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Wie kamen die Diebe durch das Gitter ins Grüne Gewölbe?

Dicke Stahlstangen sollten den Einbruch verhindern. Eine Dresdner Wissenschaftlerin weiß, warum er dennoch möglich wurde.

Mitarbeiter einer Restaurierungsfirma arbeiten an dem durchtrennten Gitterfenster des Grünen Gewölbes und setzen es instand. Bleibt nur die Hoffnung, das zuvor ausreichend Materialanalysen mit neuestem Wissen  gemacht wurden.
Mitarbeiter einer Restaurierungsfirma arbeiten an dem durchtrennten Gitterfenster des Grünen Gewölbes und setzen es instand. Bleibt nur die Hoffnung, das zuvor ausreichend Materialanalysen mit neuestem Wissen gemacht wurden. © dpa

Es war 4.57 Uhr und dunkel draußen. Und es ging schnell. Keines der Sicherheitssysteme am Grünen Gewölbe hielt die Juwelendiebe auf. Das Glas der Vitrine hatte nicht die Sicherheitsstufe, um den Schlägen mit der Axt standhalten zu können. Das Fenster wurde komplett aus dem Rahmen herausgehebelt oder gesprengt. Und selbst die erste Barriere, das Stahlgitter davor, war kein Problem für die Kriminellen. Es hielt die Bande nicht auf. Warum eigentlich nicht?

Das habe Gründe, erklärt die Dresdner Materialforscherin Martina Zimmermann im Gespräch mit der SZ. Sie ist im Maschinenwesen an der TU Dresden die Expertin für zerstörte Materialien und defekte Bauteile und Professorin für Werkstoffmechanik und Schadensfallanalysen. Was Werkstoffe betrifft, so ist sie ebenfalls am Dresdner Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS tätig.

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Den Aufbau, die Struktur und die Eigenschaften eines Werkstoffs analysiert ihr Team. Vor allem dann, wenn etwas nicht standgehalten hat. War es ein Materialfehler? Eine falsche Technologie der Herstellung? Überlastung? Die Antworten liegen oft im mikroskopisch kleinen Bereich. Sicher auch beim Fenstergitter vom Grünen Gewölbe.

Superfester Stahl war das nicht

Diese Spuren und die Erkenntnisse sind bisher lediglich der Kriminalpolizei bekannt, die Details zu den Schäden am Metall auch. Aber dennoch kann die Wissenschaft einige Antworten geben, weshalb das Material sich so schnell zerstören ließ. Und was dafür an Technik und Kenntnissen nötig gewesen ist. Der Schlüssel liegt offenbar im Metall selbst.

Nach Recherchen der SZ-Dokumentation wurde das Dresdner Residenzschloss zwischen 1889 und 1901 umfassend umgebaut. Unter Leitung von Gustav Dunger und Gustav Frölich geschah diese Rekonstruktion und Erneuerung nach dem Vorbild der Renaissance. In dieser Zeit erfolgte auch der Umbau der Fensterbereiche, bei denen dann sogenannte umschlagende eiserne Fensterläden angebracht wurden und ebenso die Korbgitter. 

Prof. Martina Zimmermann ist Expertin für Werkstoffe und Schadensfallanalysen. An der TU Dresden und beim Fraunhofer-Institut IWS in Dresden forscht sie - und sie erstellt auch Gutachten. 
Prof. Martina Zimmermann ist Expertin für Werkstoffe und Schadensfallanalysen. An der TU Dresden und beim Fraunhofer-Institut IWS in Dresden forscht sie - und sie erstellt auch Gutachten.  © IWS / Martin Förster

Zu dieser Zeit war der extrem feste Stahl noch nicht erfunden. Erst ein paar Jahrzehnte später, so berichtet die Wissenschaftlerin Martina Zimmermann, wurden Legierungen bekannt, die das Durchtrennen mit einer Säge oder auch Flex nahezu unmöglich machten. „Heutige Stähle für sicherheitsrelevante Fenstergitter sind V2A, V4A und hochfest. Bei ihnen findet bei einer Verformung eine sogenannte Phasenumwandlung statt.“

Und dies bedeutet: „Wenn man daran versucht herumzusägen oder diese zu verformen, dann verfestigen sich diese Stähle noch. Da hat man keine Freude dran, diese zu zerstören. Es gelingt nicht.“ Die Flex beißt sich daran die Zähne aus. Ein Gitter aus V2A oder V4A hätte wohl gehalten. „Schmiedeeisen von damals hat diese Eigenschaft nicht“, sagt die Professorin.

