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„Die 90er-Jahre, die haben doppelt gezählt“

Beate und Michael Renner haben das Kulturleben von Hoyerswerda geprägt – in der Bibliothek und in der Lausitzhalle.

Beate und Michael Renner – ihr Ruhestand ist gar keiner. Der Kultur in Hoyerswerda sind sie auch heute noch sehr verbunden.
Beate und Michael Renner – ihr Ruhestand ist gar keiner. Der Kultur in Hoyerswerda sind sie auch heute noch sehr verbunden. © Foto: Angela Donath

Hoyerswerda. Tageblatt ist in den vergangenen Jahren in Hoyerswerda zahlreichen Menschen begegnet, die das Leben in der Stadt aktiv mitgestaltet und geprägt haben. Um manche ist es in letzter Zeit aber ruhiger geworden ist. Wir sagen Ihnen, warum; verraten, wie und wo sie leben und was sie heute tun. Heute: Beate und Michael Renner

Eigentlich wollten wir pro Serien-Teil jeweils einen interessanten Menschen vorstellen. Bei den beiden Renners haben wir uns entschlossen, eine Ausnahme zu machen. Denn fällt in Hoyerswerda irgendwo der Name „Renner“, weiß man: „Renner“ wie Lausitzhalle – oder „Renner“ wie Bibliothek. Oder man sagt: „die Renners“ von der Kultur. Michael Renner lacht. „Ja, gerade habe ich zu Beate gesagt: «Wir sind eigentlich eine aussterbende Spezies.» Dazu gehört unbedingt auch der berufliche Weg, den wir beide gegangen sind. Dass beide Ehepartner «in der Kultur» arbeiten können, kommt heute eher selten vor. Für Hoyerswerda fallen mir spontan Helli und Horst Müller ein, die als Museumsleiterin und Bibliotheksleiter über Jahrzehnte das kulturelle Leben unserer Stadt Hoyerswerda mitgeprägt haben.“

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Von Leipzig nach Hoyerswerda

Michael Renner kommt aus dem Spreewald, aus Burg; Ehefrau Beate aus Dessau. Kennengelernt haben sich die beiden während des Studiums in Leipzig, an dessen Ende der Abschluss als Bibliothekare stand. Nach Hoyerswerda kamen Renners 1977 – und sind seitdem bekennende Neustadtbewohner. „Wir gehören zu den vielen, die hier Wohnung und Arbeit gefunden hatten“, sagt Beate Renner. Sie fand Arbeit beim WBK (Wohnungsbaukombinat), betreute dort die Werksbibliothek. Michael Renner wurde stellvertretender Klubhausleiter in der Alfred-Scholz-Halle. Diesem Arbeitsort ist er immer treu geblieben, er wuchs sozusagen mit. 1978 begann er mit seinem Fernstudium an der Uni in Leipzig, 1983 schloss er es mit dem Diplom als Kulturwissenschaftler ab. 1984 öffnete sich, endlich, der Vorhang im Haus der Berg- und Energiearbeiter (HBE) das erste Mal.

Das Jahr 1989 läutete eine neue Zeit ein, aber nicht zwangsläufig eine gute für Kultur. Viele Einrichtungen kamen auf den Prüfstand. Das HBE war da keine Ausnahme. Dort war Michael Renner nach Abschluss des Studiums und dem Ende der Scholzhalle als Kulturstätte Abteilungsleiter Veranstaltungen geworden. „Über die Turbulenzen, die es in der Wendezeit um das Haus der Berg-und Energiearbeiter gab, könnte man auch eine Geschichte schreiben“ sagt er rückblickend. Michael Renner wurde 1990 Direktor des Noch-HBE, wurde dann Gründungsgeschäftsführer und irgendwann alleiniger Geschäftsführer des inzwischen in „Lausitzhalle“ umbenannten Hauses. Das blieb er bis zum Eintritt in den Vorruhestand im Jahr 2012.

Beate Renner musste sich in den wilden 1990-ern umorientieren. Das WBK gab es nicht mehr und damit auch keine Werksbibliothek. „Ich war arbeitslos, wie so viele damals. Aber wir waren in einem noch einigermaßen günstigen Alter, um die vierzig, und wir hatten Verantwortung für drei Kinder.“ 1992 bekam Beate Renner eine befristete ABM- („Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“-) Stelle im damaligen Landratsamt Hoyerswerda. „Wir berieten zu beruflichen Weiterbildungen für Menschen, die bereit waren, sich umzuorientieren und vermittelten auch Kontakte. Wir konnten auf deutschlandweite Datenbanken zugreifen. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt.“

Liebe zum Beruf und Engagement

Dieses Wissen und der sichere Umgang mit der Technik wurden für sie ab 1995 sehr wichtig. Die Bertelsmann-Stiftung hatte ein Projekt ausgeschrieben: „Öffentliche Bibliothek und Schule – neue Formen der Partnerschaft“. Leseförderung war das zentrale Thema. Beate Renner hatte sich beworben. Sie hatte Glück, bekam die Projektstelle und war wieder bei ihren geliebten Büchern – und den zahlreichen neuen Medien, die inzwischen in die Hoyerswerdaer Bibliothek Einzug gehalten hatten. 1999 wurde Beate Renner nach der Verabschiedung ihrer Vorgängerin in den Ruhestand, Leiterin der heutigen Brigitte Reimann-Bibliothek in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße 6/7 . Sie blieb das mit viel Liebe zum Beruf und mit großem Engagement bis zum Jahre 2012.

