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Rosa Luxemburg, die freie Radikale

Vor 150 Jahren wurde die Sozialistin geboren. Sie kämpfte für die "Freiheit der Andersdenkenden". Auch in Sachsen hinterließ sie ihre Spuren.

Rosa Luxemburg (1871 – 1919)
Rosa Luxemburg (1871 – 1919) © AKG Images

„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ In Dresden stehen diese berühmten und oft bemühten Worte in Stein gemeißelt, auf einem Mauerstück an der Albertbrücke. Der Platz davor wurde 1991 nach der Frau benannt, von der das Zitat stammt: Rosa Luxemburg. Die berühmte Sozialistin lebte 1898 für kurze Zeit in Dresden und übernahm hier die Chefredaktion der Sächsischen Arbeiter-Zeitung.

Vor 150 Jahren, am 5. März 1871, wurde sie wurde in dem kleinen, noch heute hübschen Städtchen Zamość geboren, das damals zum von Russland kontrollierten Teil Polens gehörte. Als Sozialistin und Gegnerin des Nationalismus gilt sie im heutigen Polen vielen als Verräterin. Auf Anordnung der rechtsnationalen PiS-Regierung wurde die Gedenktafel an ihrem vermeintlichen Geburtshaus vor einigen Jahren herausgerissen.

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Schon zu Lebzeiten wurde Rosa Luxemburg geliebt und gehasst. Am 15. Januar 1919 wurde sie, zusammen mit Karl Liebknecht, von nationalistischen Gegnern der deutschen Novemberrevolution in Berlin ermordet. Seitdem wurde sie von Liberalen wie von Linken gleichermaßen mal vereinnahmt, mal instrumentalisiert, mal verleumdet, mal verklärt.

Die Freiheit der Andersdenkenden

Für die einen war sie ideologisch verblendete Marxistin, für die anderen visionäre, bis heute aktuelle Vordenkerin eines demokratischen Sozialismus. Für ein breites Publikum sind ihre posthum veröffentlichten „Briefe aus dem Gefängnis“, die als Buch zum Bestseller wurden, einfach nur wunderschön zu lesende, beinahe poetische Prosa einer außergewöhnlich klugen und nachdenklichen Frau, die mehrfach wegen ihrer politischen Überzeugungen hinter Gittern saß.

Tatsächlich laufen die Linien dieser unterschiedlichen Perspektiven auf ihr Leben und Werk in dem bekannten Zitat von der Freiheit der Andersdenkenden zusammen. Der Historiker Ernst Piper, der vor einigen Jahren zu ihrem 100. Todestag eine lesenswerte Biografie geschrieben hat, widmet diesem Satz einen ausführlichen Exkurs in seinem 800-Seiten-Buch. Das Zitat stammt ursprünglich aus ihrem Essay „Die Russische Revolution“, in dem Piper einen „Schlüsseltext für Luxemburgs Demokratieverständnis“ sieht.

Was zunächst nach einem klassischen Gebot des Liberalismus klingt, bezog sich eigentlich auf Luxemburgs sozialistische Revolutionstheorie. Wie Piper in seinem Werk mehrfach betont, glaubte sie an die Spontaneität der Massen, lehnte also die Vorstellung einer von der Partei gelenkten Diktatur des Proletariats ab. Für diesen „Massenoptimismus“ war es aber entscheidend, dass auch im Sozialismus Meinungsfreiheit, Pluralismus und Wahlrecht für alle gelten sollten. Für Luxemburg, so fasst es Piper zusammen, „war die Freiheit eine notwendige Vorbedingung für einen gelingenden Lernprozess des Proletariats“.

Ebenso bezeichnend wie konsequent war denn auch die Haltung der DDR-Führung zu diesen als „Luxemburgismus“ verunglimpften Ansichten. Ihr Essay „Die Russische Revolution“ durfte anfangs in der DDR gar nicht veröffentlicht werden. 1971 erschien er immerhin in Band 4 einer Werkausgabe zu ihrem 100. Geburtstag. Die Freiheit der Andersdenkenden wurde jedoch von den SED-Chefideologen als „Illusion“ und „gefährliches Wort“ gebrandmarkt.

Der Hinweis im Neuen Deutschland, Luxemburg selbst habe den berühmten Satz ja auch „nie wiederholt“, treibt den sonst stocknüchtern schildernden Historiker Piper fast auf die Palme: „Wenn man bedenkt, dass die Autorin kurz, nachdem sie diesen Satz niedergeschrieben hatte, ermordet wurde, ist das doch – womöglich ungewollt – eine ziemlich zynische Feststellung.“

Aus sächsischer Sicht ist Luxemburgs Biografie besonders interessant, weil die Region hier damals nicht nur eine Hochburg der Arbeiterbewegung war, sondern auch der gedruckten Presse, die im Kaiserreich gerade für die aufstrebende Sozialdemokratie ein Lebenselixier war. Vor allem für die Leipziger Volkszeitung, damals ein SPD-Sprachrohr, schrieb Luxemburg etliche wichtige Artikel. Sie war auch zeitweise Mitglied der Redaktion.

Ihre kurze Zeit in Dresden streift Piper nur am Rande, während er etwa aus ihrer Berliner Zeit kleinste Details ihres Tagesablaufs und ihrer Wohnsituation nachzuerzählen weiß. Offenbar ist zu Luxemburgs Aufenthalt in Dresden vergleichsweise wenig dokumentiert.

"Doktrinäre Gans", "gescheite Giftnudel"

Anhand mancher Zitate zeigt Pipers Darstellung ebenfalls, wie heftig es bei den Sozialdemokraten verbal zur Sache ging. Luxemburgs Gegner vom rechten Parteiflügel schmähten die radikal Linke als „doktrinäre Gans“, „gescheite Giftnudel“ oder „giftiges Luder“ und stöhnten über ihre „perverse Rechthaberei“. Die Geschichte lehrt: Man braucht kein Facebook oder Twitter, um sich verbal an die Gurgel zu gehen. Natürlich war die nur 1,46 Meter kleine, zugleich hochintelligente und begnadete Rednerin an sich schon eine Provokation in der noch fast komplett männlich dominierten Politik.

Das Wahlrecht für Frauen trat in Deutschland erst nach der Novemberrevolution im Januar 1919 in Kraft – wenige Tage nach Luxemburgs Tod. Immerhin hielt Parteichef August Bebel, der alte „Arbeiterkaiser“, seine schützende Hand über sie: Er wollte „das Frauenzimmer in der Partei nicht missen“. Auch Luxemburgs private, meist schwierige Männergeschichten kommen bei Piper nicht zu kurz.

Zwar lässt Piper keinen Zweifel daran, dass Rosa Luxemburg eine durchaus radikale Sozialistin war. Doch trotz ihres „latenten Antiparlamentarismus“ hebt er vor allem ihr Engagement gegen autoritäres und nationales Denken hervor, wie man es später in so unterschiedlichen Regimen wie der DDR oder dem von der PiS regierten Polen erleben kann. Schon das wäre Grund genug, sich heute wieder mehr mit ihrem Leben und Werk zu befassen. Das gilt auch für Andersdenkende.

Ernst Piper: Rosa Luxemburg. Ein Leben. Blessing-Verlag, 832 Seiten, 32 Euro.

Eine frühere Version dieses Beitrags ist am 15. Januar 2019 zum 100. Todestag erschienen.

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