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Den Passfälschern auf der Spur

Der Polizist Marco Haufe ist Experte für falsche Pässe und Ausweise. Sein Job ist ein Wettkampf mit der organisierten Kriminalität. Ein Besuch im Labor.

Urkundenexperte Marco Haufe prüft einen litauischen Personalausweis. Schon mit bloßem Auge erkennt er die Fälschung.
Urkundenexperte Marco Haufe prüft einen litauischen Personalausweis. Schon mit bloßem Auge erkennt er die Fälschung. © Tobias Wolf

Daumen und Zeigefinger bewegen den Reisepass vor der Lupe hin und her, entlang von Linien und Mustern. Mit zusammengekniffenen Augen guckt Marco Haufe durch das Vergrößerungsglas. Er stoppt beim Feld mit dem Vornamen. „Hier könnte etwas sein.“ Das Papier sieht seltsam aus, die Schrift ausgefranst. Etwas ist mit dem roten belgischen Pass nicht in Ordnung. Nur ein Eindruck, aber das Gefühl wird nicht trügen.

Haufe nimmt den Pass und schiebt die Seite mit Foto und Daten unter das Mikroskop. Auf dem Bild ist ein kleines Mädchen zu sehen. Wieder ein angestrengter Blick. Mit der Vergrößerung müsste aus der Papierfarbe ein feines grünes Muster werden. Der gut zwei Meter große Mann mit dem gestutzten Kinnbart lehnt sich zurück. „Druckbild, Hintergrundfarbe, das stimmt nicht.“ Statt eines feinen Musters verwaschene Farben. Ein ovales Sicherheitsmerkmal über dem Foto sieht handgemalt aus. Hier haben die Fälscher gepatzt. Kaum jemand würde das erkennen.

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Marco Haufe ist Urkundenexperte und Chef der Kriminaltechnik der Bundespolizei in Dresden, Spezialist für Pässe, Ausweise, Aufenthaltstitel, Visa, Fahrkarten. Das Büro liegt etwas versteckt an einer Ausfallstraße. Durch den Gang mit verblichenem polizeiblauen Teppich geht es zur Tür eines laborartigen Raums. Darauf klebt ein Sticker: „Passkontrolle“. Die Jalousien sind so gedreht, dass niemand hineingucken kann. Schlichte Holzschränke, rote Stühle, auf dem Konferenztisch liegen Papiere, Muster jemenitischer Reisepässe, ein Pappkarton mit Formularen. An der Wand Landkarten: die Welt und Europa – mit Flaggen aller Länder für den Schnellcheck.

Für das Auge zunächst unsichtbar

Von außen würde niemand ahnen, dass sich hinter den Jalousien ein Geräte-Park befindet, der seinesgleichen sucht, darunter ein High-Tech-Prüfgerät der Bundesdruckerei mit einer Software namens Inspect. Es erkennt die meisten Fälschungen und gibt Laien Hinweise, wenn etwas merkwürdig ist. Auch, wenn es um für das Auge zunächst unsichtbare UV-Tinte geht. Mikroskop und Spezialscanner können so vergrößern, dass kleinste Details sichtbar werden. Ein kleiner Blechkasten ist für den schnellen Check von Pässen unter UV-Licht. Nicht über alle Prüfschritte kann Haufe sprechen, oder über alle Fähigkeiten der Geräte. Manches soll geheim bleiben.

Den Pass aus Belgien legt Haufe ins High-Tech-Prüfgerät. Sekunden später erscheint die erste Seite auf dem Bildschirm, daneben Vergleichsbilder und Warnhinweise: Pass abgelaufen, Foto und Druck auffällig. Solche Geräte stehen auch bei der Passkontrolle am Flughafen, in Polizei-Dienststellen nahe der Grenze und wenn es nach dem 35-Jährigen geht, auch bald in allen Bürgerbüros, Meldestellen, Standesämtern und Ausländerbehörden. Seitdem es keine Grenzkontrollen in Schengen-Europa mehr gibt, verläuft diese Linie in den Amtsstuben, nicht zwischen den Staaten.

