merken
PLUS Leben und Stil

Die ersten Badetoten: Darum trifft es so oft Männer

Der oberste Lebensretter im Freistaat über die besondere Gefahr von Seen und was Helfer unbedingt wissen sollten.

Bei dem Einsatz im Kiessee Birkwitz kam jede Hilfe zu spät.
Bei dem Einsatz im Kiessee Birkwitz kam jede Hilfe zu spät. © Archiv/ Daniel Förster

Nur 24 Jahre war der Mann alt, der am Pfingstmontag in der Mulde in Grimma ertrunken ist. Gemeinsam mit zwei Bekannten war er von einer Hängebrücke gesprungen – und nicht wieder aufgetaucht. Zweieinhalb Stunden später hat ihn die Polizei 50 Meter flussabwärts an einem Steg gefunden. 

Auch in der Elbe ist in dieser Saison bereits ein junger Mann bei einem Badeunfall gestorben. Der 25-jährige Pole war am 1. Mai mit Freunden im Dresdner Stadtgebiet schwimmen gegangen. Neun Tage später hatte die Feuerwehr seine Leiche geborgen. Warum es so gefährlich ist, in Flüssen, Teichen und Seen baden zu gehen, erklärt Rettungsschwimmer Sebastian Knabe. Er ist Landesgeschäftsführer der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft DLRG.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

Herr Knabe, warum sterben so oft junge Männer beim Baden? Sie sind doch meistens gut trainiert.

Aber auch leichtsinnig. Sie überschätzen sich schnell, wollen vor ihren Freunden gut dastehen und nehmen Gefahren nicht realistisch wahr. Das betrifft aber nicht nur junge Männer. Auch die älteren sind generell gefährdeter als Frauen.

Lässt der Leichtsinn denn mit dem Alter nicht nach?

In manchen Fällen nicht. Viele ältere Männer überschätzen ihre Leistungsfähigkeit. Oft sind sie sportlich nicht mehr so fit, wie sie es einmal waren, glauben aber, dass sie noch genau so gut und ausdauernd schwimmen können wie mit Mitte 20. Frauen sind viel vorsichtiger. Von den 23 Badetoten, die wir letztes Jahr in Sachsen hatten, waren 16 Männer.

In welchen Gewässern sind denn die meisten Menschen ertrunken?

In Sachsen hauptsächlich in Seen und Teichen. Dort gab es 15 tödliche Badeunfälle, drei in Flüssen. Sogar Bäche können zum tödlichen Verhängnis werden: Zwei Menschen sind 2018 darin ertrunken. Im Schwimmbad gab es einen Toten, ein weiterer verunglückte im Gartenteich, eine Person ertrank in einem Graben. Ein Sachse starb im Meer.

Warum sind die Seen so gefährlich?

Sie können heimtückisch sein und Gefahren haben, die man vom Ufer aus nicht erkennt. Bei gefluteten Tagebaurestlöchern ist der Boden durch die jahrelange Vibration der Abbaubagger nicht stabil. Deshalb können immer wieder Uferabschnitte nachgeben, Sand kann nachrutschen. Besonders gefährlich wird es, wenn der Gewässergrund hinter der Einstiegsstelle plötzlich tief abfällt. Dann kann der Badende hüftabwärts in eine kältere Wasserschicht gelangen und relativ schnell einen Kälteschock erleiden. Dabei ist das Blut im Unterkörper kälter als im Oberkörper. Kann der Körper diese Unterschiede nicht ausgleichen, wird der Kreislauf gestört, das Herz macht Sprünge. Das kann bis zum Herzstillstand noch im Wasser führen.

Die meisten Seen sind nicht so überlaufen wie Freibäder. Wer ein bisschen Ruhe sucht, geht lieber dorthin.

Wenn der See nicht überwacht ist, ist das trotzdem keine gute Idee. Wenn man das schon macht, dann sollte man bestimmte Dinge beachten. Am wichtigsten ist es, nicht sofort ins Wasser zu springen, vor allem nicht, wenn man mit dem Rad hingefahren oder gejoggt ist. Man sollte sich erst abkühlen, Brustkorb und Rücken mit Wasser benetzen, damit sich der Kreislauf an die Temperatur gewöhnen kann. Zum Zweiten sollte man nach der Wintersaison auch dann nicht in den See springen, wenn man ihn kennt, sondern vorsichtig hineingehen. Kein Mensch weiß, was da inzwischen hineingekippt wurde.

Sebastian Knabe, hier beim Hochwasser-Einsatz in Meißen im Jahr 2013, ist seit 2009 Mitglied der DLRG Sachsen. Der gebürtige Riesaer leitet sie seit 2016 hauptamtlich. 
Sebastian Knabe, hier beim Hochwasser-Einsatz in Meißen im Jahr 2013, ist seit 2009 Mitglied der DLRG Sachsen. Der gebürtige Riesaer leitet sie seit 2016 hauptamtlich.  © Jonas-Erik Schmidt/dpa

Wie gehe ich mit Strömung um?

