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Apothekerin findet Corona-Maßnahmen übertrieben

Einige Menschen halten die derzeitigen Beschränkungen für zu hart. Auch in Görlitz gibt es einige davon. Doch was sind ihre Argumente?

Leitet seit mehr als 20 Jahren die Humboldt-Apotheke in Görlitz: Brigitte Westphal.
Leitet seit mehr als 20 Jahren die Humboldt-Apotheke in Görlitz: Brigitte Westphal. © Archivbild: Nikolai Schmidt

Ob Privatpersonen oder Wirtschaft - unter den gegenwärtigen Restriktionen zur Eindämmung des Coronavirus leiden alle. Die meisten halten die Maßnahmen für notwendig, doch eine wachsende Zahl von Menschen zweifelt den Sinn der Beschränkungen an. Besonders diejenigen, die der Politik und der Verwaltung ohnehin misstrauisch gegenüberstehen.

Im Raum Zittau haben inzwischen über 100 Menschen den offenen Brief "Wir protestieren" unterzeichnet, der die Beschränkungen als zu hart ansieht. Besonders wirtschaftliche und soziale Schäden würden ignoriert. Zudem sehen die Unterzeichner eine "Beschränkung der Freiheitsrechte" und greifen mehrfach die friedliche Revolution vor 31 Jahren auf. Sprecher der Initiative ist der Zittauer Videoproduzent Steffen Golembiewski. Eine Analyse des Briefes lesen Sie hier.

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NS- und DDR-Vergleiche

Aus den Reihen stammt auch ein Faktencheck zur Corona-Infektion, gesammelt vom ehemaligen CDU-Landtagsabgeordneten und Mathematiker Peter Dierich. Er war von 1997 bis 2003 Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz. Das Papier ist überwiegend mit Quellen unterlegt, jedoch eher eine Sammlung an Ungereimtheiten denn ein Faktencheck. Es spart zudem nicht an NS- und DDR-Vergleichen. Doch das Dokument formuliert das Kernargument der Gruppe: "Es ist leider anzunehmen, dass die gesundheitlichen Folgen der Maßnahmen im Ganzen höher sind als durch die eigentliche Krankheit Covid-19."

Doch auch in Görlitz gibt es einige, die Zweifel an der Gefahr durch das Coronavirus äußern. Manche auch aus dem medizinischen Bereich. "Die Corona-Epidemie ist ähnlich gefährlich wie eine Influenza", sagt Brigitte Westphal, Inhaberin der Humboldt-Apotheke am Demianiplatz in Görlitz. Sie verweist auf eine Schweizer Webseite, die Zahlen zur Corona-Infektion in anderem Kontext analysiert und als deutlich harmloser darstellt als gemeinhin angenommen. 

Vor allem bei deutschen Corona-Skeptikern erfreut sich die Seite großer Beliebtheit. Sie steht allerdings schon seit mehreren Jahren in der Kritik - lange bevor das Sars-CoV-2-Virus sich zu verbreiten begann.

Risikogruppen schützen

"Es werden sich ohnehin 60 bis 80 Prozent der Menschen infizieren", sagt Westphal und stimmt in diesem Punkt mit offiziellen Stellen überein. Die Schlussfolgerung ist eine andere: "Also sollte man die Risikogruppen schützen und nicht verhindern, dass sich der Rest nach und nach infiziert." Dabei kann das Virus auch für jüngere Menschen gefährlich werden. Und auch Allergiker und Asthmatiker sind schneller betroffen, weil angeschwollene Schleimhäute durchlässiger für Viren sind.

Eine Überbelastung des Gesundheitssystems sei unwahrscheinlich, denn ein deutlich größerer Teil als angenommen würde ohne oder nur mit leichten Symptomen vorübergehen. "Sie machen uns vor, dass es viele Tote gibt, dabei ist weltweit keine Übersterblichkeit festzustellen". Vor allem bei Kindern sei eine schnelle Immunisierung nötig, so die Apothekerin. Und ohnehin würden nicht alle gleichzeitig krank. Eine große Welle an Infektionen habe es nur bei den Masern gegeben.

Keine Brustkrebs-Vorsorge

Sie kritisiert auch eine übertriebene Konzentration auf das Virus: "Zur Brustkrebs-Vorsorge kann man beispielsweise nicht mehr gehen." Das setze viele Menschen einem  Gesundheitsrisiko aus - fernab von Corona. Einige Ärzte im Görlitzer Krankenhaus hätten zurzeit deshalb wenig zu tun, obwohl es genügend zu behandelnde Kranke gäbe. 

Dass in der Apotheke auf Hygiene geachtet wird, sei aber selbstverständlich - ob das Virus nun gefährlich ist, oder nicht. "In der Grippesaison fasse ich selbst nichts an", sagt Westphal. Mindestens zweimal täglich werden alle Oberflächen in der Apotheke desinfiziert.

Ihren Mitarbeitern hätte sie entsprechendes Informationsmaterial gegeben und ihnen das Tragen von Schutzkleidung freigestellt. Eine junge Kollegin trägt eine Maske. "Ich kann es ihr nicht verbieten", sagt Westphal, "auch wenn ich es als ihre Chefin gern würde." Sie unterhalte sich regelmäßig mit Kollegen aus dem medizinischen Bereich. "Die meisten sind völlig meiner Ansicht."

Auch er hat das Gegenpapier unterzeichnet: der Görlitzer OB Octavian Ursu.
Auch er hat das Gegenpapier unterzeichnet: der Görlitzer OB Octavian Ursu. © nikolaischmidt.de

"Nicht ausreichend begründet"

Einige der im Brief "Wir protestieren" angesprochenen Politiker haben ein Gegenpapier unterzeichnet, unter anderem der Görlitzer OB Octavian Ursu und der Zittauer OB Thomas Zenker. Sie weisen die Vorwürfe zurück, verweisen aber darauf, dass die "Einschränkung öffentlicher Freiheiten nur solange dauert wie absolut notwendig." Derzeit seien sie jedoch demokratisch legitimiert. Und sollten einige Instrumente fehlerhaft sein, heißt es in dem Schreiben, werde "nachjustiert."

Stellt sich den Kritikern entgegen: Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker.
Stellt sich den Kritikern entgegen: Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker. © Matthias Weber

In einem eigenen Antwortschreiben wird Zittaus OB Thomas Zenker noch einmal deutlicher und wirft der Gruppe die Verbreitung von Falschinformationen vor. Weltweit führende Experten auf der Grundlage "öffentlicher Quellen" die Expertise abzusprechen, sei eine "mehr als enttäuschende Begründung für die formulierte Kritik." 

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Er kritisiert zudem explizit die Vergleiche zu 1989 und sogar zur NS-Zeit. Und kommt zu einem klaren Urteil über den offenen Brief und seine Unterzeichner: "Keine ihrer Kritiken ist ausreichend begründet." Dieses Urteil werden die Corona-Skeptiker kaum auf sich sitzen lassen.

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