Der belgische Pass ist echt, aber nicht alles daran. 
Der belgische Pass ist echt, aber nicht alles daran.  © Tobias Wolf

Aber nicht nur in Ämtern müssen Menschen Fälschungen erkennen, die keine Experten sind, bevor jemand mit falschen Angaben eine neue Identität, Sozialhilfe oder Kindergeld bekommt. Auch in Banken, Versicherungen, Unternehmen, beim Notar – überall wo potenziell große Schäden drohen, muss jeder, der mit Identitäten umgeht, Grundkenntnisse über Fälschungen haben. Das Bundeskriminalamt geht von 55.000 Euro Schaden pro nicht entdecktem Fälschungsfall aus. Anis Amri, der Terrorist vom Berliner Weihnachtsmarkt, benutzte 14 Identitäten und bezog damit mehrfach Sozialhilfe für Asylbewerber.

Gefälschte Pässe werden auch für den organisierten Menschenhandel gebraucht, um Frauen aus Afrika oder Asien hier zur Prostitution zu zwingen, die auf legalem Weg kaum einreisen dürften. Bei Fälschungen geht die Tendenz in der Statistik hoch. Für Mitteldeutschland hat die Bundespolizei dreimal so viele Fälle wie noch 2017 ermittelt, in Sachsen stieg die Zahl aufgedeckter Fälschungen um gut drei Prozent auf etwa 3.200. Seit Amri sollten auch alle Kommunalbehörden alarmiert sein.

Mit den Fingern tastet Haufe den belgischen Pass ab. Die nächsten Papierseiten scheinen echt zu sein. Stimmt ihre Anzahl, die Mittelnaht, Wasserzeichen, UV-Druckflächen? Haufe muss sicher sein. Der Hauptkommissar mit dem Faible für Dokumente war jahrelang an der tschechischen Grenze im Einsatz und hat eine Spezialausbildung. „Wir müssen verstehen, wie die Originale gemacht sind und wie die Fälscher vorgehen.“ Jede Drucktechnik, etwa Laser oder Tinte, hat eigene Merkmale.

Nun ist das Labor sein Arbeitsplatz und nicht die Straße. Draußen ist er, wenn schnell viel zu prüfen ist, weil Richter über Untersuchungshaft von Verdächtigen entscheiden müssen. Wie im Sommer bei einer Großrazzia wegen Scheinehen bei Leipzig, als Haufes Kriminalabteilung einen indisch-pakistanischen Schleuserring mit über 60 Beschuldigten hochgehen ließ. Ein Job wie am Fließband: Pässe, Aufenthaltstitel, Visa, Heiratsurkunden, Ausweise.

Jeden Tag Dokumente. Wird das nicht langweilig? Haufe grinst und sagt. „Wie viele Leute sitzen auf der Couch und gucken im Fernsehen dabei zu, wie Fälle gelöst werden? Jeder Zweite würde das doch am liebsten selber machen.“ Jeder Fall ist anders, spannend, nicht immer leicht zu lösen. Technik, Wissen und Knobelfreude sind notwendig. Alles entwickelt sich weiter. Es ist ein Dauerwettkampf zwischen Polizei und Fälschern, die dank billiger Technik immer besser werden. Drucker oder Geräte zum Laminieren von Seiten gibt es in jedem Discounter. Manche Spezialtinte lässt sich im Internet bestellen.

Für wenige Hundert oder für mehrere Tausend Euro

Gefälscht wird alles, was Gewinn verspricht. Auch Fahrscheine und Monatskarten für den Nahverkehr. In Mitteldeutschland hat die Bundespolizei 2019 rund 500 Stück sichergestellt, von Betrügern im Darknet gekauft. Selbst Studentenausweise werden gefälscht, weil sie gleichzeitig Semesterticket für Bus und Bahn sind.

Bei internationalen Pässen steigen die Preise mit der Qualität, sagt Marco Haufe. Am beliebtesten sind europäische, britische und US- Pässe. Man bekäme sie für wenige Hundert oder für mehrere Tausend Euro. Musste man früher jemanden kennen, der jemanden kennt, der falsche Papiere besorgt, wird heute sehr viel im Darknet, bei Facebook oder in Messengerdiensten wie Whatsapp und Telegram verkauft.

