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Die Frau für einen lebendigen Friedhof

Seit fünf Jahren leitet die 29-jährige Lara Schink die Dresdner Annenfriedhöfe. Hier wirbt sie für eine einzigartige Kultur, die langsam zu sterben droht.

Auf dem Neuen Annenfriedhof möchte Lara Schink ein Stück Dresdner Stadtkultur bewahren.
Auf dem Neuen Annenfriedhof möchte Lara Schink ein Stück Dresdner Stadtkultur bewahren. © Christian Juppe

Dresden. Da verging selbst ihr mal kurz das Lächeln. Unbekannte stahlen vergangene Woche wertvolle Kunst vom Alten Annenfriedhof und verwüsteten dabei auch ein aktives Grab. Auch wenn Lara Schink betont, dass es schon immer Idioten auf Friedhöfen gegeben habe, so passt dieser Vorfall doch ein wenig in eine Zeit, in der Friedhofskultur gesellschaftlich immer mehr an Wert verliert.

Lara Schink ist angetreten, um diesem Trend etwas entgegenzusetzen. Vor fünf Jahren übernahm die 29-Jährige die Leitung der Verwaltung für die beiden Dresdner Annenfriedhöfe. Junge Frau und Friedhof - das passt im ersten Moment nicht unbedingt zusammen. "Das sagen viele", sagt Lara Schink, "aber mir gibt diese Aufgabe große Befriedigung".

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Die Dankbarkeit der Menschen, die Stille, das Grün, all das erfülle sie, wenngleich sich nicht alle ihre Vorstellungen von dem Beruf bewahrheiteten. "Ich glaubte anfangs, ich müsste die Angehörigen viel mehr trösten", sagt sie. "Tatsächlich werden die meisten aber gar nicht so emotional."

In der Verwaltung leitet Lara Schink ein Team von elf Festangestellten. Dazu kommen  Helfer über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Justizstunden, die sich vor allem mit um die Grünflächen kümmern.

Nach der Schule im heimischen Köln hatte sie mal überlegt, Steinbildbauerin zu werden. Ein Praktikum zeigte ihr zwar, dass das nicht hundertprozentig für sie passte, das Thema Friedhof blieb für sie aber aktuell. Dazu wuchs nach einem Freiwilligendienst auf einem Bauernhof in Irland ihr Wunsch, beruflich der Natur nah zu sein. 

Mit ihrer Kamera fängt Lara Schink leidenschaftlich gern Szenen auf dem Friedhof ein.
Mit ihrer Kamera fängt Lara Schink leidenschaftlich gern Szenen auf dem Friedhof ein. © Lara Schink

Für ihr Gartenbau-Studium kam Lara Schink 2009 nach Pillnitz. Als 2014 dann die Stelle als Verwalterin der Annenfriedhöfe ausgeschrieben wurde, musste sie nicht lange überlegen, ob sie sich bewerben soll. 

Der Neue Annenfriedhof an der Kesselsdorfer Straße ist der drittgrößte der 57 Dresdner Friedhöfe. Auch sonst ist dies ein wirklich besonderer Ort. Bei seiner Gründung im 19. Jahrhundert war dies der erste Parkfriedhof Dresdens. Die Friedhofshalle erbaute  Semper-Schüler Robert Wimmer im Neorenaissance-Stil, allerdings überstand der zentrale Kuppelbau die Luftangriffe von 1945 nicht.

Das, was noch steht, macht trotzdem Eindruck. "Das Gebäude ist kulturhistorisch sehr wertvoll, nur interessiert das niemanden so richtig", sagt Lara Schink. Die Terrasse ist schon seit vielen Jahren gesperrt, eine Restaurierung in weiter Ferne. "Wir sind froh, wenn wir es schaffen, dass alles aufrecht stehen bleibt."

Überhaupt sieht sich die junge Frau in großem Maße als Bewahrerin. Der Friedhof ist für sie mehr als ein Ort, an dem Menschen begraben liegen. "Er steht auch für den Kreislauf zwischen Leben und Tod", sagt sie. "Alle Jahreszeiten können hier erlebt werden." Gerade der Neue Annenfriedhof sei als größter Park des Stadtteils seit jeher auch ein Erholungsort.

Gern fängt Lara Schink diese besondere Magie mit ihrer Kamera ein. Das ist ihr Hobby, und auch die Fotos auf der Website des Friedshofs stammen von ihr. Vielleicht fotografiert sie hier auch deshalb so viel, weil sie sich nicht sicher ist, ob dieser Teil der Kultur auf weite Sicht anders festgehalten werden kann.

Die Zahl der anonymen Bestattungen ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Gemeinschaftsgräber liegen im Trend. Viele wollen im Wald oder im Meer bestattet werden. "Kaum jemand hinterlässt mehr Spuren. Ich will dafür werben, dass ein Grab ein erreichbarer Ort bleibt", sagt Lara Schink. "Nur hier kann man seinen Angehörigen ganz persönlich ein kleines Denkmal setzen." Es muss ja nicht unbedingt mit Kies, Steinplatten und Baumarkt-Engeln sein.

"Ein Ort für langen Atem"

Ihre eigene Familie taugt dahingehend nicht gerade als Vorbild. Ihr Vater wählte die Seebestattung und auch ihre Mutter möchte kein Grab mit Stein und ihrem Namen.

Das wollen immer weniger. Neben dem Verlust kultureller Werte geht es in dieser Frage auch ganz einfach ums Geld. Die Verwalterin spricht von Kunden, von Wettbewerb und Konkurrenz. Die Fördermittel für Friedhöfe seien chronisch knapp. Ohne die Gebühren für die Gräber könnte der Betrieb nicht aufrechterhalten werden. Von Investitionen gar nicht zu reden.

Noch bis in die 30er-Jahre war der Neue Annenfriedhof komplett belegt. Heute werden nur noch etwa 7.000 der rund 40.000 Grablager "aktiv" genutzt. Große Teile des riesigen Areals sind "teilgeschlossen", wie es heißt. Das bedeutet, dass Liegezeiten verlängert werden dürfen und nahe Angehörige in Familiengräbern beerdigt werden können. Neue Grabstellen wird es in diesen Bereichen aber keine geben. 

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Der St. Pauli-Friedhof in der Neustadt wird bereits seit 2016 nach und nach geschlossen. Wo wird diese Entwicklung für den Neuen Annenfriedhof enden? Lara Schink weiß es nicht, aber sie weiß, dass ihre Aufgabe hier noch lange nicht beendet ist. Momentan würde nichts dagegen sprechen, dass sie noch viele Jahre hier bleibt. "An einem Ort, der sich so langsam verändert, ist ein langer Atem gefragt."

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