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Dynamo Dresden und Ralf Minge vor der Trennung?

Erst hat er gezögert, jetzt will der Aufsichtsrat den Vertrag des Sportgeschäftsführers offenbar nur für ein Vierteljahr verlängern – die Hintergründe.

Kaum jemand hat Dynamo nach der Karriere als Spieler so geprägt wie Ralf Minge. Seit sechs Jahren ist er als Sportgeschäftsführer für die sportliche Entwicklung verantwortlich. Sein Vertrag endet am 30. Juni.
Kaum jemand hat Dynamo nach der Karriere als Spieler so geprägt wie Ralf Minge. Seit sechs Jahren ist er als Sportgeschäftsführer für die sportliche Entwicklung verantwortlich. Sein Vertrag endet am 30. Juni. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Die wichtigste Personalie im Verein ist der Cheftrainer. Das betont Ralf Minge jedes Mal, wenn es einen Wechsel auf eben jener Position gibt. Doch genau genommen ist er selbst der entscheidende Mann im Verein, weil er als Sportgeschäftsführer bestimmt, wer eben diese wichtigste Person sein darf. Bei Dynamo Dresden nimmt Minge nicht allein wegen seiner Funktion eine Schlüsselrolle ein.

„Ralf ist mit seiner Vita, seiner Kompetenz und seiner menschlichen Art für unseren Verein eine absolute Identifikationsfigur“, begründete Jens Heinig, Vorsitzender des Aufsichtsrates, die Vertragsverlängerung mit Minge. Das ist allerdings gut drei Jahre her, damals spielten die Schwarz-Gelben nach dem Wiederaufstieg die bislang beste Saison in der zweiten Liga. Seitdem lief es sportlich eher unrund mit dem Tiefpunkt im Herbst 2019: Absturz auf den letzten Platz, ein schlecht besetzter Kader – und als Kontrast 1,7 Millionen Euro in Reserve.

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Es gab also einiges zu analysieren – auch für den Aufsichtsrat, der bei Dynamo über die Geschäftsführerstellen entscheidet. Minge räumte auf der Mitgliederversammlung im November Fehler ein und korrigierte: erst mit der Trennung von Cristian Fiel, den er als sein Trainer-Projekt bezeichnet und gefördert hatte, dann mit sechs neuen Spielern in der Winterpause.

Dynamos Geschäftsführer: Während der für die Finanzen zuständige Michael Born seinen Vertrag bis 2021 verlängert hatte, läuft der von Sportchef Ralf Minge zum 30. Juni aus. Bisher gibt es vom Aufsichtsrat keine Entscheidung.
Dynamos Geschäftsführer: Während der für die Finanzen zuständige Michael Born seinen Vertrag bis 2021 verlängert hatte, läuft der von Sportchef Ralf Minge zum 30. Juni aus. Bisher gibt es vom Aufsichtsrat keine Entscheidung. © Robert Michael

Gleichzeitig soll Minge jedoch dem Aufsichtsrat seinen Abschied zum 30. Juni angekündigt haben. Es blieb wohl offen, ob sein Entschluss bereits endgültig ist, bis die Gespräche wegen der Corona-Krise ausgesetzt worden sind. Nach SZ-Informationen soll sein auslaufender Vertrag nun tatsächlich nicht verlängert werden, jedenfalls nicht für mindestens ein Jahr, wie sonst üblich. Stattdessen wird seit der Aufsichtsratssitzung am 18. Mai intern um eine möglichst reibungslose und nach außen harmonische Trennung gerungen. Strittig ist offenbar der Zeitpunkt.

Angebot vom Aufsichtsrat bis 30. September?

Minge soll nach reiflicher Überlegung und angesichts der schwierigen Situation angeboten haben, bis zum 31. Dezember zu bleiben. Dagegen habe der Aufsichtsrat ein Angebot für eine Übergangszeit bis zum 30. September vorgelegt. Auf Anfrage lässt das Kontrollgremium lediglich mitteilen: „Wir befinden uns derzeit in intensiven Gesprächen mit Ralf Minge. Die Gespräche führen wir selbstverständlich intern und vertraulich, sodass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine weiterführenden Informationen mitzuteilen gibt.“ Minge lehnt Interviewanfragen derzeit ab.

