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Görlitz

Der Dengler von Reichenbach

Charles Nerger hat eine alte Handwerkstechnik bewahrt. Ein Uhsmannsdorfer bietet dazu sogar Kurse an.

Grasmahd per Hand statt mit dem Rasenmäher: Charles Nerger bringt alte Sensen wieder auf Vordermann.
Grasmahd per Hand statt mit dem Rasenmäher: Charles Nerger bringt alte Sensen wieder auf Vordermann. © Constanze Junghanß

Auf dem Schild am Hoftor steht etwas, was Leute stehen bleiben lässt. Denn hier kann man für fünf Euro seine Sensen dengeln lassen. Ein altes Handwerk, das viel Geschick erfordert, erlebt eine kleine Renaissance. Immer mehr und vor allem jüngere Leute entdeckten die Freude an der Grasmahd per Hand wieder. Charles Nerger weiß das deshalb so genau, weil er ein Sensen-Fachmann für die alten bäuerlichen Gerätschaften ist.

Der Reichenbacher dengelt, wie es schon zu Urgroßvaters Zeiten Usus war auf dem Dorf: mit Hammer und Amboss. Ohne diesen Bearbeitungsschritt lässt sich das Gras nicht richtig hauen. Mit stumpfer Sense fallen die Halme keinesfalls. Nur Schärfen mit dem Wetzstein alleine reicht nicht.

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Gelernt hat Charles Nerger das Dengeln beim Großvater. „Er war Schmied bei der LPG“, erzählt er. Mit 13 Jahren dengelte Charles Nerger die erste Sense für den Vater. Der selbstständige Kunstschmiedehändler und Reparaturdienstler rund ums Haus hat das beinahe in Vergessenheit geratene Handwerk bis heute bewahrt und bietet die spezielle Sensenbearbeitung zusätzlich mit an.

„Kurz nach der Wende schafften sich die Leute Motorsensen an“, erinnert sich der 50-Jährige. Die Arbeit ging mit der modernen Technik – die es nun überall zu kaufen gab – schneller, das Sensen geriet immer mehr in Vergessenheit. Auch die Kleintierhaltung zur Selbstversorgung mit Fleisch sank. Für Kaninchen war das handgehauene Gras kostenloses Futter. Nach dem Ende der DDR füllten sich die Kühltruhen mit Fleisch. „Vielleicht drei oder vier Sensen wurden damals jährlich zum Aufarbeiten hergebracht“, erzählt Nerger. In den letzten Jahren kehrte sich der Trend um. Seminare zum Mähen mit der Hand werden angeboten und Videos gezeigt, wie mit Sichel und Sense umgegangen wird. Selbst im Baumarkt sind Sensen wieder zu entdecken.

Vielleicht hänge das auch mit einem Rückbesinnen auf Traditionen zusammen? Selbstversorgung ist wieder im Kommen, Handarbeit ebenso – ein Stück Unabhängigkeit vom unüberschaubaren Konsumangebot. Wer selber senst, braucht dafür keinen Strom, verbraucht statt teurer Energie Muskelkraft und benötigt Fingerspitzengefühl, damit das hohe Gras gut fällt. Aber scharf muss die Sense sein, „rasierklingenähnlich“, sagt Nerger.

Er macht es vor: Ein wenige Millimeter breiter Abschnitt vom Blatt wird über die gesamte Länge hinweg mit dem Hammer ausgedünnt. Ein rhythmischer Ton von Metall auf Metall klingt und hallt nach. Denn beim Wetzen mit dem Wetzstein wird immer ein bisschen Material abgetragen. „Je mehr davon fehlt, desto unschärfer ist die Sense dann und muss neu gedengelt werden“, erklärt er.

Vor allem alte, schon fast historische Sensen bringen die Leute zum Dengeln nach Reichenbach. Gekauft vom Trödelmarkt, vererbt bekommen oder als Kellerfund wiederentdeckt. Kundschaft kommt von den umliegenden Dörfern, aber auch aus Görlitz und Löbau. „Das älteste Exemplar auf meinem Amboss war weit über 100 Jahre alt“, sagt Nerger. Auf dem seien sogar durch die im Laufe der Zeit durchgeführten Bearbeitungen die Hammerspuren zu sehen gewesen. „Die ganz alten Sensenblätter waren von Hand geschmiedet, bevor die halbindustrielle Fertigung begann“, sagt der Sensenspezialist.

Gedengelt wird auch bei Klaus Dieter Müller. Der Uhsmannsdorfer frönt der Grasmahd mit der Sense und dem Dengeln „als Hobby und zur Brauchtumspflege“, wie er sagt. Der 64-Jährige bietet auf seinem Grundstück für Interessenten Kurse an, damit das Wissen um das alte Handwerk auch erhalten bleibt.

Mehr Lokales unter:

www.sächsische.de/goerlitz

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