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Dresdner Erfinder schützt Babys mit neuartigem Kissen

Die SZ stellt Erfindungen von hier vor, die unser Leben verbessern. Teil 10: Cumulino - ein Super-Kissen, das Babys vor dem plötzlichen Kindstod bewahrt. 

Dieses Kissen soll Babys vor dem plötzlichen Kindstod schützen: Weich und sanft wird der Kopf im Schlaf ein wenig gedreht. Im Kissen wird Draht durch Strom von einem Akku erhitzt– verformt sich und verändert die Form des Kissens.
Dieses Kissen soll Babys vor dem plötzlichen Kindstod schützen: Weich und sanft wird der Kopf im Schlaf ein wenig gedreht. Im Kissen wird Draht durch Strom von einem Akku erhitzt– verformt sich und verändert die Form des Kissens. © Matthias Rietschel

Fast erinnert es an Zauberei. Ganz langsam bewegt sich der Kopf der Babypuppe. Doch keiner fasst ihn dafür an, niemand berührt das Kissen, auf dem die Puppe liegt. Trotzdem formt sich eine Beule aus dem Stoff. Und schwups, das Püppchen schaut plötzlich nicht mehr länger nach oben, sondern zur Seite. 

Für diesen magischen Moment sorgt ein kleiner Draht im Kopfkissen. Kein normaler, sondern einer mit Gedächtnis. Trainiert hat ihn Lukas Boxberger mit seinem Team. Sie wollen mit ihrer Erfindung in Zukunft kleinen Babys helfen.

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Die Angst vor dem plötzlichen Kindstod ist allgegenwärtig. Früher legten Eltern ihre Kinder zum Schlafen auf den Bauch. Seit das als Risikofaktur für den Kindstod gilt, wird die Rückenlage empfohlen. 

Doch diese kann zu Schädelverformungen führen. Manche Kinder kommen mit diesen allerdings schon auf die Welt, weil ihre Lage im Mutterleib dazu führte. Rund 20 Prozent der Kinder im vierten Monat sind von Kopfverformungen betroffen. Das ist nicht nur ein ästhetisches Problem. Später können sie zu kieferorthopädischen Problemen führen, zu Augenveränderungen wie einem Schielen oder zu Verzögerungen in der Entwicklung. Auch eine Minderdurchblutung des Gehirns kann nicht ausgeschlossen werden.

Auf der Oberseite des Kissens formt ein breiter Kunststoffstreifen ein natürliches Tal für den Kopf. Auf der Unterseite sorgt ein Draht dafür, dass das Tal nach rechts oder links wandert und jeweils links oder rechts davon ein kleiner Hügel entsteht, der
Auf der Oberseite des Kissens formt ein breiter Kunststoffstreifen ein natürliches Tal für den Kopf. Auf der Unterseite sorgt ein Draht dafür, dass das Tal nach rechts oder links wandert und jeweils links oder rechts davon ein kleiner Hügel entsteht, der © Matthias Rietschel

Als der Produktdesigner Lukas Boxberger während seines Studiums hört, wie diesem Problem heutzutage begegnet wird, fällt er eine Entscheidung: In seiner Bachelor-Arbeit will er eine Alternative zur gängigen Helmtherapie finden. Bei dieser tragen die Babys in den ersten Lebensmonaten 23 Stunden täglich einen auf sie angepassten Kunststoffhelm. Die Schädelplatten sind in dieser frühen Lebensphase noch weich. Der Helm verhindert, dass herausgewölbte Bereiche weiterwachsen und ermöglicht, dass sich abgeflachte Stellen weiter normal entwickeln. 

„Das ist für die kleinen Kinder allerdings sehr unbequem und warm“, sagt Boxberger. Seine Idee: ein Kopfkissen, das den Kopf des Kindes während dem Liegen regelmäßig zur linken oder rechten Seite dreht. Da gerade Babys sehr viel schlafen, wird so ein ausgeglichenes Kopfwachstum ermöglicht.

Schon während seiner Bachelorarbeit 2014 kooperierte der damalige Student der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle mit dem Dresdner Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU. Der erste Prototyp entstand in Zusammenarbeit mit dem Innovationsnetzwerk smart³, in dem das Dresdner Institut mitarbeitet. 

Auf der Oberseite des Kissens formt ein breiter Kunststoffstreifen ein natürliches Tal für den Kopf. Auf der Unterseite sorgt ein Draht dafür, dass das Tal nach rechts oder links wandert und jeweils links oder rechts davon ein kleiner Hügel entsteht, der den Babykopf in Position hält. Dafür zieht sich der Draht zusammen oder dehnt sich wieder aus. „Ähnlich einem Muskel“, erklärt Boxberger. 