Der belgische Pass in Haufes Händen ist echt, aber nicht alles daran. Wer das Dokument bearbeitet hat, kann Papier spalten. Die Foto-Seite mit den Daten ist neu, aber hinten original. Papier spalten? „Mit Wissen und Technik geht das“, sagt er. „Das ist nur aus unserer Sicht dünn, aus Sicht einer Ameise ist das ein dicker Faserverbund.“ Ein Teil wird abgezogen, ein neuer sehr dünner aufgeklebt. Für Laien kaum zu entdecken. Die Fälscher haben, erst sichtbar unter UV-Licht, schlampig gearbeitet. Auf der dritten Seite ist bei Pässen aus Belgien immer eine Kopie der ersten Seite mit UV-Tinte gedruckt. Ein dreijähriges Mädchen müsste da jetzt auftauchen. Offenbar sollte das Kind damit eingeschmuggelt werden.

Unterm UV-Licht ist aber eine Frau zu sehen, und ein anderer Name. Es ist ein älterer Pass, noch ohne eingebauten Chip. Sonst wäre die Fälschung vielleicht schon bei der Kontrolle sichtbar gewesen. In modernen EU-Pässen und Ausweisen werden auf dem Chip Foto und Daten gespeichert.

Der Fälschungsexperte schlägt einen ungarischen Pass auf. Auf den ersten Blick echt. Sogar Name und Daten stimmen, wie sich später herausstellt. Bis zur Chip-Kontrolle. Darauf ist ein kräftiger älterer Mann zu sehen, auf dem Foto im Pass ein junger schmaler. Die Täter haben das Foto getauscht, dazu die Oberfläche abgetragen und ein neues Bild aufgedruckt. Die Daten im Pass gehören zum eigentlichen Besitzer, dem das Dokument wohl gestohlen wurde.

Bei dem ungarischen Pass wurde das Foto getauscht. Er wurde dem eigentlichen Besitzer wohl gestohlen. 
Bei dem ungarischen Pass wurde das Foto getauscht. Er wurde dem eigentlichen Besitzer wohl gestohlen.  © Tobias Wolf

Eine andere Masche ist, Dokumente von EU-Bürgern auf Urlaub im Ausland zu stehlen. Kriminelle suchen anschließend nach Klienten, die den im Pass Abgebildeten ähnlich sehen. Ein echter Pass ist besonders teuer auf dem Schwarzmarkt. Betroffene sollten den Verlust eines Ausweises sofort melden, damit ihre Identität nicht für mutmaßlich kriminelle Handlungen benutzt werden kann.

Als gefährlich schätzen Ermittler ein Phänomen ein, das durch die Terrororganisation Islamischer Staat bekannt wurde. Nicht jedes Land hat wie Deutschland Pässe, die einzeln in der Bundesdruckerei hergestellt werden. Manche Staaten bestellen leere Pässe und bedrucken sie später. „Als IS-Terroristen Teile Syriens kontrollierten, sind sie auch an echte syrische Blankopässe in Behörden gekommen, die sie dann beliebig ausfüllen konnten“, sagt Marco Haufe. Zwei der Attentäter von Paris waren mit solchen Pässen unterwegs.

Nicht nur im Nahen Osten passiert so etwas. Bei einem Einbruch zu Ostern 2019 haben Diebe zum wiederholten Mal Blankos von Aufenthaltstiteln und temporären Pässen in der Ausländerbehörde Berlin gestohlen. Bei weiteren Einbrüchen sollen Tausende Fahrzeugbriefe verschwunden sein. Mit den Papieren können gestohlene Autos aus Deutschland etwa in der Türkei oder Weißrussland „legalisiert“ werden. Die Fahrzeugbriefe werden einfach gegen echte einheimische Papiere eingetauscht.

Bis zu 60 Verdachtsfälle landen jede Woche bei Haufe und seinen Kollegen. Von anderen Polizeidienststellen, Melde- und Ausländerbehörden oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Darunter auch „Fahndungstreffer“ – gestohlene Ausweise und Pässe oder auch nur verlorene, die der Besitzer wiederfindet, aber das Amt nicht darüber informiert. Haufe sagt, Behörden in ganz Europa suchen derzeit nach über 50 Millionen Dokumenten.