Wenn zwei gleichzeitig in den Ruhestand eintreten, so hört man oft, kann eine langjährige Partnerschaft ganz schnell in Schieflage geraten. Wie war das bei Renners? Beide lachen. „Nee, wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden.“ Sie sagt mit Überzeugung: „Ich war so gerne in der Bibliothek tätig, ich würde auch heute nichts anderes machen wollen. Aber, es war ja nun mal so: Die 1990er-Jahre, die haben schon doppelt gezählt. Alles war neu, das war auch anstrengend“. Michael Renner sagt nachdenklich: „Wenn eine Geschichte einen guten Ausgang hat, ist gut erzählen. Aber es hätte vieles auch anders laufen können.“ Bei Renners ist es gut gelaufen.Die Kinder sind erwachsen. „Wir sind stolz“, sagt Beate. „Wir haben unsere drei erfolgreich ins Leben entlassen“. Alle gingen ihren Weg. Zwei Enkel sind da, Renners sind begeisterte Großeltern, nehmen sich Zeit für alle, ohne zu klammern. Eine Hochzeit wurde in diesem Jahr gefeiert. Beate Renner sagt rückblickend: „Bis Mitte, Ende Fünfzig haben wir gedacht, wir würden straff bis 65 durcharbeiten. Dann aber bot sich die Möglichkeit des Vorruhestandes, und wir haben uns frei und ganz bewusst dafür entschieden.“

Langeweile? Woher denn!

Die Frage, ob denn nun Langeweile Einzug gehalten habe, belustigt beide. „Nun“, sagt Michael Renner, „man braucht schon einen Plan. Ein paar Hobbys und Interessen, die man weiterentwickeln kann, sollten da sein. Ein «da suche ich mir später mal was» – das funktioniert nicht so richtig.“ Er ist daher zum Beispiel aktiv im Lions Club Hoyerswerda, war schon dessen Gründungsmitglied. Beide sind außerdem Mitglieder des Vereins der Freunde und Förderer der Schule für Körperbehinderte Hoyerswerda e. V. Die jüngste Tochter hatte diese Schule besucht, Renners sprechen mit großer Achtung von der Arbeit in dieser Einrichtung. Michael Renner ist Vorstandsmitglied im Verein KulturFabrik Hoyerswerda, Aufsichtsratsmitglied der Lebensräume e. G. und beide unterstützen aktiv und engagiert das Bürgerbündnis „Aktives Hoyerswerda“. Als Bereicherung sieht Beate Renner diese Arbeit, sie meint vor allem den Kontakt zu jungen Leuten, den Gedankenaustausch und die gelebte Bürgerbeteiligung.... so viel Zeit ist ja gar nicht ...Im Sommer gibt es Arbeit, aber auch Freizeit im Garten – doch so viel Zeit ist ja gar nicht. Renners haben ein Theateranrecht für die Lausitzhalle (beziehungsweise: hatten es, da die Lausitzhalle mittlerweile aus ökonomischen Gründen alle Anrechte gekündigt hat ...); sie besuchen Ausstellungen und Veranstaltungen im dkw-Kunstmuseum („Dieselkraftwerk“) in Cottbus oder in Dresden. Aktuell wird der Besuch der „Alten Meister“ in Dresden geplant und „ansonsten haben wir doch so viel Schönes vor der Haustür.“ Michael Renner meint damit nicht nur seine Radtouren in die nähere Umgebung. Eine jährliche Rad-Ferntour, gemeinsam dem Sohn Mathias, steht immer auf dem Programm. Ehefrau Beate schwärmt von den gemeinsamen, selbst geplanten Städtetouren, von der Lutherreise 2017, von der Bauhausreise 2019 und von den schönen Städten Thüringens. Die gelernten Bibliothekare halten es mit Goethe „Warum denn in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ Man kann in Hoyerswerda und Umgebung so viel machen.

Dazu gehören gern auch die Kochkurse in der Volkshochschule. Wenn es die Zeit und die Umstände zulassen, sind Renners dabei. Und wer die beiden dort erlebt, weiß: Die beiden muss man wirklich zusammen befragen. Sie sind hoffentlich trotzdem keine aussterbende Spezies.

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