Nur zur Vorführung: Im Kissen wird Draht natürlich nicht mit Feuer, sondern durch Strom von einem Akku erhitzt.
Nur zur Vorführung: Im Kissen wird Draht natürlich nicht mit Feuer, sondern durch Strom von einem Akku erhitzt. © Matthias Rietschel

Möglich wird das durch die Formgedächtnislegierung, aus der der Draht gefertigt ist. Diesem modernen Material kann Boxberger Eigenschaften beibringen. Unter einer bestimmten Temperatur wird der Draht in die Form gebracht, die er später von selbst einnehmen soll. Daran erinnert er sich. Wird er später erwärmt, beginnt die Bewegung in diese Form automatisch. „Dafür müssen wir den Draht mittels Strom einer Batterie einfach leicht erwärmen.“ So zieht der Draht am Kunststoffstreifen und das Kissen-Tal wechselt die Position, der Kopf wird gedreht.

Cumulino nennt der Designer seine Erfindung und spielt damit auf die bauschigen Wolkenformationen am Himmel an, an die die Form des Kissens erinnert. Die Idee überzeugt. Nach seinem Studium geht es deshalb für Lukas Boxberger am Fraunhofer IWU weiter. Das Bundesforschungsministerium fördert die Weiterentwiklung. Um den Wissenschaftler entsteht ein eigenes Projektteam. 

Mit Isabel Schulze und Laura Heine arbeitet er heute daran, Cumulino bis zur Serienreife weiterzuentwickeln. Es geht unter anderem darum, den perfekten Bezug für das Kissen zu finden. Denn schließlich sollen die Babys nicht schwitzen und gut Luft bekommen. „Gerade werden verschiedene Bezüge hergestellt, die wir dann ausgiebig testen wollen“, sagt der Erfinder. Bevor das Kissen allerdings auf den Markt kommen kann, ist erst einmal eine Studie notwendig. Schließlich handelt es sich um ein medizinisches Produkt, da muss alles stimmen.

Lukas Boxberger hat das Babykissen entwickelt. 
Lukas Boxberger hat das Babykissen entwickelt.  © Matthias Rietschel

Mit bis zu drei Kliniken wollen die Forscher zusammenarbeiten. Sie sollen die Entwicklung auf ihren Frühchenstationen nutzen. „Dafür haben wir die Idee, das Kissen zu einer richtigen Matratze zu erweitern.“ Das würde auch den Oberkörper der Kinder bei der Bewegung unterstützen. Pro Klinik sind 30 bis 40 Matratzen geplant. 

Krankenhäuser hätten bisher sehr positiv auf die Neuentwicklung reagiert, erklärt Boxberger. Damit könnten die Babys gleich von Geburt an besser gebettet werden als bisher möglich. Kein Pfleger oder keine Krankenschwester müssten die Kinder regelmäßig nach links oder rechts drehen. Die Matratze aus Dresden würde das vollkommen geräuschlos übernehmen.

Die Vision ist klar: Irgendwann soll die Matratze allen zur Verfügung stehen, die sie benötigen. Deshalb muss sie massenmarkttauglich werden. Auch leichter als die bisherigen Prototypen müssen Kissen und Matratzen werden. Die Forschung an der kleinen Wolke geht weiter, damit sie schnell zur großen Hilfe wird.

Der Elevator-Pitch

Skurriler geht's kaum. 50 Sekunden im Fahrstuhl aufwärts, es bleiben genau elf Stockwerke Zeit, eine wichtige Erfindung oder Idee vorzustellen. Wir haben es bei Sächsische.de im Dresdner Haus der Presse gefilmt. Dann öffnet sich die Fahrstuhltür, und nichts geht mehr. Schnitt, aus. Der Elevator-Pitch mit den Erfindern ist hier im Video zu sehen. Seinen Ursprung hat das Ganze darin: Erst mal muss man eine richtig gute Idee haben, und dann zufällig eine wichtige Person im Fahrstuhl treffen. Es bleibt genau diese Zeit, um von der Idee oder dem Produkt zu überzeugen. Kommt der Fahrstuhl an, verabredet man sich auf einen Termin oder sieht sich zu diesem Thema halt nie wieder.

Erfinder-Meetup

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Die Erfinder treffen, in der Pitch-Show zuhören, mit ihnen reden und die Produkte testen - zum Erfinder-Meetup mit Wissens-Show im Haus der Presse (Dresden, Ostra-Allee 20). Die Dachterrasse vom SZ-Hochhaus mit Blick auf Dresden ist dann geöffnet, und wir stellen erstmals den neuen Newsroom von Sächsische.de und Sächsischer Zeitung vor.

Ankommen, hinschauen, staunen - am 17. Juni im Haus der Presse ab 19 Uhr, Dresden, Ostra-Allee 20.

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