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Appetit kennt keine Krise

Das Cateringunternehmen Elbezeit bekocht in Dresden die Dampfschiffe, den Flughafen und den Zoo. Nach Corona geht es nun um alles oder nichts.

Ein Gesicht der Hoffnung: Daniel Triebel leitet die Elbezeit-Gastronomie im Dresdner Zoo. Es könnte so schön - ohne Krise.
Ein Gesicht der Hoffnung: Daniel Triebel leitet die Elbezeit-Gastronomie im Dresdner Zoo. Es könnte so schön - ohne Krise. © Sven Ellger

Dresden. Einmal kurz frei durchatmen, dann zieht sich Susann Engel wieder ihre schwarze Maske über die Nase. Elf Stunden am Tag muss die Leiterin des Pinguin-Cafés im Zoo den Mundschutz tragen. "Es ist kaum mehr aushalten", sagt sie. "Bis abends gehen fünf Masken drauf und dann habe ich höllische Kopfschmerzen und bin müde."

Und doch ist die 44-Jährige froh, dass sie überhaupt wieder arbeiten darf. Zum Höhepunkt der Corona-Krise war der Zoo ab Mitte März sechs Wochen komplett dicht. Ein Schock für die Mitarbeiter. Wenige Tage später sollte der große Saisonstart gefeiert werden. Die Dutzenden Tischgarnituren waren gerade aufgebaut worden. "Alle haben sich tierisch drauf gefreut", sagt Susann Engel. Und dann war Schluss, von einem Tag auf den anderen.

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Der Küchenchef musste 250 Kilogramm Pommes in den Müll werfen. Auch Wurst, Obst, Salate und Dressings waren nicht zu retten, obwohl die Gefrierschränke randvoll gefüllt wurden. Veranstaltungen wurden abgesagt, die Mitarbeiter gingen in Kurzarbeit. Der Letzte machte das Licht aus.

Inzwischen ist der Zoo längst wieder offen und damit auch die Gastronomie wieder angelaufen. Wer auf seine Maske achtet und die Abstände einhält, bekommt im Pinguin Café wieder seine Linsen und in der Africa-Lodge am Einfang sein Softeis.

Schon ab Juli werden hier wieder Kindergeburtstage gefeiert. Wird damit alles gut?

Was sich für andere Unternehmen wie das herbeigesehnte Ende der Krise anfühlen würde, ist für die Elbezeit GmbH allenfalls etwas Balsam auf die Seele. Für das Tochterunternehmen der Sächsischen Dampfschifffahrt geht es in diesen Wochen um alles oder nichts, nach dem der Mutterkonzern am 3. Juni Insolvenz beantragen musste.

Das Problem: Während sich viele Menschen gerade motiviert fühlen, die Dampfschiffahrt als Kulturschatz zu bewahren, wird die Elbezeit GmbH meist nur am Rande erwähnt. 

Elbezeit, das klingt nach einem Gläschen Sekt und einer Brezel auf Deck. "Wenn Leidenschaft kocht" ist auf der Homepage des 2014 gegründeten Unternehmens zu lesen. Oder einfach "Lieblingsessen". Zunächst bekochte man nur die Dampfergäste, doch die Expansion folgte bald darauf: 2015 übernahm Elbezeit die Gastronomie am Flughafen, ein Jahr später stieg man als Pächter im Zoo ein.

Das die beiden Marken untrennbar miteinander verbunden sind, zeigt schon eine Personalie: Der Chef von Elbezeit, Jeffrey Pötzsch, ist seit April gleichzeitig neben der scheidenden Karin Hildebrand zweiter Geschäftsführer bei der Sächsischen Dampfschiffahrt.

Fast wie aus der Bierwerbung: Elbezeit-Chef Jeffrey Pötzsch glaubt fest daran, dass Dampfer-Gäste auch in Zukunft ihre frisch Gezapftes bestellen können.
Fast wie aus der Bierwerbung: Elbezeit-Chef Jeffrey Pötzsch glaubt fest daran, dass Dampfer-Gäste auch in Zukunft ihre frisch Gezapftes bestellen können. © Sven Ellger

Der 48-Jährige mag das Wort "Schieflage" nicht. Er spricht lieber von einem "finanziellen Engpass" und lächelt auch in diesen Zeit noch gern. Tatsächlich hat er ganz aktuell auch Grund dazu: An diesem Mittwochvormittag ist die Fahrt des Dampfers "Dresden" in Richtung Pillnitz gut gebucht. Rund 150 Gäste stehen schon vor dem Anleger Schlange. So lange die Corona-Auflagen gelten, dürfen maximal 200 auf das Schiff.

Die Gastronomie auf den Dampfern läuft vorerst im Corona-Modus: Die Angestellten tragen Mundschutz, statt Tellergerichten gibt es Selbstbedienung. Der Renner ist gerade das Laugenbrötchen mit Käse.

Nachdenklich schaut Pötzsch, wie unter ihm die ersten Gäste über die Brücke laufen. Dann sagt er: "Diese Dampfer haben zwei Weltkriege, eine Wirtschaftskrise und mehrere Hochwasser überlebt. Deswegen werden sie auch weiterhin auf der Elbe fahren." 

