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„Die Bundeswehr ist im Moment eine Schattenarmee“

Statt mit der Nato-Großübung Defender, beschäftigt die Bundeswehr in Sachsen sich jetzt mit Corona. Vom Besuch einer Kaserne, die jetzt Krankenhäusern hilft.

Von Franziska Klemenz
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Normalerweise fährt Ronald Rakete (l.) Betten durchs Klinikum. Jetzt fährt er Material zur Bundeswehr, das Hauptmann Hannes Markert ihn einlagern lässt.
Normalerweise fährt Ronald Rakete (l.) Betten durchs Klinikum. Jetzt fährt er Material zur Bundeswehr, das Hauptmann Hannes Markert ihn einlagern lässt. © Ronald Bonß

Die Kleiderordnung der Dresdner Kaserne hat sich gewandelt, seit Klaus Finck ein Gros der Leute nach Hause schickte. Sie sollen keine Infektion riskieren, bleiben in Bereitschaft. Der Oberst befehligt in diesem Moment eine andere Armee. Ihre Uniformen schillern und sind lila, 20 Schokoladenhasen hocken auf dem Schreibtisch. Für die Leute, die noch arbeiten, um der zivilen Welt zu helfen. Als sich Lkw 70 Kilometer weit an der Grenze zu Polen stauten etwa, rückten Soldatinnen und Soldaten mit Wasser an. Als Krankenhäuser keine Lager-Möglichkeiten mehr hatten, suchte man Platz auf dem Kasernengelände. Der Feind hat sich geändert, er heißt jetzt Corona. Auch für die Bundeswehr. 

Genau jetzt, im März und April, hätten Streitkräfte aus Sachsen Durchreisenden in Frankenberg und in der Oberlausitz Schlaf- und Tankplätze geboten, sie versorgt. 20.000 Kräfte der US-Army wären für die Nato-Großübung Defender mit Panzern und Gerät gekommen, durch zehn Länder bis Polen gereist, um dort zu üben; letztlich mit 37.000 Kräften gemischter Nato-Länder.

Noch kurz vor Absage spielte eine Band der US-Army in Weißwasser und in Frankenberg, sprach Ministerpräsident Michael Kretschmer mit Demonstrierenden, die gegen die Übung protestierten. Seit 13. März ist klar, dass Defender ausfallen wird. Vor allem die USA und das Übungsziel Polen haben das beschlossen. Gegen Corona helfen auch Panzer nicht. 

Oberst Klaus Finck leitet das Landeskommando Sachsen der Bundeswehr. Wie bei Afghanistan-Einsätzen wohnt er in einem Container.
Oberst Klaus Finck leitet das Landeskommando Sachsen der Bundeswehr. Wie bei Afghanistan-Einsätzen wohnt er in einem Container. © Ronald Bonß

Während US-Truppen nun die Heimreise des bereits verschifften Materials planen, hat das sächsische Landeskommando die Übung hinter sich gelassen. Klaus Finck lässt sich in eine schwarze Ledercouch sinken, Sonnenstrahlen durchfluten das Büro des Kommandeurs. Die Graf-Stauffenberg-Kaserne thront oberhalb Dresdens, die Straße runter wartet Fincks Privatpalast auf ihn. Geschätzte 25 Quadratmeter in einem Container sind gerade sein Zuhause. "Letztendlich unterscheidet sich das, was wir jetzt machen, nicht von der Situation, wenn wir in Afghanistan sind, im Einsatz", sagt er. Wenn sein Vertreter übernimmt, arbeitet er aus dem Container im Homeoffice. Eine Woche der eine, eine der andere. Nach Hause zur Frau in Berlin zu fahren, ist noch erlaubt.

