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Ein Film, ein Auftritt – ein Wunder

Leipzig besiegt 2003 vier westdeutsche Großstädte. Das Bewerbungsvideo rührt nicht nur Sportfunktionäre zu Tränen. Die Hauptrolle spielt eine Studentin.

Nach dem Sieg in München fliegt die Delegation um Wolfgang Tiefensee nach Leipzig und feiert mit Tausenden Menschen auf dem Marktplatz.
Nach dem Sieg in München fliegt die Delegation um Wolfgang Tiefensee nach Leipzig und feiert mit Tausenden Menschen auf dem Marktplatz. © Ronald Bonß

Panzer rollen bedrohlich auf die Absperrungen zu. Ein Grenzsoldat springt über den Stacheldrahtzaun. Mauersegmente krachen in den Boden und füllen schließlich die gesamte Leinwand. Wolfgang Tiefensee setzt sich davor und spielt auf seinem Cello „Dona nobis pacem“. Deutsche Teilung und die Wende 1989 – viel größer und bewegender geht es nicht.

Die Sportfunktionäre im abgedunkelten Saal des Münchner Hilton-Hotels haben an diesem Nachmittag schon vier andere Präsentationen gesehen und vier andere Filme – aber keinen wie diesen. Leipzig geht einen anderen, mutigen Weg, setzt weniger auf Fakten und mehr auf Emotionen. „Diese Bewerbung ging uns allen wahrlich unter die Haut – absolute Klasse“, kommentiert Gerd Rubenbauer live in der ARD. Klaus Steinbach, damals Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, sieht sogar „einige glasige Augen“.

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Bei der anschließenden Abstimmung setzt sich Leipzig im letzten und entscheidenden Wahlgang gegen den großen Favoriten Hamburg durch, zuvor schon gegen Düsseldorf, Frankfurt am Main und Stuttgart und wird einigermaßen unerwartet deutsche Kandidatenstadt für die Olympischen Sommerspiele 2012. Nicht wenige halten das für ein Wunder, und fast alle glauben damals, der Film und der Auftritt gaben den Ausschlag.

Leipzigs Bürgermeister Wolfgang Tiefensee spielt bei der Präsentation „Dona nobis pacem“, eigentlich einen Kanon, der im Herbst 1989 oft gesungen wurde.
Leipzigs Bürgermeister Wolfgang Tiefensee spielt bei der Präsentation „Dona nobis pacem“, eigentlich einen Kanon, der im Herbst 1989 oft gesungen wurde. © Bongarts/A. Hassenstein

„Das war ein ganz wichtiger Punkt. Damit haben wir noch einmal eine gute Visitenkarte abgegeben im Wettstreit mit den anderen vier Bewerbern. Viel entscheidender aber war, was im Vorfeld gelaufen ist“, sagt Tiefensee, damals Leipziger Oberbürgermeister, später Bundesverkehrsminister und jetzt Wirtschaftsminister in Thüringen, im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Bei allen Verbandschefs und stimmberechtigten Personen habe er persönlich um Unterstützung für seine Stadt geworben. „Viele waren schon überzeugt, da standen wir noch gar nicht auf der Bühne“, sagt der 65-Jährige und spricht von einer perfekten Viertelstunde, die exzellent inszeniert wurde – mit ihm in einer der Hauptrollen und dem Cellospiel als emotionalem Höhepunkt.

„Dona nobis pacem“, was aus dem Lateinischen übersetzt „Gib uns Frieden“ bedeutet, sei nicht besonders schwer zu spielen, meint Tiefensee. „Aber wenn man auf der Bühne sitzt und es darauf ankommt, wenn in Leipzig auf dem Marktplatz Tausende Menschen mitfiebern und Millionen an den Fernsehgeräten live dabei sind, ist das schon eine besondere Anspannung“, sagt Tiefensee.

Viele, viele Male sei der Auftritt erst in Leipzig geprobt worden und dann mehrfach auch in München in den Tagen vor der Entscheidung. „Bis zum Schluss wurde am Text gefeilt, um die Worte auf den Punkt zu bringen“, erzählt Tiefensee von jenem Samstag, den 12. April 2003. Das Datum hat er längst ebenso verinnerlicht.

Eigentlich sollte Jurastudentin und Hobbymodel Janet Pilz nur den Silberanzug präsentieren. Der stand ihr so gut, dass sie Miss Olympia wurde – und das nicht nur im Bewerbungsfilm.
Eigentlich sollte Jurastudentin und Hobbymodel Janet Pilz nur den Silberanzug präsentieren. Der stand ihr so gut, dass sie Miss Olympia wurde – und das nicht nur im Bewerbungsfilm. © dpa/Peter Endig

Nach der Geschichte und dem Cello kommt die Prominenz. Richard von Weizsäcker, Kurt Masur, Katarina Witt, Peter Eisenman, Michael Ballack und Hans-Dietrich Genscher werben und schwärmen für Leipzig. Janet Pilz kennt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Die Jura-Studentin trägt im Film einen silberfarbenen Rennanzug und läuft durch die Innenstadt. Immer mehr schließen sich ihr an, Kinder, Kanalarbeiter, Thomaner, Buchverkäufer und Anwalt. Am Ende, so scheint es zu sein, läuft Leipzig Miss Olympia hinterher.