Die grundsätzliche Entscheidung, Dampfschifffahrt und Gastronomie so eng zu verzahnen, würde er immer wieder so treffen. "Und genauso richtig war es, Elbezeit so breit aufzustellen", sagt Pötzsch. Gerade durch den Zoo, den Flughafen und zuletzt den Ausbau des Catering-Geschäfts habe man ja dazu beigetragen, den Betrieb stabiler und weniger anfällig für äußere Einflüsse zu machen. Mal abgesehen von Corona. 

Während die Dampfer zuletzt wieder anfuhren und das Geschäft im Zoo längst wieder brummt, bleibt die Gastronomie auf dem Flughafen vorerst geschlossen. Der Neustart wurde gerade noch einmal verschoben. Aber er wird kommen und gelingen, daran zweifelt niemand. Dennoch, so Pötzsch, sei man "von Wirtschaftlichkeit derzeit noch weit entfernt".

Ein Gesicht der Hoffnung  ist Daniel Triebel. Typ: Jung, dynamisch, selbstbewusst. Seit vier Jahren leitet er die Gastronomie im Zoo, nachdem er zuvor Erfahrungen im Hilton gesammelt hatte. Seine Erfolge sprechen für sich: Bis zur Coronakrise konnte er stetig wachsende Umsätze verbuchen. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 8 auf 18. "Wir haben hier eine Menge aufgebaut, darauf können wir stolz sein", sagt der 33-Jährige. 

Dasselbe gilt für die Corona-Schutzmaßnahmen, die das Ordnungsamt beim Überraschungsbesuch Anfang Juni als tadellos lobte. Beschilderungen, Spuckschutz und Besteckausgabe - alles top! Dass die Krise ihn am Ende wohl zwischen 300.000 und 400.000 Euro Umsatz gekostet hat, sei ärgerlich, aber mit Kurzarbeit und einer umsatzabhängigen Pacht haben man zumindest gleichzeitig auch die Kosten deutlich reduzieren können. 

Gegessen und getrunken wird immer

Die Jahresplanungen seien damit natürlich trotzdem Makulatur. Allein mit Ostern, Dixieland und dem Kindertag seien einige der umsatzstärksten Tage des Jahres weggefallen. "Jetzt freue ich mich nur noch auf den Tag, an dem ich mal 24 Stunden nichts von Corona höre", sagt Daniel Triebel und lacht.

Fast beiläufig erwähnt er dann, dass die Krise für Elbezeit womöglich gerade erst anfangen haben könnte. "Vielleicht ist hier in zwei Monaten Schluss, sagt er. "Das wäre Scheiße." Die Unsicherheit wolle sich aber im Tagesgeschäft niemand anmerken lassen. "Wenn das Tor dort offen ist, verdiene ich Geld", sagt Triebel und zeigt auf den Zooeingang. Alles andere liege nicht in seiner Macht. 

Wenn Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sein Versprechen einhält und der Dampfschifffahrt hilft, dann würde er im selben Zuge auch der Elbezeit GmbH eine Zukunft schenken.

Geschäftsführer Jeffrey Pötzsch sieht jedenfalls keinen Grund zur Panik. "Elbezeit hat bis auf das vergangene Jahr immer schwarze Zahlen geschrieben", betont er.  "Und gerade im Catering-Bereich steckt noch großes Potenzial." Nun muss er nur noch die Zeit bekommen, dieses Potenzial auch auszuschöpfen.

Und wenn nicht? Ein Ende der Dampfschiffahrt in Dresden ist für Pötzsch undenkbar, deswegen bleibt er zumindest nach außen hin entspannt. "Und auch ein neuer Investor wird Leute brauchen, die sich mit Gastronomie auskennen. Ob das dann dann am Ende Elbezeit heißen wird oder anders, das ist doch nicht entscheidend." 

Auch um seine insgesamt rund 50 Mitarbeiter im Zoo und am Flughafen ist ihm nicht bange. "Die werden weiterhin gefragt sein", sagt er und setzt die Kaffeetasse an die Lippen. "Daran gibt es keinen Zweifel." Ganz nach dem unerschütterlichen Gastronomiegesetz: Gegessen und getrunken wird immer.

"Sie sind nicht das Gesundheitsamt!"

Im Dresdner Zoo prüft Daniel Triebel unterdessen, ob er endlich wieder von den teuren Ketchup- und Senftütchen auf die großen Spender umstellen kann. "Letztlich sitzen wir doch gerade alle in einem Boot", sagt er. Nur die Qualität dürfe nicht leiden, aber da vertraut er ganz auf seinen Küchenchef René Heidig. Der plant, schon den Zoobesuchern schon bald wieder die Vor-Corona-Speisekarte anzubieten.

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Vielleicht wird das dann auch den einen oder anderen unentspannten Gast besänftigten, der die aktuellen Corona-Beschränkungen nur noch schwer akzeptieren will. "Susann Engel müssen ständig Leute ermahnen, doch bitte an die Maske und die Abstände zu denken", sagt Susann Engel vom Pinguin Café. Nicht selten bekomme sie dann Sätze zu hören wie: "Sie brauchen uns gar nichts sagen" oder "Sie sind nicht das Gesundheitsamt."

Ein Grund mehr, das Ende der Krise herbeizusehnen. Genauer: Das Ende der Corona-Krise. Die andere bleibt für die Besucher vorerst unsichtbar. Zum Glück. Und leider.

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