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Sachsen

Wie schützt man Kinder im Verein vor Belästigung?

Die Beratungsstelle Shukura hilft dabei, Kinder besser zu schützen. Wie zum Beispiel bei der Parkeisenbahn Dresden.

Der Fall eines missbrauchten Jungen bei der Parkeisenbahn erschütterte Dresden vor zweieinhalb Jahren.
Der Fall eines missbrauchten Jungen bei der Parkeisenbahn erschütterte Dresden vor zweieinhalb Jahren. ©  Robert Michael

Die Täter agieren in Schulen, Kirchen, Vereinen und missbrauchen Kinder und Jugendliche ohne Rücksicht auf die Opfer. In der jüngeren Geschichte hat wohl kaum ein Fall Ostsachsen so erschüttert, wie der vor zweieinhalb Jahren aufgedeckte Missbrauchsskandal bei der Dresdner Parkeisenbahn. Ein Ausbilder hatte jahrelang einen Jungen missbraucht, weitere Parkbahner fielen mit sexuellen Kontakten zu Minderjährigen oder Grenzverletzungen auf – während die Verantwortlichen wegschauten. Nun soll ein Kinderschutzkonzept Übergriffe möglichst verhindern.

So etwas sollte es in allen Vereinen, Jugendtreffs und Schulen geben, sagt Heike Mann von der Dresdner Beratungsstelle Shukura, die das Kinderschutzkonzept der Parkeisenbahn mit entwickelt hat. Die 48-Jährige leitet die Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt zur Vorbeugung sexualisierter Gewalt an Jungen und Mädchen. Shukura ist arabisch, heißt übersetzt „Du bist einzigartig“ und steht seit 20 Jahren für die Rechte von Kindern auf Schutz vor Gewalt, Misshandlung und sexuellem Missbrauch.

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Überall, wo Erwachsene mit Kindern zu tun haben, sie betreuen oder ausbilden, gibt es ein Risiko für Übergriffe. Schutzkonzepte sollen das minimieren – mit klaren Regeln, Ansprechpartnern und Handlungsleitfäden. Mit Risikoanalysen, die verletzliche Stellen einer Institution benennen.

Statistisch gesehen sind in jeder Schulklasse zwei Missbrauchsopfer, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und geht für Deutschland von einer Million betroffenen Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. „Wenn man das mal auf Dresden hochrechnet, sind das ganz andere Dimensionen“, sagt Heike Mann. „Der Bildungs- und Erziehungsauftrag ist gleichzeitig ein Schutzauftrag, deshalb darf nicht mehr optional sein, sich damit zu beschäftigen.“ Bislang können Schulen sich mit dem Thema auseinandersetzen, müssen es aber nicht. Allerdings brauche es dafür langfristig deutlich mehr Weiterbildung für Lehrer und Erzieher. „Das gilt auch für Richter an Straf- und Familiengerichten, die brauchen für diese Themen mehr Fachkenntnis und Urteilsfähigkeit“, sagt Mann. Die Statistik gibt der Shukura-Chefin recht. Immer mehr Fälle werden angezeigt. 2018 stieg ihre Zahl gegenüber dem Vorjahr um rund sieben Prozent auf über 12.000 bundesweit. In Sachsen wurden dem Landeskriminalamt zufolge rund 700 Fälle angezeigt. Ein knappes Drittel davon entfällt auf Dresden, Leipzig und Chemnitz. Die Dunkelziffer liegt jedoch deutlich höher.

Heike Mann leitet die Beratungsstelle "Shukura" in Dresden.
Heike Mann leitet die Beratungsstelle "Shukura" in Dresden. © Tobias Wolf

15 bis 20 unentdeckte Fälle kommen auf eine Anzeige, schätzt Shukura-Leiterin Mann. Dies zeige deutlich: Es sind keine Einzelfälle. „Für manche Kinder ist sexueller Missbrauch alltäglich wie für andere das Zähneputzen, manche erleben das über einen längeren Zeitraum, andere nur einmalig.“ Um Missbrauch zu erkennen, brauche es Erwachsene, die entsprechend geschult sind. Das betreffe vor allem Lehrer, Betreuer, Erzieher, Sozialarbeiter, Trainer in den Vereinen, aber auch Juristen. Kurz: Menschen, die die Dynamik von sexuellem Missbrauch erkennen können und willens sind, den nötigen Schutz für Kinder herzustellen, sagt Heike Mann. Menschen, die Verhaltensänderungen bei Kindern nicht einfach abtun, sondern genau hinschauen, die die Strategien der Täter kennen.