"Wir leben und arbeiten wie im Auslandseinsatz"

"Den Schlaf- und Überlebenscontainer verlässt man im Einsatz zum Essen und zum Arbeiten im Schichtdienst, dann geht man wieder in seinen Container." Das, sagt Finck, seien gerade die einzigen Abwechslungen in seinem Alltag. Die Morgenkonferenz um 9 Uhr findet jetzt per Video statt, "du siehst deine Leute jetzt fast nur noch durch die Linse." Finck guckt schnurgerade durch seine Brille, sagt: "Wir leben und arbeiten jetzt im Inland wie im Auslandseinsatz.“

Über Fincks Kopf flattern bunte Paradiesvögel im Kreis, ein goldener Rahmen umgibt das Bild. Der Abzug von einem Werk Marc Chagalls, Lieblingskünstler und "ständiger Begleiter" von Oberst Finck. Besonders durch die Gestaltung von Kirchenfenstern hat der Künstler sich hervorgetan. In einer Kirche hätte auch Finck gerne gesessen. Erst im Standesamt, "jetzt in zweieinhalb Stunden hätte meine Tochter in Kiel geheiratet", sagt er. Das folgende Wochenende wäre die kirchliche Trauung in Schottland gefolgt. "Ich hab mir sogar einen Kilt maßschneidern lassen." Jetzt trägt er doch Tarnfleck statt Karo, ist Kommandeur und nicht Vater. 

"Jeder hat jetzt eben irgendwo eine Geschichte." Auch unter Fincks Leuten gab es Corona-Fälle, etwa zwei Dutzend seien in Quarantäne gewesen. "Zum Glück keine schweren Verläufe."

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Personal, Logistik, Ausbildung, Sicherheit - alle Abteilungen der Bundeswehr sind auf ein Minimum heruntergefahren. "Diese Organisationen haben wir aufgelöst in eine Taskforce." Hauptaufgabe: Zivile Hilfsanfragen bewerten, Ressourcen abfragen, Antrag der vorgesetzten Stelle in Berlin senden, die entscheiden muss. 

Den Ausbildungsbetrieb hat die Bundeswehr neben ziviler Hilfe darauf reduziert, dass Auslandseinsätze noch stattfinden können. "Alles andere liegt brach. Die Bundeswehr ist im Moment eine Schattenarmee." Wenn man sie brauche, sei sie da. "Zum Beispiel die bundesweit 15.000 Männer und Frauen, die extra für Corona bereitgestellt wurden, die innerhalb von zwölf Stunden für die zivile Hilfe aktiviert werden können, Soldaten des Sanitätsdiensts, die bereit sind, in Bundeswehrkrankenhäusern zivile Patienten zu behandeln." 

Präsenter könnten die Kräfte im öffentlichen Bild jetzt wieder werden, an ein Image als helfende Hände in Tarnfleck erinnern. Wie bei den Hochwassern oder der Bekämpfung von Borkenkäfern im Wald. Zuletzt gab es in Sachsen eher Proteste gegen das Militär in Form der Nato, wegen der Defender-Übung nicht weit der russischen Grenze. 

Kadetten aus China oder Saudi-Arabien müssen auf unbestimmte Zeit in Dresden bleiben

Hauptmann Hannes Markert koordiniert die Zelle, die sich um Hilfeleistungen kümmert, bildet die Schnittstelle, die "Spinne im Netz", wie er sagt. Markert wartet im Innenhof der sandsteinfarbenen Kaserne auf eine Lieferung von Krankenhaus-Utensilien. 

Mit dem Corona-Krisenstab steht er in regelmäßigem Kontakt, in vielen Landkreisen, vor allem den härter betroffenen, sitzen Fachberater mit in Besprechungen, die erklären, womit die Bundeswehr helfen kann. Erst wenn keine zivile Einrichtung wie das Rote Kreuz mehr Kapazitäten hat, etwa an Zelten, darf die Bundeswehr einspringen. 

In Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg kam es dazu durch den Corona-Ausbruch schon wesentlich häufiger. Acht Hilfsanträge gab es in Sachsen bisher. Die übersetzt Markerts Team in Bundeswehr-Sprache, prüft, weist zu. An diesem Nachmittag erfüllt man einen Antrag des Städtischen Klinikums. In Corona-Zeiten hält es mehr medizinisches Material bereit, die Lagerplätze reichen nicht mehr. 

