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"Wir haben in Dresden ein Problem mit Rassismus"

Eter Hachmann, Vorstandsvorsitzende des Ausländerrates, über ihre Erfahrungen und was sie sich von den Dresdnern, aber auch von Migranten wünscht.

Eter Hachmann stammt aus Georgien und lebt seit vielen Jahren in Dresden.
Eter Hachmann stammt aus Georgien und lebt seit vielen Jahren in Dresden. © Marion Doering

Dresden. Seit Wochen ist das Thema Rassismus wieder verstärkt in den Debatten und Medien präsent. Auch in Dresden gibt es immer wieder rassistische Angriffe wie zuletzt auf ein Kind und seine Mutter. Im SZ-Gespräch spricht Eter Hachmann, die Vorstandsvorsitzende des Ausländerrates über Vorurteile und schiefe Blicke.

Frau Hachmann, der Tod George Floyds in den USA hat das Problem Rassismus mit aller Dringlichkeit wieder in die Debatten zurückgebracht. Wie groß sind die Schwierigkeiten damit in Dresden?

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Wir haben in Dresden ein großes Problem vor allem mit dem Alltagsrassismus, nicht so sehr mit dem strukturellen Rassismus.

Können Sie das konkreter machen? In welchen Fällen haben Sie oder die Menschen, die Sie als Ausländerrat beraten, Alltagsrassismus erlebt?

Ich kann Ihnen sowohl eigene als auch Erfahrungen unserer Klienten berichten. Eine Klientin war etwa zum Einschulungsgespräch in der künftigen Dresdner Grundschule ihres Kindes, das in Deutschland geboren ist und perfekt Deutsch spricht. Die Lehrerin meinte zu der Mutter, die einen Migrationshintergrund hat, aber seit vielen Jahren in Dresden lebt: "Ihr Kind braucht auf jeden Fall Förderunterricht." Auf die Frage, warum, sagte die Lehrerin, da die Mutter nicht perfekt Deutsch könne, könne es ihr Kind sicher auch nicht. Das ist auf jeden Fall eine Form von Alltagsrassismus. 

Was erleben Menschen mit Migrationshintergrund noch in Dresden?

Mir berichtete ein Arzt, der aus Nigeria stammt und seit Jahren in Dresden als Arzt arbeitet, dass er erleben musste, wie ihm ein älteres Ehepaar im Großen Garten Affenlaute hinterher rief. Oder dass er, wenn er erzählt, dass er im Krankenhaus arbeitet, oft gefragt wird: "Als Reinigungskraft?" So als sei es selbstverständlich, dass ein Mann mit dunkler Hautfarbe kein Arzt sein kann. Ein großes Problem ist auch die Wohnungssuche.

Welche Schwierigkeiten gibt es dabei?

Wer sich in Dresden für eine Wohnung bewirbt mit einem ausländisch klingenden Namen wird sehr oft abgewiesen. Das hören wir immer wieder in unseren Beratungen und im Freundeskreis. Vor allem in den Innenstadtvierteln. Und dann haben sie oft nur in Prohlis und Gorbitz eine Chance auf eine Wohnung. Es gibt aber auch positive Erlebnisse.

Welche sind das?

Es gibt viele Menschen, welche Migranten kostenfrei begleiten, sie unterstützen und wie eigene Familienmitglieder behandeln. Ich habe eine Frau kennengelernt, welche eine mittlerweile abgeschobene Familie aus Tschetschenien wie eigene Familie behandelt und sich jeden Tag mit den Kindern schreibt. 

Sie sagten, auch Sie persönlich erleben Rassismus. Was ist Ihnen schon passiert?

Ich erlebe oft schiefe Blicke oder fiese Kommentare, wenn ich zum Beispiel mit meiner Familie in der Straßenbahn georgisch spreche. Oder als ich bei einem Arztbesuch auf die Frage, was ich beruflich mache, geantwortet habe "ich bin gerade mit meiner Promotion fertig", der Arzt sagte, das hätte er mir nicht zugetraut. 

Wo sehen Sie die Ursachen dafür, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund schon Erfahrungen mit Rassismus in Dresden machen mussten?

In Dresden sind Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben oder Kopftuch tragen, nach wie vor selten im Straßenbild zu sehen. Vor allem meine ich Behörden, Angestellte und Politiker, man erlebt die Menschen mit Migrationshintergrund nur von einer "Seite".  Universitäten und Behörden werden meist von weißen Männern geleitet. Ausländer sind seltener zu sehen und daher werden sie oft als fremd wahrgenommen, es herrscht Unsicherheit. Bei einigen kommt dann noch Neid auf die vermeintliche Sonderbehandlung von "Ausländern" dazu. Wir müssen davon wegkommen und hin zu mehr Toleranz. Wir sind doch alle irgendwo auf der Welt Ausländer.

Was wünschen Sie sich von der Dresdner Gesellschaft?

Jeden so zu nehmen, wie er ist. Natürlich sprechen nicht alle Migranten perfekt Deutsch, dafür sprechen sie ihre Muttersprache perfekt. Sensibler Umgang mit der Sprache und auch mit den Menschen wäre sehr wichtig. Und dass die Menschen mehr darüber nachdenken, bevor sie sagen: Du sprichst aber gut Deutsch! Wer in Deutschland geboren ist und nur vielleicht eine dunklere Hautfarbe hat, wird sich darüber wundern und sich nicht willkommen fühlen. Oder Kindern, die vielleicht dunkle, lockige Haare haben, nicht einfach ungefragt darin herumwuscheln.  

Und was wünschen Sie sich von den Migranten?

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Die allermeisten sprechen sehr gut Deutsch. Doch bei manchen wünsche ich mir noch ein wenig mehr Engagement für einen Deutschkurs, auch wenn die Plätze hier sehr rar sind. Auch über Praktikumsplätze lassen sich sehr gut Kontakt knüpfen und die Deutschkenntnisse im Alltag sehr verbessern. Letztens hatte ich mich mit ein paar Damen aus Ägypten unterhalten und wir haben festgestellt, dass wir alle in der Öffentlichkeit Angst davor haben, etwas falsch zu machen und dadurch aufzufallen. Doch Fehler sind menschlich, aber wenn jemand Sie schlecht behandelt und meint, Sie würden nicht zur dieser Gesellschaft passen, dann ist das sein Problem. Als Vorstandsvorsitzende vom Ausländerrat würde mich über Mitgliedschaftsanfragen und Interesse für unseren Verein sehr freuen, wir sind auf die Unterstützung der Gesellschaft angewiesen. 

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