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30 Jahre Wir

Die Freiheit als Nachwendekind

Johannes Gersten wurde 1989 geboren. Die DDR kennt er nicht. Geprägt hat ihn diese aber trotzdem.

Johannes Gersten im Döbelner Wettinpark. Es ist auch der in der Nähe ansässige Verein Treibhaus, der den 30-Jährigen in Döbeln gehalten hat. Mit 17 Jahren ist er aktiv in den Verein eingestiegen.
Johannes Gersten im Döbelner Wettinpark. Es ist auch der in der Nähe ansässige Verein Treibhaus, der den 30-Jährigen in Döbeln gehalten hat. Mit 17 Jahren ist er aktiv in den Verein eingestiegen. © Dietmar Thomas

Döbeln. Junge Pioniere, Freie Deutsche Jugend, Jugendbrigade – all das kennt Johannes Gersten nur aus dem Geschichtsunterricht. Was für die Generation seiner Eltern zum Alltag gehörte, ist dem 30-Jährigen fremd. Freie Schulwahl, Berufswechsel, Aufenthalte im Ausland sowie in den neuen Bundesländern, das ist die Realität, mit welcher der Döbelner aufgewachsen ist. Und trotzdem sagt er: „Ich sehe viele Aspekte, die mich oft merken lassen, das ich ostdeutsche Eltern habe.“

Im März 1989 kommt Gersten auf die Welt. Er ist das zweite Kind seiner Eltern, hat noch einen vier Jahre älteren Bruder. Die Familie lebt in einer Wohnung in Döbeln-Nord. Die Eltern sparen, gehen viel arbeiten. Der Vater macht sich Mitte der 1990er Jahre selbstständig. Die Mutter übt verschiedene Jobs aus. Die Kinder sind oft bis abends bei den Nachbarn. „Dort haben wir mit anderen Kindern gespielt oder sind in Döbeln-Nord stromern gegangen“, sagt Gersten. Das Ziel seiner Eltern: ein eigenes Haus bauen. Als Gersten in die zweite Klasse kommt, ist das geschafft. Die Familie zieht nach Heyda um, Gersten wechselt von der Grundschule Döbeln-Nord auf die Ebersbacher Schule.

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An die unruhige Wendezeit kann sich Gersten nicht mehr erinnern. Zu jung war er damals. Und trotzdem ist er sich rückblickend sicher: „Wir hatten ein harmonisches Elternhaus. Unsere Eltern haben es geschafft, uns zu vermitteln, dass wir in Sicherheit und Frieden aufwachsen.“ Hin und wieder nehmen die Kinder daran teil, wenn die Eltern die neuen Freiheiten nach der Wende genießen. „Meine Mutter hat mit über 30 Fahrschule gemacht“, erzählt der Döbelner. „Für sie war das eine riesige Herausforderung, die sie mit uns Kindern geteilt hat.“ 

Mitbekommen habe er auch, dass die Eltern immer überrascht waren von den neuen Angeboten im Supermarkt. Auslandsreisen gab es für die Familie auch nach der Wende selten. „Die Möglichkeiten waren da, aber wurden nicht jedes Jahr genutzt“, sagt der Medienpädagoge. Urlaub hieß oft, auf zum Bungalow an einen Baggersee in Brandenburg oder an den Balaton. Das sei die günstige Variante gewesen. Die Welt bereist hat Gersten später.

Nach Abitur, Studium und Volontariat ging er für vier Monate nach Kamerun. In Zentralafrika arbeitet er über ein Programm der ASA, kurz für Arbeits- und Studien-Aufenthalte, in einer Filmschule. Diese haben zwei Kameruner gegründet, mit denen er heute noch befreundet ist. Er unterrichtete, setzte mit den Schülern Filmprojekte um und lernte einiges fürs Leben. „In einem Vorbereitungsseminar auf den Aufenthalt wurden uns klar gemacht, die anderen Kulturen zu respektieren und den anderen nicht unsere eigene Kultur aufzudrücken“, erklärt Gersten. Jene Erfahrung bewahre ihn bis heute davor, sich über andere Kulturen, aber auch Familien zu erheben. Jeder sei in seiner Individualität anzuerkennen, betont Gersten.

