SZ + Görlitz
Merken

Corona: Erste Arztpraxen schließen

Die Wartezimmer leeren sich: Manche Praxis hat ganz geschlossen, anderswo werden die Patienten jetzt einzeln bestellt.

Von Constanze Junghanß & Steffen Gerhardt
 6 Min.
Teilen
Folgen
Symbolbild
Symbolbild © Symbolfoto: Lutz Weidler

"Lange werden wir sicher auch nicht mehr offen haben", sagt eine Görlitzer Ärztin. "So viele abgesagte Termine,  und kaum noch Desinfektionsmittel. Wir haben schon Kurzarbeit angezeigt." Weil sie nicht weiß, wie die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) reagieren würde, will die Praxis nicht namentlich genannt werden. 

Die einzige, die in der Corona-Krise nicht so weitermachen kann wie bisher, ist sie freilich nicht. Dass Arztpraxen im Landkreis Görlitz tatsächlich schon geschlossen haben, bestätigt Katharina Bachmann-Bux, Pressesprecherin der KVS. Wie viele und welche will man aus Datenschutzgründen nicht sagen. Auch nicht, warum die Praxen nun konkret pausieren müssen.

Nur soviel teilt die KVS allgemein dazu mit: „Zu einer Schließung kann es kommen, wenn sich der Arzt selbst in Quarantäne begeben muss oder wenn sich beispielsweise Mitarbeiter der Praxis infiziert haben.“ Diese Maßnahmen müssten ergriffen werden, um alle Mitarbeiter der Praxis zu schützen. „Und natürlich, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten“, so Bachmann-Bux. Neu ist seit Dienstag, dass Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen per Telefon von bisher sieben auf 14 Tage ausgeweitet werden. Darüber informiert die KV-Sachsen auf ihrer Internetseite.

Nur ein Patient darf ins Wartezimmer

Die Sicherheit ihrer Patienten und Mitarbeiter liegt wie allen Medizinern auch Dr. Daniela Schmidtbauer am Herzen. Der Zettel an der Tür der Reichenbacher Hausarztpraxis ist eindeutig: „Telefonische Voranmeldung. Abstand halten. Wartezimmer meiden“, steht da drauf. Und auch, dass nicht notwendige Termine abgesagt werden sollten. Die Reichenbacher Hausärztin und Fachärztin für Innere Medizin ist weiter für ihre Patienten da. Mit Einschränkungen, versteht sich. „Wir bitten darum, dass bei uns wirklich nur die dringenden Besuche kommen“, sagt sie. Und es gibt weiter die Rezepte für notwendige Medikamente aus der Apotheke. 

Einiges hat Dr. Schmidtbauer aufgrund der aktuellen Situation umstrukturiert. Mehr als eine Person kommt nicht ins Wartezimmer, die Sitzbänke bleiben leer. Auch am Tresen gibt es keinen Stau. Alles wird zeitlich eingetaktet, damit so wenig wie möglich Kontakte untereinander entstehen. Dank der zwei Behandlungszimmer klappt das auch, wie die Ärztin bestätigt.

Das Verständnis für diese Maßnahmen sei bei den Patienten vorhanden. Für Menschen, die den Verdacht haben, möglicherweise am Corona-Virus erkrankt zu sein, gibt es klare Ansagen. Darauf wird an der Eingangstür hingewiesen. Das Betreten der Praxis ist in dem Fall Tabu. Stattdessen soll angerufen oder die Außenklingel genutzt werden. Wer in den letzten 14 Tagen Kontakt zu einem bestätigten Corona-Fall hatte, soll sich bitte beim Gesundheitsamt melden. Auch darüber wird informiert – inklusive Telefonnummer vom Amt.

Abstand halten ist auch bei der Görlitzer Hausarztpraxis Dr. Ruth Joppich und Inken Pieper wichtiges Thema. Im Wartezimmer dürfen maximal zwei Patienten – weit auseinandergesetzt – Platz nehmen. „Viele Patienten, die Kontrolltermine haben, verlegen ihre Termine von sich aus auf später“, sagt eine Schwester. Große Warteschlangen bilden sich dadurch im Moment nicht.

Eher die akuten Fälle – beispielsweise Menschen mit Erkältungserkrankungen – suchen derzeit Hilfe. Bei Verdacht auf den Corona-Virus soll selbstverständlich nicht die Praxis aufgesucht werden, sondern erst einmal ein Anruf erfolgen, wo dann alles Weitere besprochen wird.

Ohne Telefon geht nichts

Für Jens Drahanovski ist das Telefon zum wichtigsten Arbeitsmittel geworden. Der Allgemeinmediziner mit Praxen in Rothenburg und Horka sagt, dass seine Patienten aufgefordert sind, ihren Arztbesuch vorher telefonisch anzumelden. "Wir haben aber auch Fälle, wo Leute unangemeldet ins Wartezimmer kommen - und das mitunter wegen Kleinigkeiten, die man selbst behandeln kann. Mit diesem unverantwortlichen Verhalten setzen wir uns alle dem Risiko einer Infektion aus", sagt der Hausarzt.