So groß, sagt Markert, ist die neue Herausforderung aber "ehrlich gesagt nicht." Ein Lagezentrum betreibe das Landeskommando schon immer. "Ob das jetzt eine Flüchtlingskrise oder eine Epidemie ist: Der organisatorische Ablauf ist fast identisch. Es ist entspannt, die Abläufe sind für uns nichts Neues." Beim Hochwasser 2002 war der gebürtige Meißner Markert eingesetzt, schaufelte Sandsäcke.

Ein paar Kadetten, angehende Offiziere, kreuzen seinen Weg. Sie nehmen an einem Austauschprogramm teil, auf die Ärmel ihrer Uniformen sind die Flaggen von China, Indonesien oder Saudi-Arabien, Georgien oder der Mongolei genäht. Wann sie Dresden wieder verlassen können, ist ungewiss. Vor dem Gebäude, das sonst die deutschen Kadetten bewohnen, hört man Blätter und Vögel, das ferne Rauschen der Straße. Sonst nichts. Normalerweise würden sich um die Mittagszeit Hunderte Menschen hier tummeln, wären zum Essen, Lernen, zum Sport unterwegs.

Reservist Uwe Hauk (r.) hilft Ronald Rakete dabei, Kartonmassen durch die Turnhalle zu ziehen. 130 Palettenplätze hat die Bundeswehr hier geschaffen.
Reservist Uwe Hauk (r.) hilft Ronald Rakete dabei, Kartonmassen durch die Turnhalle zu ziehen. 130 Palettenplätze hat die Bundeswehr hier geschaffen. © Ronald Bonß

Im Team von Hauptmann Markert arbeitet als einer von fünf Leuten Feldwebel Uwe Hauk, Reservist der Bundeswehr, mit waldgrünem Barett auf dem Kopf. Wenn die Übung Defender stattgefunden hätte, würde er jetzt Marschkarten zeichnen. Stattdessen zeichnet er in Karten ein, wo Hilfseinsätze für Corona laufen. Der Unterschied zwischen Defender und Corona sei gering. "Der Feldjäger, der bei Defender den amerikanischen Konvoi mit der Landespolizei begleitet hätte, unterstützt jetzt vielleicht die Landespolizei bei Absperrmaßnahmen, der Logistiker, die in der Oberlausitz einen Versorgungspunkt aufgebaut hätte, baut jetzt vielleicht eine Feldküche auf."

Uwe Hauk fing zu Wendezeiten als Soldat der Nationalen Volksarmee der DDR an, verließ die Bundeswehr als Gebirgsjäger aus Schneeberg. Über die Reservisten-Schule machte er einen Lehrgang zum Feldjäger. Wie Uwe Hauk sind gerade einige Reservisten im Einsatz. Eine Fotografin aus Leipzig etwa unterstützt gerade das Sprecherteam der Bundeswehr, normalerweise schießt sie Bilder für die Presse.

Ein Lkw des Klinikums hält an der Pforte der Kaserne, diesmal haben sie auf dem eigenen Gelände Platz geschaffen. Schon vergangene Woche brachte das Klinikum 200 Paletten, sie kamen im Militärhistorischen Museum unter, das vorerst geschlossen bleibt. Plastikfolien pressen sich im Inneren des Lkw um Kartons, die einen ganzen Blumenstrauß verschiedener Klinik-Teile tragen. Anästhesie-Sets, 9.600 Gummibänder für Masken. Um die Ware unterzubringen, hat die Bundeswehr eine Turnhalle leer geräumt, Geräte eingelagert. 

Wenn die Bundeswehr Toilettenpapier beschützen muss

Das Städtische Klinikum hält wegen Corona gerade viel größere Mengen an Material bereit. Mehr Masken, mehr von allem. "Wir wollen gut genug vorbereitet sein, um Zustände wie in anderen Ländern zu vermeiden", sagt ein Logistiker, der die Fuhre begleitet. Der Lkw fährt rückwärts an die Halle heran, ein Mann in marineblauem Krankenhaus-Kittel springt aus dem Fahrerhäuschen. 

