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Dresden

Wenn die Schule ein sozialer Brennpunkt ist

Die 107. Oberschule geriet nach einer Schlägerei in den Fokus. Zwei Sozialarbeiter über ihre Erfahrungen mit den Kindern. 

Petra Geike und Simeon Borszik von Teach First Deutschland arbeiten an Problemschulen in Dresden.
Petra Geike und Simeon Borszik von Teach First Deutschland arbeiten an Problemschulen in Dresden. © Marion Doering

Schlägereien, sozialer Brennpunkt, Kinder mit Lernschwierigkeiten – die 107. Oberschule in Gruna kämpft gegen ihr schlechtes Image. Nicht zuletzt seit im März mitten am Tag ein Lehrer niedergeschlagen wurde. Der Fall erregte viel Aufmerksamkeit. Die Polizei ermittelte inzwischen den Täter. Auch als das Opfer schon am Boden lag, wurde es weiter geschlagen, so das Ministerium. Erst nachdem der zweite fremde Erwachsene eingriff, verließen alle drei das Schulgelände.

Einer, der weiß, wie es an der Schule zugeht, ist, Simeon Borszik. Der 33-Jährige ist als sogenannter Fellow des Projektes Teach First an der Schule. Er fungiert als eine Mischung aus Sozialarbeiter, Freund und Lehrer – besonders für die Kinder, die Unterstützung brauchen. Angestellt bei Teach First, arbeitet er zwei Jahre in Gruna. „Die Schule ist ein sozialer Brennpunkt, wir haben rund 45 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund hier“, so Borszik.

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Neben den unterschiedlichen Deutschkenntnissen gibt es auch Kinder von Alleinerziehenden oder aus armen Elternhäusern. „Den Lehrern fehlt bei allem Engagement einfach oft die Zeit, auf alle Kinder intensiv einzugehen“, so der Sozialarbeiter. Dort beginnt seine Arbeit. Er hat 10 bis 15 sogenannte Fokusschüler. Also Kinder, die Unterstützung brauchen und denen er hilft. „Einer meiner Schüler zog zum Beispiel mit 14 Jahren zu Hause aus, weil es Probleme mit den Eltern gab. Er lebt jetzt in einer Wohngruppe“, erzählt er. Statt sich um Hausaufgaben zu kümmern, sei dieser Schüler damit beschäftigt, sein Leben allein zu regeln und mit der familiären Situation klarzukommen. Scheinbar alltägliche Dinge wie Brote für die Schule zu schmieren oder die Schulbücher pünktlich mitzubringen, überfordern Schüler wie diesen manchmal.

Der 33-Jährige hilft seinen Schützlingen sowohl bei den Hausaufgaben als auch bei Problemen mit den Mitschülern. Einer seiner Tricks, um die Kinder in eine Gruppe zu integrieren, ist Jugger. Bei der Sportart, eine Mischung aus Rugby und Rollenspiel, geht es um Teamgefühl und Verantwortung. Das sieht auch seine Kollegin Petra Geike so, die über das Teach-First-Programm an der 8. Grundschule in Pieschen arbeitet. Auch sie erlebt, dass gemeinsame Aktivitäten helfen, damit die Kinder Vertrauen zu ihr aufbauen. „Einer meiner Schüler ließ zuerst überhaupt nicht mit sich reden, doch als wir über Computerspiele sprachen, konnte ich ihn knacken“, erzählt sie. Auch in Pieschen gibt es einige Schüler mit Migrationshintergrund. Um diese kümmert sich die 36-Jährige ebenso wie um Kinder, die noch Schwierigkeiten mit dem Schulstoff haben. „Eine meiner Schülerinnen kam 2106 aus dem Iran nach Dresden, sie hat durch die Flucht drei Jahre Schulzeit verpasst, aber besucht jetzt trotzdem die 8. Klasse“, berichtet sie. Ihr hilft sie unter anderem beim Deutschlernen. Durch die fehlenden Sprachkenntnisse erlebe das Mädchen oft Ausgrenzung und Häme. Genauso haben aber auch deutsche Mädchen und Jungen Probleme, im Unterricht mitzukommen. „Ein Junge, den ich betreue, ist hyperaktiv und kann sich schlecht konzentrieren. 45 Minuten still sitzen, schafft er kaum“, erzählt Petra Geike. Der Zweitklässler bekommt daher oft noch Aufgaben aus der ersten Klasse.

Zu den Aufgaben der beiden Sozialarbeiter zählt es auch, mit den Schülern über Drogen und Gewalt zu sprechen. Denn das ist tatsächlich zunehmend ein Problem an den Schulen. Doch nicht nur die Gewalt gegen Lehrer in der Schule ist ein Thema, sondern auch die Straftaten im Umkreis von Schulen. Während die Dresdner Polizei keine Brennpunktschulen benennen kann oder will, listet das Kultusministerium mehrere Straftaten im Umkreis der 107. Oberschule auf. Unklar bleibt jedoch, ob diese alle etwas mit der Schule zu tun haben oder einfach nur in deren Nähe geschehen. Demnach gab es zwischen 2015 und März 2019 insgesamt 49 Straftaten. Darunter sind Vergehen wie Körperverletzung, Misshandlung Schutzbefohlener, Bedrohung, Nötigung und Drogendelikte. Bei den 49 Straftaten rund um die 107. Oberschule waren laut Kultusministerium 47 Opfer gemeldet worden. Sieben davon seien Lehrer, neun Schüler. Zu den übrigen gibt es keine Angaben. In 35 Fällen stammen die Täter aus Deutschland. Mit großem Abstand folgt Syrien mit 16 Tätern.

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