merken
PLUS

Dresden

Ich war ein Baby in der Wochenkrippe

Mindestens 10.000 Dresdner Kinder haben ihre ersten Lebensjahre in Wochenkrippen verbracht. So wie Rita. Sie lässt das bis heute nicht los.

Fotos aus ihren Kindertagen: Rita ist darauf anderthalb, zwei Jahre alt. Die Bilder entstanden an Wochenenden, wenn sie bei ihren Eltern zu Hause war.
Fotos aus ihren Kindertagen: Rita ist darauf anderthalb, zwei Jahre alt. Die Bilder entstanden an Wochenenden, wenn sie bei ihren Eltern zu Hause war. © Sven Ellger

Wer Antworten will, muss rechtzeitig fragen. Dass es zu spät werden könnte, Dinge zu verstehen, das ist Rita über die Jahre immer bewusster geworden. Schon jetzt kann ihre Mutter manches Gespräch nicht mehr führen. Das Gedächtnis verlässt sie. Die Vergangenheit verschwimmt. Was ihre Tochter von früher wissen will, bleibt womöglich verborgen.

Wie war das damals mit der Wochenkrippe? Was könnt ihr heute noch darüber erzählen? Warum habe ich dort so viel Zeit verbracht? Diese Fragen hat Rita ihren Eltern im rechten Moment gestellt – und Antworten bekommen: Dass es 1962 kein Babyjahr gab, wie heute. Dass Vater bei der Polizei nicht genug Geld für eine vierköpfige Familie verdiente. Dass Mutter wieder arbeiten gehen musste und wollte. Dass es keinen Platz in einer normalen Kinderkrippe gab und die Eltern deshalb diesen für ihre Tochter annahmen. „Meine Mutter war noch sehr jung, gerade mal 21 Jahre, als ich geboren wurde. Ich denke, sie hat sich gar nicht so viele Gedanken gemacht“, sagt Rita. Außerdem galten Wochenkrippen zu dieser Zeit als normal.

Anzeige
Lust auf neue Kunden?

Wie Sie mit der sz-Auktion gleich doppelt gewinnen und was Sie dafür tun müssen.

Mindestens 10.000 Dresdner Kinder haben wie Rita ihre ersten Lebensjahre in Wochenkrippen verbracht. Während der 1960er Jahre kamen sie im Alter von sechs Wochen dorthin und blieben in aller Regel bis zum dritten Lebensjahr. Montags brachten ihre Mütter oder Väter sie in die Einrichtung, freitags, oft auch erst sonnabends holten sie sie wieder nach Hause. Ritas Mutter, ursprünglich Werksarbeiterin, bewarb sich in der Wochenkrippe ihrer Tochter als Köchin und begann dort zu arbeiten. Auf diese Weise konnte sie ihrem Kind näher sein als andere Mütter. „Es gibt noch Fotos, darauf sind mehrere Frauen beim Spaziergang mit Kinderwagen zu sehen. Auch meine Mutter ist dabei.“

Sie habe erzählt, dass sie oft beim Füttern, Wickeln oder Ausfahren der Kleinen helfen durfte. Abends daheim brachte sie Ritas zwei Jahre älteren Bruder zu Bett. Für ihn gab es einen Platz in der Tageskita. Rita blieb in der Wochenkrippe. „Ich frage mich, ob ich das als Kleinkind intuitiv gespürt habe.“

Wie wichtig eine kontinuierliche Beschäftigung der Eltern mit ihrem Kind ist, zu dieser Erkenntnis kamen in der DDR Kinderärzte, Psychologen und Erzieher zwar zunehmend. Doch lange standen die ökonomischen Zwänge der Nachkriegszeit im Vordergrund: Frauen sollten lieber voll arbeiten, auch im Schichtdienst, statt mit ihren Kindern zuhause zu bleiben. Dafür schuf der Staat mit der Tages- und Wochenbetreuung die Voraussetzungen.