Aber auch sexualpädagogische Konzepte seien laut der Shukura-Expertin nötig, vor allem in Schulen. „Es muss eine Art sexuelle Aufklärung geben, bevor man überhaupt mit Kindern über Missbrauch reden kann.“ Das Erste, womit die meisten Kinder zum Thema Sexualität konfrontiert sind, seien eben Missbrauchsthemen.

Politische Kampagnen gegen eine vermeintliche Frühsexualisierung, wie sie etwa von der AfD ausgehen, stünden der Prävention gegen Missbrauch entgegen, sagt Heike Mann. „Wenn man Kinder nicht aufklärt, hat auch Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt nur eine begrenzte Wirkung.“

Shukura hat Rollenspiele, Theaterstücke und spezielle Schulstunden entwickelt, um die Kinder zu sensibilisieren. Dazu gibt es Sprechstunden, in denen sich Kinder auch manchmal offenbaren. 2018 gab es so einen Fall. Eine Neunjährige hatte sich den Fachberatern anvertraut und berichtet, dass der getrennt von der Mutter lebende Vater sie immer wieder anfasst. Das Mädchen hatte Angst vor der Reaktion der Mutter und deshalb nie mit ihr darüber gesprochen. Shukura kontaktierte daraufhin das Jugendamt und die Mutter, die positiv reagierte. Gegen den Vater läuft inzwischen ein Strafverfahren.

Erwachsene Täter stammen meist aus dem direkten Umfeld, der Familie, dem Freundeskreis, Schulen oder Vereinen. Sie bauen Vertrauen auf und schaffen mit Geschenken und vermeintlichen gemeinsamen Geheimnissen Abhängigkeiten, bevor sie zuschlagen. Die Opfer leiden ein Leben lang darunter.

In der Politik spielt das Thema kaum eine Rolle – es sei denn, ein Skandal erschüttert mal wieder das Land. „Kinderschutz hat keine richtige Lobby“, sagt Berndt Eberhardt von der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung bei der Jubiläumsveranstaltung „20 Jahre Shukura“ in Dresden. Viele Familien müssten 80 oder 100 Kilometer fahren, um Experten zu treffen. In Sachsen gibt es nur fünf Beratungsstellen.

Allein in Dresden und Umgebung gebe es deutlich mehr Bedarf, als Shukura bedienen könnte, so Eberhardt. Dazu kommen überregionale Anfragen für Seminare und Beratungen. Die Fachstelle hat sich längst bundesweit einen Ruf als schlagkräftige Expertentruppe erarbeitet.

Johannes-Wilhelm Rörig ist Beauftragter der Bundesregierung zum Thema Kindesmissbrauch
Johannes-Wilhelm Rörig ist Beauftragter der Bundesregierung zum Thema Kindesmissbrauch © Tobias Wolf

Diese Bedeutung der Dresdner sieht auch Johannes-Wilhelm Rörig, der Beauftragte der Bundesregierung zum Thema Kindesmissbrauch. Er prangert die „unerträgliche Unterfinanzierung“ solcher Beratungsstellen an. „Sie müssten dauerhaft gesichert werden und nicht noch dauernd um ihr Geld kämpfen müssen“, sagte Rörig in Dresden. So werden etwa die Fördermittel für die Stellen der Shukura-Mitarbeiterinnen jedes Jahr immer wieder neu vom Jugendhilfeausschuss des Stadtrats bewilligt – zuletzt am vergangenen Donnerstag.

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Wie in den Jahren zuvor gewährte der Stadtrat Shukura für die Jahre 2019 und 2020 nur 3,25 Vollzeitstellen, obwohl vier beantragt worden sind. Tatsächlich gebraucht würden deutlich mehr, sagt Shukura-Chefin Heike Mann, deren Mitarbeiterinnen alle nur in Teilzeit beschäftigt seien.

Für den Beauftragten der Bundesregierung steht fest: „Wer am Kinderschutz spart, betreibt keine gute Politik.“ Kinder und Jugendliche würden in Deutschland auch im Jahr 2019 noch zu Tausenden missbraucht und vergewaltigt, sagt Rörig.

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