Je mehr Angriffsfläche ich dem Wasser biete, desto eher reißt mich die Strömung mit. Das sollte man sich bewusst machen. Seen haben sie nur, wenn es einen Flusszugang gibt. Kreuzgefährlich sind Unterströmungen im Fluss oder in der Flutrinne. Beides sieht man nicht. Deshalb sollte man nur knietief im Fluss baden. Bei Talsperren sind Staumauern gefährlich, dort gibt es Wasserwalzen. Wer da hineingerät, ist definitiv auf Hilfe von außen angewiesen. Sehr gefährlich sind auch Strudel. Wer in einem gefangen ist, sollte nicht versuchen, nach oben wegzuschwimmen, weil man immer wieder in die Mitte gezogen wird. Besser ist es, unten aus dem Strudel heraus zu tauchen. Da hat man eher eine Chance.

Was mache ich, wenn ich mitten im See spüre, dass die Kraft nachlässt?

Ist der Körper überfordert, verkrampft er. Dann sollte man schnell auf sich aufmerksam machen und um Hilfe rufen. Danach sofort in Rückenlage gehen und ein Hohlkreuz machen. Dadurch erhält der Körper Auftrieb. Dann versucht man, den Krampf auszumassieren und anschließend langsam und ohne körperliche Anstrengung ans Ufer zurückzuschwimmen. Ganz wichtig ist, ruhig zu bleiben. Wer in Stress gerät und einen Adrenalinausstoß hat, kann nicht mehr klar denken, macht Fehler und vergeudet zuviel Kraft. Die meisten Leute stellen sich vor, dass ein Badeunfall wie bei Baywatch vonstatten geht: Dass Ertrinkende sich aufrichten, winken und schreien. Aber der Ertrinkungstod ist ein stiller Tod. Man ist normalerweise schon unter der Wasseroberfläche, wenn man ertrinkt.

Angenommen, das passiert jemandem, der in einem unbewachten See badet. Wie kann ich als Laie helfen?

Eigenschutz geht vor Fremdschutz. Es bringt nichts, sich selbst in Gefahr zu bringen. Als Erstes sollte man einen Notruf absetzen. Schätzt man sich selbst aber so ein, dem Menschen helfen zu können, muss man ihn langsam von vorn anschwimmen und ihn ansprechen. Man kann sagen: Ich helfe Ihnen, aber beruhigen Sie sich. In Panik geratene Menschen haben durch den Adrenalinausstoß erhöhte Kräfte. Sie können einen umklammern und mit in die Tiefe ziehen. Wir Rettungsschwimmer haben spezielle Befreiungsgriffe, aber Laien können sich aus der Umklammerung nicht mehr lösen. Am besten wäre es, einen Rettungsring oder Ähnliches mitzunehmen. Hat man das nicht, nimmt man auf jeden Fall einen Auftriebskörper mit, zum Beispiel einen Ast. Die Person kann sich daran festklammern und spürt sofort, dass sie nicht mehr in die Tiefe geht. Dann kann man beruhigend auf sie eingehen und versuchen, sie ans Ufer zu schleppen.

Wie mache ich das?

Mit Schleppgriffen, zum Beispiel mit dem Rautekgriff. Dafür geht man von hinten mit beiden Händen unter den Achseln des Ertrinkenden durch und umfasst seinen Unterarm, der quer vor die Brust gelegt ist.

Was muss ich am Ufer beachten?

Die Person nicht alleine lassen, bis der Rettungsdienst eintrifft. Das Wasser kann sich in der Lunge ablagern und die Person einen sekundären Ertrinkungstod erleiden. Sie sollte erstmal liegenbleiben, damit der Körper sich abreagieren kann. Weiter beruhigen, zudecken, etwas zu trinken geben.

Wenn ich sichergehen und in einem von der DLRG überwachten Gewässer baden will, wo muss ich hin?

Weiterführende Artikel

Weniger Badetage, aber mehr Badetote in Sachsen

Weniger Badetage, aber mehr Badetote in Sachsen

Sachsens oberster Lebensretter über typische Fehler, zu wenige sichere Gewässer und Defizite beim Schwimmunterricht.

Weniger Badetote als im Vorjahr

Weniger Badetote als im Vorjahr

In Deutschland sind 2019 weniger Menschen beim Baden ertrunken. Das liegt vor allem am Wetter. Die meisten Menschen sterben in Bayern.

Wir sichern neun von 32 EU-Badegewässern in Sachsen ab, sozusagen fast jedes dritte. Zum Beispiel die Blaue Lagune im Berzdorfer See bei Görlitz, den Kiessee in Pirna Birkwitz-Pratschwitz oder den Cospudener See in Leipzig. 2018 haben unsere rund 1 900 qualifizierten, ehrenamtlichen Einsatzkräfte bei 299 Badeunfällen Hilfe geleistet. Die Wasserwacht des DRK und auch der ASB sichern andere Gewässer.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

Mehr zum Thema Leben und Stil