Beruflich hat Gersten inzwischen in der Medienbranche Fuß gefasst. Seit Juli 2018 arbeitet er als Medienpädagoge im Büro von SAEK mobil (Sächsische Ausbildungs- und Erprobungskanäle) in Döbeln. Zu seinen Aufgaben gehört es, Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene im Umgang mit Medien zu schulen. Ein Job, der Gersten erfüllt. Doch der Weg bis zu diesem war lang. Nicht zu vergleichen mit den geradlinigen Ausbildungen, wie sie noch vor der Wende alltägliche Praxis waren. Nach der Schule absolvierte Gersten zunächst seinen Zivildienst im Kinderheim in Noschkowitz. Den Wehrdienst verweigerte er.

Beruflich gab es für ihn immer zwei Optionen: Lehrer oder Filmemacher. Zunächst verfolgte er die erste Richtung, begann an der Universität Leipzig ein Lehramtsstudium. Doch die einzig mögliche Fächerkombination Mathe und Russisch lag ihm nicht. Mit Glück rutschte er an der Hochschule Mittweida in den Studiengang Medientechnik nach. 

Während eines Praktikums knüpfte er schließlich Kontakte zu den SAEK in Leipzig. Und fand seinen Traumjob: Lehrkraft für Medien. Dieser ermöglichte ihm auch, in seiner Heimat zu bleiben. Denn aus medienpädagogischer Sicht war die Muldestadt ein weißer Fleck. „In Döbeln gab es bisher kaum Medienpädagogen oder Projekte in der Richtung. Die Stadt war daher ein guter Startpunkt für mich“, sagt Gersten, der jetzt sachsenweit unterwegs ist.

Neben dem Interesse für Medien ist Gersten der Kontakt zu Menschen aus anderen Ländern wichtig. Während seines zweijährigen Volontariats bei den SAEK in Görlitz lebte er gut zwei Jahre mit polnischen Studenten in einer Wohngemeinschaft zusammen. Die Offenheit gegenüber Menschen anderer Länder und Kulturen hätten ihm die Eltern mitgegeben, sagt Gersten. Ebenso die Neugier und den Drang danach, die Welt zu entdecken. Neben Kamerun besuchte er unter anderem Griechenland, Frankreich und Spanien. 

Oft verbrachte der Döbelner auch Zeit im Westen Deutschlands. Einige seiner Freunde leben in Hamburg, Freiburg im Breisgau, Köln sowie Essen. Seine Herkunft aus Ostdeutschland spielte überall dort keine Rolle. Zumindest fast. „Mein Dialekt fällt auf“, sagt Gersten. Trotz seiner Bemühungen gelinge es ihm nicht, perfekt Hochdeutsch zu sprechen. „Aber diskriminiert wurde ich deswegen noch nicht. Die Leute finden es eher amüsant“, schildert er.

Klischeehafte Vorstellungen von den Ost- und Westdeutschen habe er nicht. Und trotzdem: Feine Unterschiede zwischen Ost und West spürt auch Gersten. Aufgefallen sei ihm zum Beispiel, dass Gespräche mit Freunden und Bekannten aus den alten Bundesländern weniger tiefgründig seien. „In den ostdeutschen Familien gibt es so gut wie keine Gesprächstabus. Wir hatten immer die Freiheit, alles zu fragen und alle Themen anzusprechen“, erzählt der junge Mann, der aufgrund seines Elternhauses auch keine Scheu vor einem FKK-Strand hat. Die Trennung Ost und West spiele ohnehin für ihn und seinen Freundes- und Bekanntenkreis keine Rolle mehr. „Das ist in unserer Generation abgebaut. Wir sollten das unterschiedliche Denken überwinden“, meint der Döbelner. Er selbst sieht sich nicht mehr als Ostdeutscher. „Ich fühle mich mehr als Europäer“, sagt Gersten.

Grenzen zu überwinden ist ihm wichtig. Sei es die zwischen Ost und West, oder die zwischen Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Ländern. Über den Verein Interkulturelles Netzwerk mit Sitz in Neuruppin hat er sich zum Teamer für interkulturelle Begegnungen ausgebildet. Mehrfach war er danach in Otzenhausen im Saarland an der europäischen Akademie im Einsatz, war Teamer und hat unter anderem Tagungen geleitet.

Dass irgendwann einmal die Generation nach ihm noch von Ost und West spricht, kann sich der 30-Jährige nicht vorstellen. „Das Denken wird sich automatisch abbauen. Aber wir sollten aus der Geschichte für die Zukunft lernen, und zwar von allen Regionen Deutschlands.“