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Der Theatermann im Gesellschaftshaus

Er spielte in Riesa, Großenhain und anderswo: Über Darsteller und Theaterleiter Maximus René ist ein Roman erschienen. Er führt spannend zurück in die 20er Jahre.

Das Gesellschaftshaus in Großenhain. Hier gingen die Einwohner zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg ins Theater. Das Kulturzentrum Krone gab es noch nicht.
Das Gesellschaftshaus in Großenhain. Hier gingen die Einwohner zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg ins Theater. Das Kulturzentrum Krone gab es noch nicht. © Kathrin Krüger-Mlaouhia

Er hieß Waldemar Hasselblatt und ging von 1924 bis 1933 in Großenhain in die höhere Schule. In seinen persönlichen Erinnerungen an das damalige kulturelle Leben in der Garnisonsstadt notierte er, dass im Gesellschaftshaus an der Poststraße gelegentlich die Sächsische Landesbühne unter Maximus René gastierte. Mit klassischen und Boulevardstücken. 

Nach Dresden ins Theater zu fahren, war damaligen Großenhainern kaum möglich. Hasselblatt findet, dass  die Landesbühne aber gutes Theater bot, "wenn ich mit späteren Besuchen der Bühnen in Leipzig oder Dresden vergleiche". Schillers Don Carlos, Lessings Nathan der Weise und Minna von Barnhelm wurden gespielt. 

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Ein sonniger Tag tut Körper und Geist gut. Doch ob auf dem Balkon, im Garten oder am Wasser: Hautschutz ist dabei unerlässlich.

Die Schüler der oberen Klassen bemühten sich eifrig, möglichst viele Aufführungen verbilligt zu besuchen. "Wurde uns doch so die Lektüre im Unterricht anschaulicher und verlebendigt".  So wie YouTube heute. Nur zu tragisch sollte es nicht enden. "Denn das Leben ist schon traurig genug", lässt Hasselblatt seine Mutter über jene Goldenen Zwanziger Jahre urteilen. 

Buchtitel des im April erschienenen Werkes über eine bewegende Lebensgeschichte aus dem alten Dresden und seiner Umgebung.
Buchtitel des im April erschienenen Werkes über eine bewegende Lebensgeschichte aus dem alten Dresden und seiner Umgebung. © privat

Sie heißt Anja Menzel, mit Autorennamen Hellfritzsch, und wohnt in Radebeul. Beim Bau des Gartenpools findet ihre Familie Erinnerungsstücke jenes Maximus René, der einige Jahre in ihrer Villa lebte. Die Hobbyforscherin und Autorin im Nebenberuf recherchiert im Stadtarchiv Radebeul und in vielen weiteren Quellen. Und findet erstaunliche Informationen über jenen königlichen Hofschauspieler. Als Jugendlicher schloss er sich einem Wandertheater an. Wurde  später selbst Leiter der Sächsischen Landesbühne, eine Tradition, auf die das später neu gegründete Theater in Radebeul zurückgreift - das immer noch im Großenhainer Kulturschloss und anderen Städten gastiert. 

Anja Hellfritzsch schreibt aus ihren Recherchen und einer fiktiven Handlung einen spannenden Roman. Im April ist er in der DDV-Edition erschienen. Auf fast 600 Seiten gelingt ihr ein authentischer Blick in die Vergangenheit der Region, der nicht nur Theaterfans begeistern kann.  

Anja Hellfritzsch (Menzel) aus Radebeul hat mit dem "Theatermann" ihr zweites Buch veröffentlicht.
Anja Hellfritzsch (Menzel) aus Radebeul hat mit dem "Theatermann" ihr zweites Buch veröffentlicht. © privat

