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Görlitz darf endlich wieder shoppen

Viele Görlitzer Läden durften am Montag erstmals wieder öffnen. Die Freude der Händler ist groß, das Interesse der Kunden doch eher verhalten.

Seit Montag darf der Einzelhandel in Sachsen wieder öffnen - das war auf der Berliner Straße gleich zu spüren.
Seit Montag darf der Einzelhandel in Sachsen wieder öffnen - das war auf der Berliner Straße gleich zu spüren. © Nikolai Schmidt

Zehn Tage durfte sie ihren Laden öffnen, dann war erst einmal Schluss. Anfang März hat Anna Hotzel auf der Berliner Straße in Görlitz ihr Geschäft "Dark Desaires" eröffnet. Hier gibt es alles für die schwarze Szene, die Mode ist in Gothic- und Metalkreisen angesagt. "Die erste Woche lief gut", so die 46-Jährige. Doch dann: Corona, Kontaktbeschränkung, alle Geschäfte müssen schließen: "Super Timing", sagt Hotzel.

Anna Hotzel hat im März ihr Geschäft auf der Berliner Straße eröffnet - und musste es wenige Tage später wieder schließen.
Anna Hotzel hat im März ihr Geschäft auf der Berliner Straße eröffnet - und musste es wenige Tage später wieder schließen. © Nikolai Schmidt

Für die ganze Berliner Straße war der 19. März ein schwarzer Tag. Nur noch wenige Läden wie Apotheken oder Lebensmittelgeschäfte durften geöffnet bleiben. Doch auch die hatten zu kämpfen, denn zeitweise war Görlitz' größte Einkaufsstraße wie ausgestorben. Das hat sich an diesem Montag geändert - auf dem Vorkrisenniveau ist der Betrieb an diesem Montagvormittag aber noch lange nicht.

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Vorteil für den Einzelhandel?

Dabei hat Görlitz Glück: Die Ladenstruktur ist kleinteilig, große Ketten und Kaufhäuser haben den Einzelhandel noch nicht verdrängt. Denn es dürfen nur "kleine Geschäfte" öffnen, bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern. Einkaufszentren bleiben ganz geschlossen, ganz gleich wie groß die einzelnen Ladenflächen sind. Nur Lebensmittel-, Tierbedarfs- und Zeitungsläden sind davon ausgenommen.

Unerwartet schlägt deshalb nun die Stunde der "Kleinen". C&A und H&M haben geschlossen, sie sind schlicht zu groß. Auch große Elektronikmärkte, wie Medimax in Königshufen oder Expert EHC im City-Center, bleiben zu. Deren Idee, einfach einen Teil der Verkaufsfläche abzusperren und so unter die vorgeschriebenen 800 Quadratmeter zu kommen, wurde von der Landesregierung in ihrer Allgemeinverfügung direkt untersagt. Einige kleinere Händler erhoffen sich davon nun einen Schub. Das ist auch dringend notwendig nach vier Wochen ohne Einnahmen, aber mit laufenden Kosten. 

Für Anna Hotzel aus dem Gothicladen ist das jedoch kein Thema. "Was ich anzubieten habe, gibt es sowie nirgendwo sonst." Die Wochen Zwangspause habe sie produktiv genutzt, und einen Online-Shop aufgesetzt. Dabei stellt sie eigentlich einen Trend zum Analog-Shoppen fest: "Die Leute haben auf das Zuschicken lassen, Anprobieren, Zurückschicken einfach keine Lust mehr." 

Die Festivalsaison fällt aus

Das war einer der Gründe, den Laden zu eröffnen. Ob nun jedoch der große Ansturm beginnt, bezweifelt sie. "Die Leute sind verunsichert und gehen weniger auf die Straße." Das Geschäft liegt direkt gegenüber des Café Central - doch wenn dort niemand sitzt, ist auch die Werbewirkung dahin. Und auch die Absage von Großveranstaltungen sei ein Problem: "Wir verkaufen besonders zur Festivalsaison viel, das fällt jetzt weg." Hotzel hat reagiert und die auffälligen Kleider aus dem Sortiment genommen. Sie setzt für die kommenden Wochen und Monate mehr auf Alltagskleidung. 

Ernsting's Family auf der Berliner Straße hat strenge Vorschriften für seine Kundschaft.
Ernsting's Family auf der Berliner Straße hat strenge Vorschriften für seine Kundschaft. © Nikolai Schmidt

Ganz andere Erfahrungen hat man bei Schuhhaus Kellner auf der Steinstraße gemacht. Das Geschäft läuft an diesem Montag langsam an, im Geschäft befinden sich zwei Kunden, maximal neun dürfen zeitgleich hinein. Es ist auch hier der erste Verkaufstag seit der Zwangspause. Normalerweise arbeiten hier vier Kolleginnen, nun sind es nur drei, denn eine Polin kann wegen der Quarantäne-Bestimmungen im Nachbarland nicht zur Arbeit kommen.

"Wir verkaufen im Moment sehr viel über den Onlinehandel, da hat es einen großen Sprung gegeben", sagt eine Verkäuferin und deutet auf drei versandfertige Päckchen vor sich auf dem Tisch. Und auch das Kaufverhalten der Kunden habe sich während der Corona-Zeit verändert. Vor allem Ball- und Ausgehschuhe werden kaum noch verkauft. Hoch im Kurs sind dagegen bequeme Exemplare: Turnschuhe oder Birkenstock-Sandalen. "Alles in allem weniger elegant", fasst die Verkäuferin zusammen.

"Wenn es einer nicht macht, ist alles sinnlos"

Oft schauen Leute durch die verglaste Eingangstür, sie scheinen eher interessiert daran, ob das Schuhhaus geöffnet hat. Wenn doch jemand hineinkommt, dann ordnungsgemäß mit Schutzmaske. Alle Kunden seien heute bisher gut ausgerüstet und verständnisvoll gewesen. "Wenn einer es nicht macht, dann sind alle Maßnahmen sinnlos", sagt die Verkäuferin. Doch es sei weniger Kundschaft als sonst. Vor allem polnische Kunden und Touristen, die sich sonst gern in das Geschäft verirren, fehlen.

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Noch herrscht Unsicherheit bei Händlern und Käufern, weshalb der erste verkaufsoffene Tag schleppend läuft. Wie es weitergeht, darüber lässt sich nur mutmaßen. "Die Menschen kaufen ein was nötig ist, da ist für schöne Dinge wenig Platz", sagt Anna Hotzel. Sie kann nur hoffen, dass sich das ändert. Bei einem ist sie sich jedoch sicher: "Das Thema Corona wird mich noch monatelang begleiten."


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