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Tödliche Abkürzung

Das Überqueren der Gleise und ein Vorfall am Bahn-Haltepunkt in Stauchitz sorgen für Aufsehen. Verdächtige wurden ermittelt. Die Bundespolizei greift durch.

Jens König (links) und Uwe Clausnitzer, Polizeihauptmeister der Bundespolizeiinspektion Dresden, bei einer Kontrolle am Bahnhaltepunkt Stauchitz.
Jens König (links) und Uwe Clausnitzer, Polizeihauptmeister der Bundespolizeiinspektion Dresden, bei einer Kontrolle am Bahnhaltepunkt Stauchitz. © Jürgen Müller

Stauchitz. Es ist früher Nachmittag in Stauchitz. Die Polizeihauptmeister Jens König und Uwe Clausnitzer von der Bundespolizeiinspektion Dresden haben deutlich sichtbar ihr Fahrzeug mit der Aufschrift „Polizei“ auf dem Parkplatz gegenüber dem Bahnhofsgebäude abgestellt, beobachten die Szenerie. Es dauert nicht lange, bis eine junge Frau auftaucht. Schnurstracks überquerte sie die Gleise, geht auf die andere Seite des Haltepunktes. Die beiden Bundespolizisten knöpfen sich die 16-Jährige vor. Uwe Clausnitzer findet drastische Worte. „Wenn wir Sie hier aus den Gleisen kratzen müssen, ist das nicht nur für uns sehr unangenehm, sondern vor allem für Ihre Eltern“, sagt er. Die junge Frau ist bedröppelt. Gibt zu, dass sie das nicht zum ersten Mal macht.

Offensichtlich ist das hier in Stauchitz Normalität geworden. Dabei gibt es einen Weg, auf dem man sicher auf die andere Seite gelangt. Sind allerdings ein paar Meter zu Fuß zurückzulegen. Die Ordnungswidrigkeit kostet die Schülerin nun 25 Euro. Und nicht nur das. Sie wird doppelt bestraft. Denn die Kontrolle dauert, die Personalien werden aufgenommen. Inzwischen ist der Zug weg. Da sie älter als 14 Jahre ist, gibt es keinen Brief an die Eltern.

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„Der Haltepunkt in Stauchitz ist ein Schwerpunkt geworden. Regelmäßig werden hier Vorfälle gemeldet. Über die Gleise zu gehen, ist nicht nur verboten, sondern lebensgefährlich. „Die Züge können hier mit bis zu 140 Kilometern pro Stunde durchrauschen“, sagt Jens König. Hinzu kommt, dass aus Richtung Riesa die Strecke eine Biegung macht. Die Züge können als nicht oder erst sehr spät gesehen werden. Die Bundespolizei greift nun durch, hat verstärkte Kontrollen in Stauchitz angekündigt. Anlass ist nicht nur, dass hier ständig über die Gleise gelaufen wird. Auch ein Vorfall vor ein paar Tagen sorgte für Aufsehen. Jugendliche machte das so genannten Bahnsurfen. Dabei hängen sie sich von außen an die Züge, fahren ein Stück mit. Eine lebensgefährliche Mutprobe. Dank Videoüberwachung konnten Tatverdächtige ermittelt werden, sagt Polizeikommissar Patrick Seifert, Pressesprecher der Bundespolizeidirektion Dresden. Weitere Ermittlungen laufen.

Die Bundespolizei setzt auf Prävention. Mit Plakaten wie diesem appelliert sie an den Verstand und die Vernunft der Leute. Wer sich dennoch gesetzeswidrig verhält, muss nun mit Ordnungs- und Bußgeldern rechnen.
Die Bundespolizei setzt auf Prävention. Mit Plakaten wie diesem appelliert sie an den Verstand und die Vernunft der Leute. Wer sich dennoch gesetzeswidrig verhält, muss nun mit Ordnungs- und Bußgeldern rechnen. © Jürgen Müller

Die Bundespolizei will jetzt verstärkt in Stauchitz kontrollieren, offen, aber auch verdeckt. Das heißt, Beamte in Zivil werden vor Ort sein. „Wir geben uns keinen Illusionen hin. Solche Kontrollen helfen sicher, für eine bestimmte Zeit, aber wir können ja nicht immer und überall sein“, sagt Uwe Clausnitzer. Immerhin umfasst das Einsatzgebiet der Bundespolizeiinspektion Dresden über 500 Eisenbahnstreckenkilometer und 122 Bahnhöfe und Haltepunkte. Deshalb setzen die Polizisten vor allem auf Prävention. Vor der Kontrolle waren sie in der Stauchitzer Oberschule, haben mit dem stellvertretenden Schulleiter Rüdiger Lorenz gesprochen. „Er ist sehr aufgeschlossen und froh darüber, dass wir an der Schule wieder Präventionsarbeit machen“, sagt Jens König. Die letzte Veranstaltung liegt zehn Jahre zurück. Am Haltepunkt werden Plakate aufgehängt. „Tödliche Abkürzung“, steht darauf und „Eile, Mutprobe, Leichtsinn?! Schützen Sie Ihr Leben.“ Ob solche Plakate helfen? „Das setzt natürlich Vernunft und Verstand voraus“, sagt Patrick Seiler. Bei manchem und mancher ist aber weder das eine noch das andere vorhanden. Der Polizist hat schon die abenteuerlichsten Dinge an anderen Orten erlebt. Das quält sich eine alte Frau mit Rollator unter einer geschlossenen Bahnschranke hindurch. Das sammelt ein Mann mitten auf den Gleisen Walnüsse auf von einem großen Baum, der bis über die Gleise ragt.

Helfen könnte in Stauchitz zwischen den beiden Gleisen ein Zaun, damit diese nicht mehr überquert werden können. Den müsste freilich die Deutsche Bahn errichten. Allerdings sei dann der „Regellichtraum“, also der Abstand zwischen Zug und Zaun, zu gering. Und auch bei einem Unfall wäre ein solcher Zaun hinderlich.

Am Haltepunkt lauern weitere Gefahren. Lebensgefahr besteht, wenn auf die Züge geklettert wird. Die Stromleitungen haben eine Spannung von 15.000 Volt. Das ist 65 Mal so viel wie bei einer normalen Haushaltssteckdose. „Ein Abstand von weniger als 1,50 Meter zur Stromleitung kann tödlich sein“, warnt Jens König.

Massive Probleme am Haltepunkt Stauchitz gab es schon 2009. Damals wurde der Jugendklub geschlossen, die Jugendlichen hielten sich in den Wartehäuschen auf. „Gefährlich wurde es dadurch, weil viel Alkohol getrunken wurde, auch von Minderjährigen“, erinnert sich Jens König.

Um Vorfälle zu verhindern, macht die Bundespolizei jetzt ernst. Sie wird verstärkt kontrollieren, Präzedenzfälle schaffen. So etwas spricht sich schnell herum auf dem Dorf. Uwe Clausnitzer weiß: „Das A und O ist die Prävention. Es ist sehr peinlich für die Leute, wenn plötzlich die Polizei vor dem Haus steht.“ Auf diese Prävention setzt die Polizei jetzt, auch mit Schockbildern von Unfällen. Und hofft, dass bei dem einen oder anderen ein Umdenken stattfindet.

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