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"Die Pfarrei wächst und wächst"

Dank der Zuwanderung aus Polen ist die katholische Gemeinde "Heiliger Wenzel" in Görlitz besonders. Wie ihr Pfarrer Norbert Joklitschke, der jetzt nach Niesky geht.

Pfarrer Norbert Joklitschke wechselt jetzt von Görlitz nach Niesky.
Pfarrer Norbert Joklitschke wechselt jetzt von Görlitz nach Niesky. ©  Archiv/Pawel Sosnowski

Es sind Tage des Abschieds. In diesem Sommer für Norbert Joklitschke. Der 64-jährige Theologe übernimmt noch einmal eine neue Gemeinde und wechselt zum 1. September  nach Niesky. Bis es so weit ist, geht er nochmal in jede der sechs Kirchen seiner Gemeinde "Heiliger Wenzel", die er seit acht Jahren zusammengeführt hat, seine Gemeinde schenkte ihm zum Abschied eine Reise nach Lourdes.

Ursprünglich waren es sechs Gemeinden: Heilig Kreuz und Sankt Jakobus im Görlitzer Zentrum, St. Johannes und Franziskus im Görlitzer Stadtteil Weinhübel, St. Hedwig in Rauschwalde, St. Wenzeslaus in Jauernick und St. Anna in Reichenbach. Zusammengelegt wurden sie wegen des erwarteten Rückgangs der katholischen Christen in Görlitz und Umgebung. Der trat auch ein. 

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Nur nicht in Görlitz. Hier gibt es seit Jahren eine Sonderentwicklung.  Das hängt, wie Joklitschke fast schon ein wenig entschuldigend sagt, nicht mit missionarischen Erfolgen zusammen - sondern mit Zuwanderung. Keine andere katholische Gemeinde hat von den polnischen EU-Bürgern, die nach Görlitz gekommen sind, so profitiert wie der "Heilige Wenzel". Hier bündeln sich im Grunde all die Bereicherungen und Probleme, die Zuwanderung auch für die Stadt Görlitz bedeuten.  Als Joklitschke noch vor den Sommerferien verabschiedet wurde, verwies er auf die inzwischen 7.500 Gemeindemitglieder. Anfänglich waren es 5.500.

"Die Pfarrei wächst und wächst - das hat keiner so prognostiziert", sagte er.  Wer wollte, konnte darin einen kleinen Seitenhieb gegen die Bistumsleitung erkennen. Aber Joklitschke sah darin vermutlich viel mehr ein Zeichen für das Wirken Gottes in der Welt: Schaut her, nicht alles kann man planen. Und es ist zugleich eine Mahnung, seinen Nachfolger mit dieser Entwicklung nicht allein zu lassen.

Willkommenskultur unter Katholiken

Sie ist nicht nur und nicht immer Freude für die Gemeinde. Viele der neuen Mitglieder können kein Deutsch, fremdeln mit den kirchlichen Traditionen in Deutschland oder ziehen wieder um. Und doch sagt Joklitschke: "Wir bemühen uns auch weiterhin, eine herzliche Willkommenskultur zu entwickeln und mit Leben zu erfüllen." Es ist eine immer wieder neu zu justierende Balance zwischen Rechten und Pflichten, zwischen Angeboten wie einem Gottesdienst in polnischer Sprache und zugleich der Aufforderung, doch die deutsche Sprache zu lernen.

Das ist ein Grundgefühl und eine Überzeugung bei Joklitschke. Noch bevor sich die Flüchtlingszüge aus dem Nahen Osten im Spätsommer 2015 auf den Weg nach Deutschland machten, schrieb  er zu Plänen der sächsischen Landesregierung, verstärkt Ausländer einzubürgern, in der Görlitzer SZ: "Mir geht es um das Lebensgefühl der zu erwartenden neuen Mitbürger. Sie sollten sich nicht als Lückenbüßer fühlen oder als Notnägel, sondern als willkommene Hausgenossen." Sie sollten nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht sein, sondern zusammen mit den Einheimischen das Gemeinwohl in Solidarität tragen und zusammen mit den bisherigen Einwohnern auch davon leben. Und er sah schon früh, dass es durchaus zu Schwierigkeiten kommen könne. Deswegen "werde es darauf ankommen, sich über gemeinsame Ziele zu verständigen und dabei zu beachten, in was für einem Haus wir hier in Sachsen miteinander wohnen."