Von ihrer Mutter weiß Rita, dass sie gern arbeiten ging. „Auch mir sind meine Arbeit und die Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen, immer sehr wichtig gewesen“, sagt sie. Trotzdem wäre für sie als Mutter eine Wochenkrippe undenkbar gewesen. Zunächst war sie in der Verwaltung angestellt und zog nach der Wende vorübergehend in die alten Bundesländer. Dort galt ihre Berufsausbildung jedoch nichts mehr. „Wer da eine Arbeit wollte, wie ich sie im Osten hatte, brauchte dafür einen Studienabschluss, den konnte ich ja nicht vorweisen.“ Rita nahm das Aus als Chance und ergriff einen neuen, ganz anderen Beruf. Sie ließ sich zur Kosmetikerin ausbilden und eröffnete ihr eigenes Studio.

„Ab dem 50. Lebensjahr verändert sich vieles“, sagt Rita. Jetzt ist sie 57 Jahre alt, ihre Tochter hat das Haus längst verlassen und eine eigene Familie gegründet. Der Job verlangt keine tägliche Behauptung mehr ab. Im Alltag ist mehr Raum für Rückschau. Jahrzehntelang haben sich Wissen und Erfahrungen angehäuft. Sie verändern den Blick auf die eigene Biografie, stellen manches infrage: Würde ich alles noch einmal so machen, wie ich es getan habe? Warum habe ich mich so verhalten, entschieden, entwickelt? „Ich gehe den Dingen gern auf den Grund“, sagt Rita.

Wenn sie unter all den inneren Bildern nach den allerersten ihres Lebens sucht, sieht sie sich auf einem Spielplatz spielen. Die früheste Kindheitserinnerung ist eine fröhliche. Klettergerüst und Sandkiste. „Ich erinnere mich an eine glückliche Kindheit.“ An die drei Jahre in der Wochenkrippe erinnert sie sich nicht. Bleibende Eindrücke von später sind Urlaubsreisen mit ihren Eltern, Bruder und Schwester, das Zusammensein der Familie am Weihnachtstag. „Mein Vater ist ein sehr emotionaler Mensch, den solche Momente zu Tränen rühren konnten.“

Was hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin? Die Frage stellen sich viele Menschen irgendwann. Nicht zwingend, weil sie unzufrieden sind, sondern um persönliche Eigenheiten und Entscheidungen der Vergangenheit besser zu verstehen. „Von meiner Mutter weiß ich, dass ich ein trotziges Kind gewesen bin“, sagt Rita.

Dabei erinnert sie sich selbst an Ängstlichkeit: „Ich bin nie gern ins Ferienlager gefahren und habe das nur gemacht, weil es eben so war.“ Heimweh und tiefe Angst vor Verlust, diese schmerzenden Gefühle haben sie immer begleitet. Rita kennt ihren Hang zum Beständigen, zur Verlässlichkeit. Ihre Bereitschaft zur Veränderung hat sie in ihrem Leben ebenso bewiesen – Stärken, die ihr Leben gelingen ließen.

„Ich denke, die Zeit in Wochenkrippen wird nicht spurlos an den Kindern von damals vorübergegangen sein“, sagt Rita. Manche belaste die Vergangenheit bis heute, andere nicht. Darüber zu sprechen, sei wichtig. Als sie von dem Vortrag hörte, den die Historikern Heike Liebsch im September im Stadtarchiv Dresden hielt, griff sie diesen Teil DDR-Geschichte auch für sich auf. „Meine Eltern haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich in der Wochenkrippe war“, sagt Rita. Doch sie wollte mehr darüber erfahren.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

"Es ist ein Schlag ins Gesicht"

Ute Haake hat in drei Dresdner Wochenkrippen gearbeitet. Dort blieben die Kinder über Nacht. Die Kritik an ihrer Arbeit ärgert die Erzieherin sehr.

Symbolbild verwandter Artikel

Kaum Zeit für Streicheleinheiten

Mindestens 10.000 Dresdner DDR-Kinder sahen ihre Eltern nur am Wochenende. Eine Frau arbeitet deren Vergangenheit auf.

So wurde sie eine von den Frauen und Männern aus Dresden, die mit Interviews Heike Liebschs Forschungen zur Praxis der Wochenkrippen in Dresden unterstützten. „Ich finde, das Thema muss beleuchtet werden“, sagt Rita. Sei es, um schwere seelische Probleme zu verstehen. „Oder auch nur, um mit sich selbst im Reinen zu sein.“

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach. 

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.