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Dippoldiswalde

Der Mann an der Mauer

Auch wenn schon wieder Dürre war: Die Staumeister bleiben wachsam. Ein Besuch am Hochwasserbollwerk Lauenstein.

Wald, Wasser und ein vierzig Meter hoher Wall aus Stein – so sieht der Arbeitsplatz von Stefan Wätzig aus. Der 33-jährige Freitaler ist Staumeister am Hochwasserrückhaltebecken Lauenstein, und auch bei Dürre auf alles gefasst
Wald, Wasser und ein vierzig Meter hoher Wall aus Stein – so sieht der Arbeitsplatz von Stefan Wätzig aus. Der 33-jährige Freitaler ist Staumeister am Hochwasserrückhaltebecken Lauenstein, und auch bei Dürre auf alles gefasst © Karl-Ludwig Oberthür

Wundertäter können durch Meere gehen, ohne dabei nass zu werden. Stefan Wätzig kann immerhin trockenen Fußes einen See queren. Unterirdisch. Nicht, weil er Wunder wirken kann, sondern weil er der Staumeister des Müglitztals ist. Am Lauensteiner Hochwasserrückhaltebecken hat er seinen Dienstsitz. Er ist der Mann an der Mauer, und regelmäßig auch in der Mauer. Selbst wenn das meiste automatisch läuft – Kontrolle muss sein. Das ist ein bisschen wie beim Hausmeister, sagt Herr Wätzig. „Es gibt immer was zu tun.“

Das gewaltige Stauwerk steht dort, wo sich die neue Staatsstraße 174, scherzhaft Brenner des Osterzgebirges genannt, aus dem Müglitztal empor schnörkelt. Bei Ausflugswetter kann Staumeister Wätzig den „Rennbetrieb“ auf der beliebten Motorradroute mit ansehen und vor allem mit anhören. Ansonsten hat sein Arbeitsplatz eher einsiedlerischen Charme: ein See mit Ruderboot, Enten und Barschen, drumherum viel Birkengebüsch und darin manches Rudel Rehe. Wenn er morgens aufs Gelände fährt, muss er aufpassen, sagt er lachend, dass es keinen Wildunfall gibt.

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Das Becken ist der zentrale Baustein der Hochwasservorsorge im Müglitztal. Planungen dafür gab es seit den 1920ern. Der Bau aber wurde immer wieder verschoben. Größere Hochwässer hatte es seit 1957 nicht mehr gegeben. Der erste Spatenstich für die Vorbereitungsarbeiten vor zwanzig Jahren kam schließlich zu spät, um die verheerende Flut 2002 zu mildern. Die Dammbaustelle wurde überspült, Häuser versanken, und drei Menschen starben im Überschwemmungsgebiet der Müglitz.

Stefan Wätzig, 33, aus Freital, passt gut hinein in die Erhabenheit und Ruhe seines Arbeitsplatzes. Ein bedächtiger Mann, dem alle Hektik fremd scheint. Seit 2006 ist er hier Staumeister, eine Spezialverwendung innerhalb des eigentlichen Berufes – von Haus aus ist er Wasserbauer. Zusammen mit drei Stauwärtern umsorgt er nicht nur Lauenstein, sondern auch das Rückhaltebecken Glashütte und das Speichersystem Altenberg. Ein Einsiedlerleben ist das keineswegs. Er reist viel herum, beim Organisieren der Arbeit, beim Inspizieren der Bauten, beim Abstimmen mit Handwerkern oder dem Förster oder beim Beschaffen von Material. Also keine Sorge, sagt er: „Ich komm’ schon unter Leute.“

Allerdings sitzt er auch viel im Büro. Hier, am Fuße des vierzig Meter aufragenden Lauensteiner Sperrwerks, liegt die Zentrale der Staumeisterei Müglitz. Ein großer Bildschirm, das Leitbild, zeigt ständig den Status der einzelnen Anlagen, Pegelstände, Zuflüsse, Abflüsse. Die Warn- und Alarmwerte springen farbig ins Auge. „Man weiß sofort, was los ist“, sagt der Staumeister.

Bisher war dieses Jahr nicht viel los. Die Dürre drosselte die Zuflüsse immens. Mitte März kamen in der Müglitz noch 1,2 Kubikmeter Wasser pro Sekunde an. Fünf Wochen später waren es grade mal hundert Liter. Kriegt man als Leiter eines Hochwasserschutzbaus da keine Sinnkrise? Nein, sagt Stefan Wätzig. Die Erfahrung lehrt, dass das, was lange fehlt, urplötzlich nachkommen kann. Vorbereitet zu sein ist eine Mission, die immer aktuell bleibt.


Der Müglitzdamm ist praktisch nagelneu. Erst 2006 wurde er fertig. Trotzdem kontrollieren die Stauwärter dreimal wöchentlich sein Innenleben. Zusätzlich läuft Stefan Wätzig einmal die Woche durch die Gänge. Das System beginnt im Erdgeschoss der Meisterei hinter einer großen Tür. Hier strebt die sogenannte Zugangsebene, ein Tunnel, breit genug für ein Auto, schnurgerade in den Fels. Sickerwasser drückt durch die Betonschale und lässt Kalknasen wachsen. Kühl ist es hier, acht, neun Grad. Nett für den Sommer? Grade dann arbeiten die Stauwärter fast immer im Freien. „Da nützt uns das nichts“, sagt Wätzig.

Das Herzstück des Beckens ist die Schieberkammer, ein Herz wie ein Bunker, meterdick mit Beton umhüllt. Genau über uns steht das Wasser, 150 000 Kubikmeter, der Dauerstau zum Dämpfen etwaiger Flutwellen. Die Schieberkammer enthält die Technik zur Regulierung der zwei Grundablässe. Normalerweise wird der Zufluss gleich wieder abgegeben. Erst ab sieben Kubikmetern pro Sekunde bleibt ein Teil zurück. Zuletzt ist das 2013 passiert. Seither wurde der Grenzwert nicht mehr überschritten. Auch die letzte Schneeschmelze, etwa 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser lagerten in Schneeform im Einzugsgebiet, hat die Anlage ungehindert passieren können.

Lang ist der Kontrollweg durch die Staumauer, und fordernd. Über 220 Stufen geht es hinab bis zum tiefsten Punkt. Gespickt ist die Tour mit Manometern, Sonden, Loten. Mehr als zwanzig verschiedene Messverfahren wachen über das Wasser und darüber, wie die Sperrmauer auf den Druck reagiert. Ergebnis bisher: Die Mauer bleibt, wo sie ist. Und so wird es wohl auch mit Stefan Wätzig sein. Klar, es gibt andere Berufe, die auch spannend sind, sagt er. „Aber ich bin hier glücklich.“

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/dippoldiswalde vorbei.

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