"Es ist schon merkwürdig, wie das Wissen um die Vergangenheit die Sicht auf die Dinge änderte", schließt Anja Hellfritzsch ihr Buch. Hätte sie ein Ortsregister angehangen, hätten Interessierte auf einen Blick erfahren, dass hier Geschichtliches aus Großenhain, Riesa, Freital, Meißen, Radebeul, Dresden, Olbernhau und vielen weiteren Städten enthalten ist.  Überall dort ist Maximus René als Hofschauspieler bzw. danach mit seiner Landesbühne in den 1920er und 30er Jahren aufgetreten. Eine Gesellschaft, dann ein Gemeindezweckverband und später ein Verein waren Träger, also Geldgeber, der Schaubühne bzw. Landesbühne. Der Riesaer Bürgermeister Dr. Scheider, "ein großer Mann mit Mittelscheitel", stand dem Zweckverband vor. In Großenhain bemühte sich Bürgermeister Max Hotop um die ständigen Finanzierungssorgen der Bühne. "Ohne Theater ist auch keine Lösung!" soll er gesagt haben. 

Die damaligen Geschehnisse haben erstaunliche Parallelen zur heutigen Zeit. Wo auch wieder über den Wert und die Finanzierung von Kultur auf dem Lande gerungen wird.  Bürgermeister Dr. Rüdiger aus Meerane argumentierte schon vor 100 Jahren: "Der Staat kann nicht seine Bewohner auf dem Land arbeiten und Steuern zahlen lassen, oder die Lehrer und Erzieher vor kulturelle Aufgaben stellen, und gleichzeitig ihr Kulturbedürfnis verkümmern oder gar entarten lassen. Solange der Bürger der kleinen Stadt in bescheidenen Verhältnissen lebt, fehlt ihm alle Anregung ..."   

Maximus Renè (2.v.r.) und seine Frau Franziska (3.v.r.) mit anderen Darstellern der Landesbühne. So waren sie auch im Elbland bei Theatervorstellungen in den 1920er, 30er Jahren zur erleben.
Maximus Renè (2.v.r.) und seine Frau Franziska (3.v.r.) mit anderen Darstellern der Landesbühne. So waren sie auch im Elbland bei Theatervorstellungen in den 1920er, 30er Jahren zur erleben. © privat

Maximus René konnte mit seinen Schauspielern genau das bieten. Spannend liest sich, wie er Versuche nachlassender Qualität unterband. "Schmierentheater" war ihm ein Graus. "Seit 1922 bringt die Sächsische Landesbühne ihnen alljährlich eine Reihe wertvoller, klassischer und modernerer Theaterstücke und verbindet sie (die kleineren Orte - d. Red.) dadurch auf dem Gebiet des Theaters mit der geistigen Entwicklung in den Kulturzentren", wird in dem Buch zitiert. Umso enttäuschter war der Theatermann von einer Rezension des Großenhainer Tageblattes im September 1928. Da musste er lesen: "Wer ins Theater geht, will in erster Linie unterhalten sein. Wenn Stücke vorgesetzt werden, die von politischer und antireligiöser Tendenz getragen oder zumindest beeinflusst sind, so ist das natürlich nicht nach dem Geschmack eines jeden Theaterfreundes." Spießiges Großenhain?  

Wer wissen will, wie der aufkommende Tonfilm in den ersten Lichtspielhäusern den Bühnen das Leben schwer machte, was es mit einer Deutschen Theaterausstellung 1927 in Magedburg auf sich hatte oder wie Maximus René und seine zweite Frau Franziska die schrecklichen Bombennächte im Februar 1945 in Dresden erlebten, wird in "Der Theatermann" fesselnden Lesestoff finden. Der Autorin gelingt es faszinierend, Wahrheit und Fiktion miteinander zu verweben, die Geschichten hinten den Fakten zu formulieren. Sie hauchte auch scheinbar belanglosen Aktennotizen neues Leben ein. Verband raffiniert ihre privaten Erlebnisse und Forschungen mit den tatsächlichen und erdachten Ereignissen vor 100 Jahren. 

Mit diesen Bussen fuhr das Reisetheater "Sächsische Landesbühne" damals von Ort zu Ort.
Mit diesen Bussen fuhr das Reisetheater "Sächsische Landesbühne" damals von Ort zu Ort. © privat

Der Theatermann, DDV Edition, 584 Seiten, Preis: 20 Euro, erhältlich im Buchhandel und in den SZ-Treffpunkten.

www.anja-hellfritzsch.de

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