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"Mobbing gab es damals schon"

Wie der kleine, bewegende Film einer Dresdnerin seinen Weg auf die große Leinwand findet.

Filmemacherin Ulrike Janello spürt mit ihrer Kamera Schmetterlingen in der Natur ebenso nach wie selten gewordenem Handwerk und kritischen Themen der Gesellschaft.
Filmemacherin Ulrike Janello spürt mit ihrer Kamera Schmetterlingen in der Natur ebenso nach wie selten gewordenem Handwerk und kritischen Themen der Gesellschaft. © Sven Ellger

Diese kippenden Buchstaben, diese holprige Schrift haben Ulrike Janello neugierig gemacht. Sie fand den Brief in einem Nachlass, geschrieben von einem Mädchen an ihren Vater. Viele Rechtschreibfehler entdeckte die Finderin darin. Der größte Fehler aber lag darin, dass diese traurigen Zeilen überhaupt nötig geworden waren.

Als Mutter, Oma und Frau am Puls der Zeit weiß sie, dass Schulangst und Hänselei ein aktuelles Thema sind. Doch als dieses Mädchen so ungelenk ihr Leid beschrieb, stand Ausgrenzung noch nicht im Fokus der Diskussion an Schulen, in Firmen, in der Gesellschaft. Aber: „Mobbing gab es damals schon“, sagt Ulrike Janello.

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Seit etwa 20 Jahren sitzt sie regelmäßig am Stammtisch leidenschaftlicher Videofilmer in den Räumlichkeiten der Volkssolidarität. „Dort tauschen wir uns aus, können Fragen an andere Filmer loswerden und über die neueste Technik sprechen“, erzählt die 71-Jährige. Das Wirken der meisten Mitstreiter dreht sich um Urlaubsfilme für Familie und Freunde. Ulrike Janello hält auch gern Reiseeindrücke fest. Viel mehr aber interessieren sie Themen, die ihr in ihrem Viertel und in der ganzen Stadt begegnen. Handwerker und Künstler hat sie schon porträtiert. Geduldig lag sie für einen Naturfilm auf der Lauer, um Schmetterlinge zu filmen.

Tinte auf vergilbtem Papier

„Ich habe immer meinen Fotoapparat dabei, um festzuhalten, was mir begegnet.“ So ist die Seniorin alles in einem: Themenscout, Produzentin, Regisseurin, Kamerafrau, Texterin und Sprecherin. Sie schneidet ihr Filmmaterial selbst und unterlegt es mit Musik. Für all das hat sie sich über die Zeit jede nötige Technik angeschafft und bei der Volkshochschule Kurse dafür belegt. „Man muss immer dazulernen.“

Als ihr dieser Brief in die Hände fiel, war Ulrike Janello sofort klar: Daraus muss ich einen Film machen. Doch sie hatte nichts, als etwas Tinte auf vergilbtem Papier und eine Ahnung, was der Verfasserin widerfahren ist. Vermutlich wegen eines Ärgers mit ihrem Vater, der unzufrieden über die schulischen Leistungen seiner Tochter war, erklärte sie sich ihm. Das Mädchen schrieb von Schikanen in der Schule und ihren Ängsten, sich Mitschülern und Lehrern überhaupt noch auszusetzen.

Um einen Kurzfilm zu produzieren, brauchte Ulrike Janello jedoch filmische Bilder, die dem Zuschauer das Geschehen darstellen. „Ich habe meinen Enkel gebeten, die Handschrift des Mädchens einzuüben und den Brief nachzuschreiben“, erzählt sie. Dabei filmte sie seine Hand und versetzte die kleine Szene auch optisch in eine frühere Zeit. Die Tochter einer Bekannten bat Ulrike Janello, bestimmte Sequenzen nachzuspielen. So entstand ausreichend Material für einen sehr bewegenden Film. Drei Minuten ist er lang und heißt „Der Brief“.

Kinoprogramm in der WG-Küche

Am 17. Dezember, 10.30 Uhr, wird er im Rahmenprogramm des deutschlandweiten Kurzfilmtages zu sehen sein. Der findet am 21. Dezember, kurz vor Wintersonnenwende, am kürzesten Tag des Jahres statt. Zum regulären Angebot von rund 150 Kurzfilmen gehören Spezialprogramme, die rund um diesen Filmmarathon geplant sind, unter anderen ein Seniorenprogramm. Professionelle Verleiher und private Cineasten haben die verschiedensten Kurzfilmpakete geschnürt. Wer sie ausstrahlen will, kauft sie, ganz gleich, ob offizielle Kinos, größere und kleine Veranstalter, Pflegeheime oder Studenten-WGs, die zu sich in ihre Wohnküche mit Videoleinwand einladen.

Die Filme für Senioren haben Senioren ausgewählt. Ulrike Janello gehörte zur Sichtungskommision, die insgesamt acht Filme nominierte. Dass nun „Der Brief“ als neunter angekündigt ist, verdanken er und seine Urheberin den Veranstaltern des Kurzfilmtages in Dresden. Er sollte gesehen werden, finden sie. Einem jüngeren Publikum hätte er auch etwas zu sagen.

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„Der Brief“, zu sehen im Seniorenprogramm des Kurzfilmtages, am 17. Dezember, 10.30 Uhr, Filmtheater Schauburg. Das Programm ist 62 Minuten lang, Eintritt: 5 Euro. www.kurzfilmtag.com

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