Verhinderter Aufstieg als Generalvikar

Diesen Weitblick und diese Tiefe hatten Norbert Joklitschke für höhere Aufgaben empfohlen. Bischof Konrad Zdarsa wollte den Pfarrer, der jahrelang in Spremberg wirkte, zu seinem Generalvikar machen, also zum zweiten Mann im Bistum. Doch der überraschende Ruf an Zdarsa nach Augsburg zerschlug diese Pläne. Mancher in der katholischen Kirche hatte sich von Joklitschke etwas mehr Liberalität und Zeitgenossenschaft gewünscht. Schließlich lebt Joklitschke mit angenommenen Kindern in einem Haushalt. Doch Zdarsas Nachfolger Wolfgang Ipolt hatte anderes im Sinn und machte ihn zum Pfarrer der Katholiken in Görlitz.

Joklitschke hat nie erkennen lassen, ob er mit dieser Entwicklung haderte. Womöglich war ihm die Nähe zu den Menschen wichtiger und vor allem das Wirken in Görlitz. Am Marienplatz wohnten seine Eltern, er selbst verbrachte hier seine Kindheit und Jugendzeit. Im Archiv der Heilig-Kreuz-Kirche fand er sogar noch den Anmeldeschein für die Taufe 1956. Da verbanden sich für ihn Lebenskreise in der Stadt. Und auch wenn er es selten zu spüren bekam, so bewegte ihn doch auch das Wort vom "Propheten, der nichts im eigenen Land gilt". 

Volle Kraft fürs neue Amt

Jedenfalls warf er sich mit ganzer Energie in seine neuen Aufgaben. Viele Baustellen seelsorglicher und struktureller Art seien das gewesen, erinnerte er sich gemeinsam mit seinen Katholiken, auch personeller Art und nicht zuletzt Baumaßnahmen. Die Heilig-Kreuz-Kirche wurde saniert, in der St. Jakobus-Kathedrale sind die Bauarbeiter gerade. Dass schließlich auch die Bergkapelle in Jauernick so marode war, dass sie gesperrt werden musste, war nicht vorauszusehen. Ihre Sanierung wird nun Joklitschkes Nachfolger, der bisherige Senftenberger Pfarrer Roland Elsner, übernehmen müssen. Joklitschke rieb sich auch auf im Amt, seine schwere Krankheit vor zwei Jahren kostete weitere Kraft. 

Doch nicht nur Katholiken in der Stadt bewegt Wehmut in diesen Tagen wie das bei Abschieden der Fall ist, wenn man sich von Liebgewonnenem trennen muss, das Neue aber noch nicht recht zu erkennen ist. Auch viele Protestanten teilen dieses Lebensgefühl. Joklitschke zählte 2013 nicht nur zu den Mitgründern der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, sondern war auch deren erster Vorsitzender. Und lebte die Ökumene auch aus, bei gemeinsamen Andachten beispielsweise zu 30 Jahre friedliche Revolution in der Frauenkirche, bei der zwischenzeitlichen Nutzung der evangelischen Dreifaltigkeitskirche, als die katholische Heilig-Kreuz-Kirche saniert wurde, oder als Organisator der wöchentlichen Kolumne "Um Himmels willen" in der Sächsischen Zeitung. "Die Stadt soll uns als Christen wahrnehmen", nannte er einmal fast schon mottohaft das Anliegen der Arbeitsgemeinschaft. Es könnte aber auch für sein Wirken in Görlitz generell stehen. Niesky, wo bislang ebenso ein populärer Pfarrer weit über die Gemeinde tätig war, darf sich auf ihn freuen.

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