Sie wussten genau, was zu tun ist

Für die Juwelendiebe war das zumindest eine Einladung. Hier hat offenbar der Denkmalschutz über der Sicherheit gestanden. „Man muss das Material schon sehr genau kennen, um die richtigen Trennscheiben auszuwählen, damit die einem nicht um die Ohren fliegen. Weil sie sonst eher kaputtgehen als das Material“, sagt Martina Zimmermann. „Darüber müssen sich die Juwelendiebe vermutlich durchaus Gedanken gemacht haben.“

Was genau vorgefallen ist, wie schnell es mit dem Durchtrennen ging, das könnten nur Materialanalysen vom Gitter und der Bruchstelle zeigen. Ob und wie viele unerwünschte Beimengungen in der Schmelze für diese Stahlgitter gewesen sind, das entscheidet letztlich auch über deren Festigkeit.

„Wir könnten das analysieren. Und das wäre auch superspannend“, sagt die TU-Professorin. „Aber Schadensvorfälle mit einem solchen Ausmaß, die würde ich dann wohl doch an eine Bundesoberbehörde weiterleiten. Und da wäre aus meiner Sicht die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin der geeignete Ansprechpartner. Aber ob und wer hier weitere Untersuchungen anstellen sollte beziehungsweise darf, müssen die verantwortlichen Kriminaltechniker entscheiden.“

Bis dahin bleiben auf Basis der bisher bekannten Fakten nur fünf Möglichkeiten, wie die Diebe durch das Eisen gehen konnten:

  • Dafür spricht: die Geräte sind überall zu bekommen und leicht zu handhaben.
  • Dagegen spricht: macht aber Licht in der extra abgedunkelten Straße, er hinterlässt klare Spuren, die Flamme vor dem Glasfenster wäre kritisch und hätte das Risiko, Alarm auszulösen 
  • Fazit: unwahrscheinlich
  • Dafür spricht: es würde das Gitter wie Butter durchtrennen. 
  • Dagegen spricht: es sind riesige und komplexe in Instituten und Firmen stationär vorhandene Apparaturen, es wäre damit nicht realisierbar. Zudem wäre enorm viel Energie nötig, die auch noch herangeschafft werden müsste
  • Fazit: ausgeschlossen
  • Dafür spricht: anwendbar wäre die Technologie in diesem Fall, es gibt sogar mobile Geräte. Das wäre die ideale Methode. 
  • Dagegen spricht: selbst die mobilen Geräte sind groß wie ein Lkw-Anhänger und müssten exakt vor dem Fenster positioniert werden, Energiezufuhr oder Dieselaggregat wären nötig 
  • Fazit: ausgeschlossen
  • Dafür spricht: prinzipiell möglich, es macht kein Licht und nur wenig Lärm
  • Dagegen spricht: dieses Eisengitter ist ja kein dünnes Blech, das man so durchknacken könnte. An einer einzelnen Stange funktioniert die Methode vielleicht noch, nicht aber an einem Gitter mit mehreren Bruchstellen.                
  • Fazit: sehr unwahrscheinlich
  • Dafür spricht: klassischer Baustahl lässt sich mit einer solchen Flex gut trennen. Hier hängt es von der Zusammensetzung des Materials und der richtigen Trennscheibe ab, ob das in wenigen Sekunden machbar ist.  
  • Dagegen spricht: für einen Moment ist es laut und es fliegen Funken. 
  • Fazit: Es ist aus materialwissenschaftlicher Sicht und ohne Begutachtung des Tatortes die für Baustahl wahrscheinlichste Methode. Mit heutigen festen Stählen als Fenstergitter wäre dies nahezu unmöglich.

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  • Dafür spricht: klassischer Baustahl lässt sich mit einer solchen Flex gut trennen. Hier hängt es von der Zusammensetzung des Materials und der richtigen Trennscheibe ab, ob das in wenigen Sekunden machbar ist.  
  • Dagegen spricht: für einen Moment ist es laut und es fliegen Funken. 
  • Fazit: Es ist aus materialwissenschaftlicher Sicht und ohne Begutachtung des Tatortes die für Baustahl wahrscheinlichste Methode. Mit heutigen festen Stählen als Fenstergitter wäre dies nahezu unmöglich.