Der Chip des litauischen Ausweises ist eine Imitation.
Der Chip des litauischen Ausweises ist eine Imitation. © Tobias Wolf

Den Ausweis im Posteingang muss er sich angucken. Eine Plastikkarte aus Litauen. Ist er echt, sind Reisefreiheit und Arbeitsmöglichkeiten in der ganzen EU garantiert. Kollegen haben den Ausweis auf der Autobahn 4 sichergestellt, weil er ihnen merkwürdig vorkam, 25 Kilometer vor der polnischen Grenze. Mehr steht nicht auf dem Auftrag. Marco Haufe weiß nicht, was passiert ist. Ob der Mann mit dem litauischen Ausweis verhaftet wurde oder ob weiterfahren konnte. Als Experte erfährt er nur das Nötigste, nichts soll ablenken.

Haufe guckt durch die Lupe. Am Rand franst die Deckfolie aus, der Chip des Ausweises ist eine Imitation und dazu noch schlecht ausgeschnitten. Zumindest in den Augen des Profis. Auf der A4 finden sich immer wieder solche Dokumente. Oft bei Ukrainern, die als Touristen einreisen und nicht legal in der EU arbeiten dürfen. Viele Serben geben sich als Kroaten aus, Albaner als Griechen und Nordafrikaner als Syrer, weil Syrer lange bessere Chancen auf Asyl hatten. Moldawier besorgen sich falsche rumänische Papiere, weil sie die gleiche Sprache sprechen.

Diese Pässe sind nur ein Teil der umfangreichen Bundespolizei-Sammlung von Fälschungen aus aller Welt.
Diese Pässe sind nur ein Teil der umfangreichen Bundespolizei-Sammlung von Fälschungen aus aller Welt. © Tobias Wolf

Marco Haufe öffnet eine Schublade. Darin ein Haufen vermeintlich rumänischer Ausweise. Einige der Karten sind ein paar Millimeter größer als das Original oder bunter. Wer mit gefälschtem Ausweis beim Meldeamt durchkommt, kann ungerechtfertigt eine Niederlassungs- und Arbeitserlaubnis bekommen, kann teure Handyverträge abschließen, Wohnungen mieten, Bankkonten einrichten und Kreditkarten beantragen. Mit falschen Dokumenten können teure Autos bei Autovermietungen gebucht werden und dank der passenden Kreditkarte als Sicherheit ins Nicht-EU-Ausland verschoben werden.

Bei einem Auslandseinsatz sei er an der griechisch-türkischen Grenze gewesen, sagt Marco Haufe. In der Schlange ein BMW X5 für über 100.000 Euro aus Wien, am Steuer ein Ungar, Typ Geschäftsmann, der den Wagen angeblich für einen Termin in Istanbul gemietet hatte – mit Ausnahmegenehmigung der Autovermietung. Haufe enttarnte die Dokumente als Fälschung. Nach einem Anruf bei der Mietwagenfirma war klar, da sind noch mehr mit der Masche unterwegs. In diesem Fall wurden die Täter noch rechtzeitig gestoppt.

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Wie viele Täter aufgehalten oder abgeschreckt werden und wie viele mit ihren kriminellen Machenschaften unbemerkt durchkommen, weiß niemand so genau. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, sagt Haufe. Nur was auffällt, landet am Ende in der Statistik. Haufe spricht ruhig, konzentriert, will sichergehen, dass auch die Fachbegriffe verstanden werden. Details sind wichtig. Der Polizist im zivilen dunkelblauen Hemd ist mehr freundlicher Forscher als hartgesottener Sheriff. Die Uniform trägt er bei Großeinsätzen. Das Thema Fälscher verfolgt ihn oft bis in den Feierabend, weil er Rufbereitschaft hat oder aber, weil Dokumentationen im Fernsehen zum Thema laufen.

Oder bis in den Supermarkt. „Ich muss fast immer schmunzeln, wenn ich in der Schlange stehe und sehe, wie sich die Kassiererin damit abmüht, Geldscheine unter UV-Licht zu prüfen.“ Da hat er als Polizist einfach die bessere Technik.

Das macht erst die Technik sichtbar. 
Das macht erst die Technik sichtbar.  © Tobias Wolf

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