„Ursprünglich sollten nur die Bewerbungsunterlagen filmisch umgesetzt werden“, erinnert sich Werner Kranwetvogel, der Regie führt. „Also die schönsten Gebäude der Stadt aneinandergereiht. Aber das funktioniert nicht.“ In etwa so präsentieren sich die meisten Konkurrenten. Leipzig will es anders machen. „Mit der Emotionalisierung hatten wir ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Kranwetvogel, der erst zwei Jahre zuvor sein Studium an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film beendet hat. „Das hätte auch schiefgehen können.“

Dieter Wedels Video verschwindet im Giftschrank

Geht es nicht. Warum, darüber will der 51-Jährige nicht so viel reden – ähnlich einem Koch, der sein Rezept nicht verrät. Es sei ein Berufsgeheimnis, eine Kunstfertigkeit, sagt er. „Man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird, peinlich oder lächerlich wirkt.“ Der Film kriegt da gerade so die Kurve. Zwei Wochen ist die Crew in der Stadt, knapp eine Woche dauern die Aufnahmen. Die Szenen mit Eisenman und Witt werden in New York gedreht, Masur in London besucht. Welches Budget zur Verfügung steht, will Kranwetvogel auch nach so vielen Jahren nicht sagen. Nur so viel: „Für Hamburg drehte der berühmte Dieter Wedel den Film. Es machte bei uns die Runde, dass er dafür eine Million ausgeben konnte. Wir hatten nur einen Bruchteil davon.“ Sorgen hätten sich die Leipziger aber keine machen müssen. Das Video von Wedel, der mit Mehrteilern wie „Der große Bellheim“ Preise und Auszeichnungen eingeheimst hat, verschwindet wenige Tage vor der Entscheidung im Giftschrank, wird nie gezeigt. Zu provokant, zu ungewöhnlich, befinden die Hamburger Olympiaplaner. „Ich habe ihn Jahre später zufällig im Zug getroffen und darauf angesprochen“, erzählt Kranwetvogel. „Er hat fürchterlich über die Leute geschimpft.“

Der Leipziger Kurzfilm dagegen ist eine Erfolgsgeschichte – auch noch nach der Präsentation in München. Mehrfach wird er ausgezeichnet, in New York etwa mit dem Internationalen Film- und Video-Award. „Richtig stolz bin ich nicht auf die Preise, sondern darauf, dass ich mit dem Film Leipzig zum Sieg verhelfen konnte“, sagt der Regisseur, der in Berlin lebt. „Für mich gehört er zu den drei Besten, die ich bisher gemacht habe. Es gibt Filme, die altern schnell – der nicht.“

Der Repräsentanten der Stadt Leipzig mit (v.l.) Kurt Masur, Richard von Weizsäcker, Janet Pitz, Georg Milbradt und Wolfgang Tiefensee am 12.04.2003 in München bei der Abschluss-Präsentation zur Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012.
Der Repräsentanten der Stadt Leipzig mit (v.l.) Kurt Masur, Richard von Weizsäcker, Janet Pitz, Georg Milbradt und Wolfgang Tiefensee am 12.04.2003 in München bei der Abschluss-Präsentation zur Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012. © dpa/Matthias Schrader

Für Pilz beginnt mit den Dreharbeiten die aufregendste Zeit ihres Lebens. Dabei ist sie zunächst nicht als Hauptdarstellerin vorgesehen. Sie soll den engen Silberanzug vorführen. Neben ihrem Studium arbeitet sie als Model. „Ich dachte, in den Anzug schlüpft später eine berühmte Sportlerin oder Schauspielerin. Aber Herr Tiefensee meinte: Sieht doch toll aus.“ Bewusst wird sich dann gegen eine prominente Frau entschieden. Mit der Figur, so die Idee, soll sich jeder identifizieren können.

Also wird die damals 22-Jährige Miss Olympia. Drei Tage muss sie beim Dreh von früh bis abends auf Straßenpflaster rennen. Am Ende hat sie Meniskusprobleme. Ein Laufdouble springt ein.

Weizsäckers Witz wirkt Wunder

Bei der Präsentation in München steht sie neben vier Männern auf der Bühne, sagt mit ausgebreiteten Armen nur einen Satz: „Olympia in Leipzig – herzlich willkommen.“ Immer wieder muss sie den vorher üben. Sie ist aufgeregt. Von Weizsäcker kennt sie aus den Geschichtsbüchern. Masur bewundert sie, seitdem sie im MDR-Kinderchor gesungen hat. „Herr Weizsäcker, der neben mir stand, hat meine Nervosität wohl bemerkt und versuchte, mich zu beruhigen. Er flüsterte mir zu: ,Ich glaube, ich bin der Dickste in der Reihe.‘ Dann ging es mir besser.“

Nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder verkündet „Das Ergebnis heißt Leipzig“ und reichlich verdutzt schaut, drängeln sich rund 50 Journalisten um Pilz, stellen Fragen. Sie ist mit der Situation überfordert. „Ich war nicht gebrieft, wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte der Bewerbung ja nicht schaden“, erzählt sie. Mit einem Sonderflug geht es zurück nach Leipzig. Auf dem Marktplatz fiebern erst und feiern dann Zehntausende. „Als ich auf der Bühne stand, dachte ich: Das war es jetzt für mich. Aber da hatte ich mich gewaltig geirrt. Ab da ging es erst richtig los.“

Bundeskanzler Gerhard Schröder präsentiert die Siegerstädte – und schaut dabei überrascht. In Rostock sollten die Segelwettbewerbe ausgetragen werden.
Bundeskanzler Gerhard Schröder präsentiert die Siegerstädte – und schaut dabei überrascht. In Rostock sollten die Segelwettbewerbe ausgetragen werden. © dpa/Matthias Schrader

Miss Olympia und damit Pilz wird zum Gesicht der Bewerbung, zur Marke. Von da an tritt sie fast täglich irgendwo auf, mitunter an zwei Orten und immer im Silberanzug. Fürs Jurastudium bleibt keine Zeit. Ihre Modelagentur beauftragt die gebürtige Leipzigerin, die Termine zu koordinieren. Mit dem Gewandhausorchester fliegt sie nach Athen, rast mit Polizeieskorte über die Autobahn, schreibt Autogramme, posiert für Fotos, ist prominent. „Es war eine absolut coole Zeit, irgendwie irreal. Ich bereue nicht, es gemacht zu haben. Aber den Hype um meine Person habe ich nie verstanden“, sagt die inzwischen 39-Jährige, die in Stuttgart lebt und für eine Krankenkasse im Datenschutzrecht arbeitet.

Zwölf Monate fährt sie von Termin zu Termin, bekommt dafür „eine kleine Vergütung“. Dann wird es ihr zu viel. Sie schlägt vor, eine zweite Frau zu casten, damit sie sich abwechseln können – und eine ordentliche Bezahlung. Ein Double wird auch gefunden, kommt aber nicht mehr zum Einsatz. Der Auftritt beim IOC-Vorausscheid auf der Bühne hinter der Nikolaikirche am 18. Mai 2005 ist der letzte von Pilz als Miss Olympia. Leipzig scheidet aus. „Ich habe danach noch viele Anfragen von Firmen bekommen, die mich buchen wollten. Aber ich habe alles abgesagt, weil ich fand, dass mit dem Ende der Bewerbung auch die Figur Geschichte war“, sagt sie.

Den Anzug schenkt sie dem Museum. In der zweiten Etage des Alten Rathauses liegt er dort sauber gefaltet hinter Glas neben den Turnschuhen, der Brille und einem Foto von Pilz. An der Wand daneben hängt ein 3-D-Modell des geplanten Olympiaparks. Die Figur ist nun Zeitgeschichte und Pilz ein Teil von ihr.

Sönke Wortmanns Leipzig-Film wird nie gezeigt

Wenn sie über diese Monate vor knapp 20 Jahren spricht, hört man noch immer Begeisterung. Mit jeder Erinnerung scheint das Gefühl von damals wiederzukehren. Es sprudelt nur so. „Jeder wollte Olympia. Das konnte man spüren. Da war ein Elan, den ich so nie wieder erlebt habe“, sagt sie.

Tiefensee bezeichnet die Bewerbungsphase als ganz wichtige Etappe für die Stadt „und auch für mich persönlich mit sehr vielen wunderbaren Erlebnissen“. Beeindruckt habe ihn vor allem, was diese Zeit an Engagement, Begeisterung und Kreativität bei den Menschen freigesetzt hat. „Wir waren Außenseiter und haben getreu dem Motto gehandelt, du hast wenig Chancen, also nutze sie. Dieser Kampf von David gegen Goliath gehört für mich zu den wunderbarsten Erfahrungen, die ich gemacht habe“, sagt Tiefensee.

Auch der Regisseur denkt gern an die Arbeit an dem Film zurück. Als ein Zweiter gedreht wird, der für die internationale Bewerbung gedacht ist, darf Kranwetvogel allerdings nicht mitmachen. Das übernimmt Sönke Wortmann, der kurz vorher mit „Das Wunder von Berlin“ Erfolg hat. Gezeigt wird das Video nie, weil Leipzig vorher ausscheidet.

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In Erinnerung bleibt nur der Erste. Eins stört Kranwetvogel aber doch. Vor der Abstimmung des Internationalen Olympischen Komitees 2005 zeigt London einen Film, der ihm irgendwie bekannt vorkommt. „Sie haben im Endeffekt unsere Idee 1:1 geklaut: eine Olympiafigur, die durch die Stadt rennt und alle in ihren Bann zieht. Ich finde es schade, dass sie mich nicht angerufen und gefragt haben, ob ich den Film mache.“ London bekommt den Zuschlag. Und das Cello? Steht bei Tiefensee zu Hause und wird immer noch regelmäßig benutzt, wie er betont.

Im nächsten Teil lesen Sie am Freitag: Wie Olympia in Dresden ausgesehen hätte und wie die Stadt profitiert.

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