Normalerweise schiebt Ronald Rakete Krankenhausbetten in OP-Säle, beruhigt Liegende in weißen Kitteln während der Aufzugfahrt ins Operationsgeschoss. Gerade ist eine andere Fähigkeit vom Mann mit dem Schnurrbart gefragt. Er hat einen Lkw-Führerschein, transportiert Materialien für die Klinik zur Kaserne und zurück.

Palette für Palette fährt er aus dem Lkw zu Boden, hievt sie in die Halle, an deren Decken noch Seilschlingen für Turnübungen hängen. Manchmal hilft Reservist Uwe Hauk beim Ziehen. "Ware, die teilweise wie Gold gehandelt wird", lagert nun nach Aussage des Obersts hier. Tatsächlich. Ronald Rakete zieht eine Burg aus Klopapier hinter sich her, die mindestens einen Meter größer ist als er. 

Operationskittel "blut- und virenfest" nimmt er am Ende wieder mit. Vier Leute von der Klinik und vier von der Bundeswehr sind für das Ereignis zusammen gekommen. So unaufgeregt die Worte von Hauptmann Markert klingen, ein bisschen besonders ist die Situation eben doch. Die Fotografin aus Leipzig schießt zur Erinnerung ein Foto der Gruppe, tritt Schritt für Schritt nach hinten, damit alle auf die Linse passen. Ein Gruppenbild mit zwei Metern Abstand braucht Platz.

Zu Corona-Zeiten lagert das Städtische Klinikum nicht nur von Masken mehr ein als gewöhnlich. Der eigene Lagerplatz reicht da nicht mehr aus.
Zu Corona-Zeiten lagert das Städtische Klinikum nicht nur von Masken mehr ein als gewöhnlich. Der eigene Lagerplatz reicht da nicht mehr aus. © Ronald Bonß

Es wäre noch wesentlich mehr Einsatz möglich, Sachsens Bundeswehr scharrt nach den Worten des Kommandeurs mit ihren übrig gebliebenen Füßen. "Wir haben jetzt Männer und Frauen in einer Zwölf-Stunden-Bereitschaft, die darauf eingestellt sind, was zu tun", sagt Oberst Finck. "Stellen Sie sich vor, Sie sind bei der Freiwilligen Feuerwehr und es brennt nie. Das ist das Los der Reserve: Ideal ist es, wenn du sie gar nicht brauchst. Das ist einfach ein Spannungsfeld, wo du durchmusst." Man könne es auch wie Ex-SPD-Chef Franz Müntefering sagen, meint Finck: "Opposition ist Mist." 

Die Container-Routine, sagt er, "machst du in Afghanistan ein halbes Jahr lang." Auf ein halbes Jahr hoffe er für den hiesigen Einsatz nicht. Mit zwei, drei Monaten rechne er durchaus. Offenbar auch das Standesamt, vorerst hat es seiner Tochter keinen neuen Termin für die Hochzeit gegeben. Viel Unklarheit begleitet in Corona-Zeiten die Menschen und auch die Bundeswehr, die doch nach Hauptmann Markerts Aussage vor allem im Planen und Organisieren gut ist. Eine identische Defender-Übung, wie sie für 2020 geplant war, wird es kommendes Jahr eher nicht geben. Sollte Corona dann halbwegs überstanden sein sein, will die Nato südlich der Alpen üben. 

Auch wenn er Abwechslung ein wenig vermisst, will Oberst Finck mit Ausnahme der Osterhasen auf dem Schreibtisch bei seiner Kleiderordnung bleiben. Auch wenn er gerade fast nur Leute per Videokonferenz sieht: Der Kilt, sagt er, bleibe wohl vorerst im Kleiderschrank, bis seine Tochter dann doch irgendwann heiratet. Er würde auch gar nicht zu seiner persönlichen Atemschutzmaske passen. Die trägt - natürlich - Tarnfleckmuster.

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