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Sachsen

Der heilige Gral von Sachsen

Archäologische Fundstücke in einem Brunnen zeigen erstmals religiöse Rituale der ganz frühen Ackerbauern vor 7.000 Jahren.

Chefarchäologe an einer spektakulären Ausgrabung:  Harald Stäuble präsentiert eine mehr als 7.000 Jahre alte Schale, gefüllt mit Nahrung. Und diese wurde geopfert.
Chefarchäologe an einer spektakulären Ausgrabung: Harald Stäuble präsentiert eine mehr als 7.000 Jahre alte Schale, gefüllt mit Nahrung. Und diese wurde geopfert. © Thomas Kretschel

Dresden. Mystik pur: Tief im Brunnenschacht liegt ein Rehkitz. Der Schädel aufgespalten und an mehren Stellen am Brunnenboden verteilt. Unmengen an berauschendem Bilsenkraut sind daneben. Mohn, Gräser.

Wir befinden uns im Tagebaugebiet Schleenhain bei Leipzig. Dort, wo gleich mehrere Brunnen der ersten Ackerbauern hierzulande gefunden wurden. Mehr als 7.000 Jahre alt. Ein ganz besonderer Brunnen wurde 2014 bereits als großer Block geborgen. Fünf Jahre haben sich Archäologen des sächsischen Landesamtes im alten Sediment Millimeter für Millimeter nach unten gespachtelt. Harald Stäuble leitet diese Grabungen. 

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© SZ-Grafik

Nun, zum Abschluss, macht er eine unglaubliche Entdeckung, von der er jetzt erstmals berichtet.  Zwölf Gefäße liegen da im Uralt-Schlamm. Unversehrt. Und eines davon ist ganz besonders – es ist mit Nahrung gefüllt.

3.500 Kerne der wilden Brombeere haben die Archäobotaniker darin gezählt. 100 bis 150 wilde Brombeeren wurden wahrscheinlich gekocht und zubereitet. Immerhin gibt es am Boden des Gefäßes eine Kruste. „Das könnte ein Sud sein, wir können es auch Marmelade nennen“, sagt Stäuble. „Zufall ist das alles nicht.“  

Erst das Rehkitz. Dann die Gefäße, alle zur selben Zeit versenkt. Alles ganz vorsichtig, damit nichts kaputt geht. Einige sind gefüllt. Was da versenkt ist, wurde mit Holz abgedeckt und Steinen beschwert. Für immer den Geistern oder Göttern der Erde übergeben. „Es ist der bisher älteste Nachweis kultisch-religiöser Handlungen im Gebiet vom heutigen Sachsen.“

Für den Archäologen baut sich damit ein neues Bild von den Urahnen auf. „Vor 7.000 Jahren gab es hier eine hierarchisch strukturierte Gesellschaft, die bereits ihre festen Rituale hatte. Und wir finden nun erstmals die Reste dieser Rituale.“

Ein Brunnen wird ausgegraben. Im tonnenschweren Block wurde er geborgen und in eine große Halle transportiert. Fünf Jahre dauern die Arbeiten bereits daran. Sie werden unser Bild von den frühen Sachsen verändern. 
Ein Brunnen wird ausgegraben. Im tonnenschweren Block wurde er geborgen und in eine große Halle transportiert. Fünf Jahre dauern die Arbeiten bereits daran. Sie werden unser Bild von den frühen Sachsen verändern.  © Thomas Kretschel

Dieser Brunnen hätte wohl nie für die gesamte dörfliche Gemeinschaft gereicht. Das meiste Wasser wurde daher von Bächen und Flüssen in der Nähe geholt. Vielleicht, so vermutet Stäuble, sei der Brunnen schon immer mit seinem Wasser etwas Besonderes gewesen. Dann aber, nach 20, 30 Jahren Nutzung etwa, wurde gänzlich zum Opferplatz.

 „Der Brunnen als tiefes Loch bietet diesen Menschen offenbar eine besondere Beziehung zur Erde. Zum Ursprung und dem Leben.“ Die geopferten Gefäße sind sehr unterschiedlich, von aufwendig hochwertig bis schlecht gebrannt. „Das deutet darauf hin, das möglicherweise jede Familie eine Opfergabe da hineingeben musste.“

Und dann dieses Bilsenkraut, das sich überall in den Sedimenten findet. Giftig und berauschend. Und Mohn. Alles in solchen Mengen, dass es nicht nur für den Schamanen, sondern gut für ein ganzes Dorf zum Kiffen gereicht haben muss.

2016: Vorbereitungen für den Abbau im Tagebau bei Groitzsch. Hier finden die Archäologen immer wieder Spuren einer Jahrtausende alten Besiedlung. Auch Brunnen. 
2016: Vorbereitungen für den Abbau im Tagebau bei Groitzsch. Hier finden die Archäologen immer wieder Spuren einer Jahrtausende alten Besiedlung. Auch Brunnen.  © Wolfgang Wittchen

Bilsenkraut und Mohn. Während der Saft von der Kapsel des Schlafmohns getrocknet den Grundstoff für Opium bietet, hat Bilsenkraut gleich mehrfach dröhnende Wirkung. Düster bis unheimlich sieht diese Pflanze aus, mit schmutzig gelben Blüten. Klebrige, behaarte Blätter, einfach fürchterlich, und es ist auch zum Fürchten. Bilsenkraut liefert ein tödliches Gift. 

Dieses Gift ist auch eine betäubende Medizin. Vor allem aber ein Rauschmittel für die Steinzeitsachsen: Den Rauch von Bilsenkrautsamen auf glühendem Holz eingeatmet oder als Sud geschlürft, das dürfte seine berauschende Wirkung nicht verfehlt haben. „Wie auch immer. Bilsenkraut und Mohn, das sind keine Zufallsfunde in den Brunnen“, sagt Archäologe Stäuble. Die Menschen damals, so lässt sich vermuten, saßen dann wohl am Brunnen und kifften. Kiffen geht übrigens auf das arabische Wort „kaif“ zurück.

Von dort, vom Nahen Osten aus, haben die ersten Siedler die Landwirtschaft, Getreide und die ersten Urformen der Haustiere wie Ziege und Rind und auch den Mohn mitgebracht. Insekten und Schädlinge inklusive. Genetische Analysen der Funde verraten dies. 

Und jetzt suchen die Archäologen sogar schon Nanopartikel. Die werden aus den winzigen Poren in den Gefäßen der Bandkeramik geholt und lassen einen Blick auf den Steinzeit-Speiseplan zu: Leinöl, Fette, Erbsen, Linsen, Emmer, Einkorn, Lamm Rind, Ziege und Käse. Milch pur jedoch nicht. Dafür fehlten den Steinzeitsiedlern noch die richtigen Enzyme zum Verdauen.

Ein Brunnen als Dorfmittelpunkt, Opfergaben und jede Menge Rauschmittel. „Es war eine Gesellschaft, die ihre festen Rituale hatte.“ Der Kult war Teil vom Alltag. In diesem Brunnen zeigt sich erstmals ein 7.000 Jahre alter Teil  hiesiger Kulturgeschichte.

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