Allerdings entsteht Zeitdruck für die Planung der nächsten Saison. Verhandlungen mit Spielern, die bleiben oder kommen sollen, müssten trotz der doppelten Unsicherheit durch Corona-Krise und Abstiegskampf beginnen. Zudem ist der Aufsichtsrat laut Satzung verpflichtet, binnen zwölf Wochen einen Nachfolger zu bestimmen. Die Stelle wurde bisher nicht ausgeschrieben, aber Kontakt zu möglichen Kandidaten aufgenommen.

Sein Trainer-Projekt mit Cristian Fiel musste Ralf Minge Anfang Dezember 2019 für beendet erklären. Nach einem 1:2 zu Hause gegen Holstein Kiel war Dynamo auf den letzten Tabellenplatz in der 2. Bundesliga gerutscht.
Sein Trainer-Projekt mit Cristian Fiel musste Ralf Minge Anfang Dezember 2019 für beendet erklären. Nach einem 1:2 zu Hause gegen Holstein Kiel war Dynamo auf den letzten Tabellenplatz in der 2. Bundesliga gerutscht. © Ronald Bonß

Das erscheint dringend geboten, weil es keinesfalls einfach werden dürfte, einen neuen Sportgeschäftsführer zu finden. Es müsste einer sein, der genug Erfahrung mitbringt für die derzeit unklare Situation und das Kreuz hat, sich als „Mann nach Minge“ einen Status im Dynamo-Umfeld zu erarbeiten. Vor allem Letzteres ist eine Herausforderung.
Minge hatte das Amt bereits von 2007 zum 2. April 2009 inne, bevor er wegen der zu hohen Kosten durch die Verträge für die Stadionnutzung zurücktrat. Erst knapp zwei Jahre später, im März 2011, fand Dynamo mit Steffen Menze einen neuen Sportdirektor, den wiederum Minge bei seiner Rückkehr im Februar 2014 ablöste.

"Es darf auf beiden Seiten keine Zweifel geben"

Seitdem steht er für den sportlichen Aufschwung sowohl bei den Profis als auch im Nachwuchs – und ist damit maßgeblich an der Entschuldung des Vereins beteiligt, die unter anderem durch Transfererlöse für Talente wie Marvin Stefaniak und Niklas Hauptmann sowie Einnahmen im DFB-Pokal erreicht wurde.

Während der für die Finanzen zuständige Geschäftsführer Michael Born seinen Vertrag im Februar 2018 um drei Jahre verlängert hatte, unterschrieb Minge nur für zwei. Zuvor hatte er im Interview gesagt, man könne einige Punkte sowieso nicht in einen Vertrag schreiben. Vertrauen spiele eine sehr große Rolle. Im Januar äußerte er sich ähnlich zu seiner Zukunft: „Letztlich läuft es doch auf eine Sache hinaus: Es darf auf beiden Seiten keine Zweifel geben.“

Die scheint es jetzt jedoch zu geben, was aufseiten von Minge mit dem Stressfaktor zu tun haben kann. Bereits vor seiner Auszeit wegen eines Burn-outs im Frühjahr 2018 hatte der jetzt 59-Jährige eingeräumt: „Die Frage nach Belastung und Belastbarkeit stellt sich.“ Kaum hatte er sich zurückgemeldet, wollten ihn einige Führungskräfte im Verein absägen. Die Ultras als einflussreichste Gruppe in der Fanszene stellten mit einem Spruchband im Stadion klar: „Ralf Minge – unantastbar!“ Der Machtkampf war entschieden, unter anderem trat der damalige Präsident Andreas Ritter zurück.

Beim Spiel gegen Darmstadt am 22. September 2018 entrollten die Ultras im K-Block ein Banner mit der Aufschrift: "Ralf Minge - unantastbar." Nach dem Bekenntnis war ein Machtkampf entschieden.
Beim Spiel gegen Darmstadt am 22. September 2018 entrollten die Ultras im K-Block ein Banner mit der Aufschrift: "Ralf Minge - unantastbar." Nach dem Bekenntnis war ein Machtkampf entschieden. © Robert Michael

Minge ist bei Dynamo Idol und Legende, aber als Verantwortungsträger genauso wenig fehlerfrei wie jeder andere. Deshalb ist es legitim, seine Arbeit kritisch zu hinterfragen, ohne ihn damit infrage zu stellen. Andererseits muss man akzeptieren, wenn er darüber nachdenkt, sich mehr Freiraum für sein Privatleben zu schaffen.

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