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Bernig-Streit: Du fährst zu oft nach Radebeul

Tellkamp, Böll und der von links bis rechts drehende Zeitgeist. Eine Randnotiz zum Zoff um das Kulturamt.

© Matthias Rietschel

Heinrich Böll, um mal einen Linken zu bemühen, schrieb in den Siebzigern die Erzählung: „Du fährst zu oft nach Heidelberg.“ Sie handelt von einem jungen Mann, der sein Examen bestanden hat und aufs Lehramt hofft. Er hat einen Termin bei einem Regierungsbeamten, Abteilung Kultur, namens Kronsorgeler. Von dem heißt es: „Er war nett, konservativ, aber nett.“

Kronsorgeler druckst herum. Die Prüfung war ausgezeichnet, nur gebe es, „einen einzigen, einen kleinen Fehler“. Der junge Mann fährt oft nach Heidelberg. Dort kümmert er sich um einen Chilenen. Über diesen liegt nun ein Bericht vor, „der nicht sehr günstig ist“. Er, Kronsorgeler, könne das nicht ignorieren: „Ich habe nicht nur Richtlinien, ich bekomme auch telefonische Ratschläge.“

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Das war’s mit der Karriere des jungen Mannes. In den Siebzigern gab es in der Bundesrepublik den Radikalenerlass. Er sollte Extremisten – namentlich Kommunisten – vom öffentlichen Dienst fernhalten. Beschlossen wurde er unter der SPD/FDP-Koalition von Kanzler Willy Brandt.

Fünf Jahrzehnte später tobt in Radebeul ein Streit um den Schriftsteller Jörg Bernig. Dieser soll nach einem Mehrheitsbeschluss des Stadtrats Leiter des Kulturamts werden. Er „gilt“ als „rechts“. Konkreter: In seiner Kamenzer Lessing-Rede 2016 nannte er die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung „eine Form totalitären Denkens“, dessen Ziel der „totale Umbau“ des deutschen Volkes sei.

Wegen solcher Äußerungen empörten sich Kulturschaffende über Bernigs Ernennung. Der Oberbürgermeister legte sein Veto ein. Die Wahl soll wiederholt werden, die Polarisierung sei dem Amt abträglich. Was wiederum Empörung hervorrief bei anderen Kulturschaffenden wie Uwe Tellkamp, sekundiert per offenem Brief von weiteren Prominenten wie Uwe Steimle und zunächst sogar Staatskapellen-Chef Christian Thielemann – der seine Unterschrift jedoch wieder zurückgezogen hat. Tellkamp warnt vor einem linken „Zeitgeist“, mahnt an 1989, sieht die „Demokratie, wie wir sie kannten“ bedroht.

Der Schriftsteller Jörg Bernig soll Leiter des Radebeuler Kulturamts werden.
Der Schriftsteller Jörg Bernig soll Leiter des Radebeuler Kulturamts werden. © André Wirsig

Ja, wie kannten wir sie denn? Altnazis in den Fünfzigern. Notstandsgesetze in den Sechzigern. Radikalenerlass in den Siebzigern. Kohls „geistig-moralische Wende“ in den Achtzigern. Das Treiben der Treuhand in den Neunzigern. NSU-Morde in den Nullerjahren.

Entweder war die Republik immer schon am Ende. Oder: Sie war immer schon so normal wie andere Demokratien, nie perfekt, stets im Wandel, mit sich selbst und ihren Feinden ringend, dazu ein Zeitgeist, der mal links, mal rechts weht, oft aber wild durcheinanderwirbelt.

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Heinrich Böll, der Literaturnobelpreisträger, wurde als angeblicher Sympathisant der RAF-Terroristen verunglimpft. 1972 wurde sein Haus von Polizisten mit Maschinenpistolen umstellt. Man vermutete bei ihm die Linksterroristin Ulrike Meinhof – traf aber neben dem Ehepaar Böll nur auf den unverdächtigen, weil konservativen Philosophen Robert Spaemann und dessen Gattin, die zu Kaffee und Kuchen da waren. Wer Spaemann kennt, weiß: Er war klug, konservativ, aber klug. Die „antiaufklärerischen“ Folgen der politischen Korrektheit sorgten ihn. Zugleich wusste er: „Man spielt gerne eine Opferrolle. Auch wenn man behauptet, etwas nicht sagen zu dürfen, sagt man es ja.“

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