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Geknackt, geklaut, zu Geld gemacht

Um sich den Drogenkonsum zu finanzieren, bricht ein Mann reihenweise in Gartenlauben ein – und nicht nur dort.

Im Kleingartenverein Pausitz stieg der Angeklagte in zwei benachbarte Lauben ein, stahl unter anderem einen Rasentrimmer, Kabel und einen Gartenschlauch.
Im Kleingartenverein Pausitz stieg der Angeklagte in zwei benachbarte Lauben ein, stahl unter anderem einen Rasentrimmer, Kabel und einen Gartenschlauch. ©  Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Da staunt sogar der psychiatrische Gutachter. Ein derart planvolles, geradezu sorgloses Vorgehen wie bei Sebastian Baum* habe er bisher selten erlebt, sagt Peter Schönknecht. Gemessen daran, dass er vor allem auf Waren aus ist, die er schnell zu Geld für seinen Crystalkonsum machen kann, geht Baum tatsächlich geradezu penibel vor, als er im Juli 2018 in zwei Gartensparten in Pausitz einbricht. 

Statt etwa mit grober Gewalt eine Tür oder ein Fenster aufzuhebeln, schraubt er lieber den Rahmen rund ums Fenster ab und baut so die komplette Scheibe aus. Später wird er noch eine Art Matte nach draußen tragen, um sich den Abtransport des Diebesguts zu erleichtern. 

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„An der Stelle war ziemlich dichter Bewuchs“, erklärt Sebastian Baum dem Schöffengericht. So sei er einfach besser vorangekommen. Darüber hinaus baut sich der 42-Jährige noch eine Rampe, um per Schubkarre eine Stufe besser überwinden zu können.

Die Einbruchsopfer werden Baums Hang zur geruhsamen Planung wohl kaum wertschätzen können. Denn bei seinen nächtlichen Besuchen durchwühlt er nicht nur die Lauben, teilweise schläft der zu dieser Zeit Obdachlose auch darin, bestellt sich Essen, spritzt sich Drogen – und lässt alles Verwertbare mitgehen. 

Über Rasentrimmer, Heckenscheren und Flachbildfernseher bis hin zu Zweitaktöl reicht die Palette des Diebesguts. Selbst eine Matratze ist vor ihm nicht sicher. „Die habe ich selbst gebraucht, zum Schlafen“, gesteht der Angeklagte. Neben den Gartenlauben habe er auch in „toten Gebäuden“ übernachtet, sagt er.

Auch in die Gartenanlage am Olympia in Riesa brach der 42-Jährige  ein. Hier ließ er einen Fernseher und eine Musikanlage mitgehen. 
Auch in die Gartenanlage am Olympia in Riesa brach der 42-Jährige  ein. Hier ließ er einen Fernseher und eine Musikanlage mitgehen.  ©  Klaus-Dieter Brühl

Täglich 80 Euro für Crystal

Die Lauben sind dabei offenbar immer erst sein Plan B, um an das Geld für neuen Stoff zu kommen. „Ich war in der Zeit immer der Erste am Kaufland oder Real im Riesapark“, sagt Baum. Erst wenn es nicht geklappt hat, etwas zu klauen, zieht er abends in die Gärten. Süchtig ist er seit seinem 15. Lebensjahr: erst Cannabis, dann Kokain und Heroin, ab 2013 schließlich Crystal.

Das begegne ihm oft, sagt Mediziner Peter Schönknecht. „Viele Heroinkonsumenten sind damals auf Crystal umgestiegen, weil sie vom Heroin wegwollten.“ Grund seien die körperlichen Entzugserscheinungen gewesen, die bei Heroin ungleich heftiger ausfielen. Bei Crystal mache sich dieser Entzug ganz anders bemerkbar, nämlich durch eher depressive Zustände, führt Schönknecht aus.

Im Sommer 2018, als er in die Lauben einbricht, liegt Sebastian Baums Crystalkonsum bei „einem Gramm aufwärts“. Zwischen 80 und 100 Euro gibt er dafür täglich aus. Neben Discountern und Lauben bricht er in Keller ein oder zerrt Kupferdrähte aus leerstehenden Gebäuden. „Vom Kupfern hatte ich völlig wunde Finger.“

Auch das Azurit-Seniorenzentrum in Riesa, damals noch eine Baustelle, ist vor ihm nicht sicher. Hier lässt er Kabel, Werkzeug und Laptops im Wert von mehr als 3.700 Euro mitgehen, verursacht außerdem einen hohen Sachschaden. Aus einem Keller im Wohnhaus seiner Ex-Freundin stiehlt er Leergut.

Die meiste gestohlene Ware verkauft Sebastian Baum schnell wieder. In der Innenstadt gebe es eine ganze Reihe von Döner-Imbissen, in denen er das Diebesgut zu einem Drittel des geschätzten Werts veräußert habe. Vor Gericht räumt Sebastian Baum auch ein, dass die drei Laubeneinbrüche, die ihm vorgeworfen werden, längst nicht die Einzigen sind. 

Auch das Seniorenzentrum an der Scheiderstraße – damals noch im Bau befindlich, suchte der Täter heim. Allein der Stehlschaden beträgt mehr als 3.700 Euro.
Auch das Seniorenzentrum an der Scheiderstraße – damals noch im Bau befindlich, suchte der Täter heim. Allein der Stehlschaden beträgt mehr als 3.700 Euro. ©  Sebastian Schultz

„Ich weiß, dass da noch einiges offen ist bei der Polizei in Riesa.“ Trotzdem hofft er, dass die lange Liste der Gerichtsverfahren nun dem Ende entgegengeht. „Ich will einen Punkt machen, das Kapitel abschließen.“ Seit Anfang des Jahres sei er zum Entzug in Großschweidnitz untergebracht, konsumiere nicht.

Bei Gericht macht er tatsächlich einen ordentlichen Eindruck. Die Haare sind an den Seiten sauber zu einer Art Irokesenschnitt abrasiert, über den Hals zieht sich ein auffälliges schwarzes Tattoo. