht?

Ja, natürlich! Es ist die wichtigste Eigenschaft eines Trainers, sich selbst zu hinterfragen. Ob man will oder nicht, man muss täglich Hunderte Entscheidungen treffen. Da muss man sich zugestehen, dass nicht jede richtig sein kann. Da ist einiges in meinem Kopf haften geblieben, weniger, was die Trainingsinhalte betrifft, sondern eher der Umgang mit der Mannschaft in bestimmten Situationen.

Zum Beispiel?

Als ich kam, lag die Mannschaft am Boden, hatte überhaupt kein Selbstbewusstsein, wusste nicht mehr, wo rechts und wo links ist. Deshalb war es richtig, ihr Vertrauen zu geben, sie mit ins Boot und die Verantwortung zu nehmen. Zur Winterpause hatten wir einen guten Stand erreicht. Ab da hätte ich mehr Abstand nehmen sollen, ein bisschen brutaler sein müssen. Damit meine ich nicht, ständig mit der Axt rumzulaufen und jeden rundzumachen. Aber ich hätte unsere Grundsätze strenger durchsetzen müssen. Dabei bin ich vielleicht zu viele Kompromisse eingegangen.

Es heißt, die Franzosen hatten eine Sonderrolle …

Die hatten sie schon vor meiner Zeit, waren eine Mannschaft in der Mannschaft. Ich habe versucht, das Kommunikationsproblem zu lösen und denke, dass es deutlich besser geworden ist. Wenn Sie aber meinen, dass sie meist gespielt haben, dann nicht, weil sie einen französischen Pass hatten. Losilla, Bregerie, Ouali oder Poté haben besondere Qualitäten, auch wenn sie die nicht immer abrufen konnten.

Sie wurden mit Berti Vogts beim VfB Stuttgart ins Gespräch gebracht. Wie ernst war das?

Zum Glück bin ich medial hier abgehangen und habe davon erst Wind bekommen, als mein Telefon nicht mehr stillstand. Ich kenne Berti seit vielen Jahren. Er würde sich melden, wenn etwas konkret wird. Das hat er nicht getan.

Aber Sie würden bei einem Angebot in die Heimat zurückkehren?

Ich bin nicht in den Iran gegangen, um hier meinen Lebensabend zu verbringen, sondern um im Job zu bleiben. Wenn man als Trainer etwas ausschließt, steht man sich selbst im Weg. In dem schnelllebigen Geschäft sollte man flexibel reagieren.

Voriges Weihnachten haben Sie mit Ihrer Frau und den fünf Kindern in Dresden verbracht. Feiert die Familie diesmal gemeinsam in Teheran?

Nein, nein! Da werde ich zu Hause sein. Aber Dresden war für mich und meine Familie ein ganz besonderes Weihnachtsfest. Die Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen wurden, bleibt uns in Erinnerung.

Das Gespräch führte Sven Geisler.