Auf eine Angestellte muss er bereits verzichten, sie betreut zu Hause ihr Kind. Ansonsten geht es in seinen beiden Praxen ruhiger zu als in Zeiten vor Corona. "Von ein paar Ausnahmen abgesehen, ist es schon so, dass die Leute verständnisvoll auf die Situation reagieren und nur im Notfall den Arzt aufsuchen", ist die Erfahrung von Jens Drahanovski. 

So oder ähnlich weisen jetzt die meisten Praxen ihre Patienten auf die neuen Bestimmungen hin. 
So oder ähnlich weisen jetzt die meisten Praxen ihre Patienten auf die neuen Bestimmungen hin.  © Constanze Junghanß

Dass ein infizierter Patient eine ganze Praxis tot legen kann, das ist Matthias Geßner jeden Tag bewusst. Deshalb arbeitet der Zahnarzt in seiner Rothenburger Praxis nach einem strengen Regime: "Wir führen nur noch Notbehandlungen durch. Wer Schmerzen hat, soll sich bitte bei uns telefonisch melden. Wir haben auch einen Anrufbeantworter und vereinbaren kurzfristig einen Termin", sagt der Diplom-Stomatologe. Das ist notwendig, um möglichst wenige Patienten im Wartezimmer zu haben. Wer kommt, wird auch gleich behandelt.    

Zahnärzte tragen ein erhöhtes Risiko

Zahnärzte müssen unter einem höheren Infektionsrisiko arbeiten. Das bestätigt Matthias Geßner. "Durch die Zahnbehandlung sind wir ständig einem feuchten Klima ausgesetzt. Umso wichtiger ist es, mit Schutzkleidung, Handschuhen und Gesichtsschutz den Patienten zu behandeln." Deshalb hat der Zahnarzt seine Mitarbeiterinnen geschult, zwecks Einhalten und Umsetzen der Hygienevorschriften. "Wir wollen doch alle unbeschadet aus der Corona-Krise kommen", ist sein erklärtes Ziel.  

Auffällig weniger Patienten sitzen jetzt bei Dr. Christine Tändler im Wartezimmer. Das hat zwei Gründe, sagt die Nieskyer Kinderärztin. Zum einen ist der Patientenzulauf reguliert, man ist zur Einzelabfertigung übergegangen. Ein Schild an der Tür weist darauf hin, dass nur diejenigen Personen in die Praxis dürfen, die sich telefonisch angemeldet haben. Ausnahme sind gesunde Menschen. "Deshalb haben wir unser Wartezimmer in zwei Bereiche getrennt: für gesunde und kranke Patienten", erklärt Christine Tändler. Dazu wird geraten, die Türklinken nicht mit der Hand zu betätigen. Zudem ist das Personal hinterher, nach jedem Patientenbesuch das zu desinfizieren, mit dem die Person in Berührung gekommen ist.     

Kinder stecken sich weniger an

Dass weniger kleine Patienten in ihre Praxis kommen, führt Frau Tändler zum anderen darauf zurück, dass Schulen und Kindergärten geschlossen sind. "Da die meisten Kinder und Jugendlichen jetzt zu Hause sind und dort betreut werden, ist die Ansteckungsgefahr weitaus geringer als auf dem Schulhof oder dem Spielplatz", sagt die Ärztin. Das betrifft nicht nur das Coronavirus, sondern alle Krankheiten mit denen man sich anstecken kann.   

Medizinstudenten sollen unterstützen

Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer (SLÄK), bat bereits letzte Woche um Unterstützung für die Gesundheitsämter, die Test- und Behandlungseinrichtungen und die Hotlines in Sachsen. „Ärzte im Ruhestand könnten eine telefonische Beratung in Sachsen risikolos übernehmen. Und Medizinstudenten sind nach dem Physikum sehr gut geeignet, um Ärzte und Gesundheitsämter bei Abstrichen und der Ermittlung von Kontaktpersonen vor Ort zu unterstützen“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung der Landesärztekammer Sachsen.

Helfen könnten zudem Ärzte weniger betroffener Fachgebiete wie Betriebsmediziner oder Ärzte vom MDK, die perspektivisch zur Beratung und Behandlung gebraucht würden. Ausländische Ärzte, die in Sachsen sind, aber noch keine Approbation haben, können ebenfalls bei der Corona-Versorgung helfen, in dem Sie etwa bei der Testentnahme unterstützen, informiert die SLÄK.

An den Türen vieler Arztpraxen hängen Schilder mit Anweisungen zum Verhalten. So auch bei Kinderärztin Dr. Christine Tändler in Niesky. 
An den Türen vieler Arztpraxen hängen Schilder mit Anweisungen zum Verhalten. So auch bei Kinderärztin Dr. Christine Tändler in Niesky.  © André Schulze

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier:

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier: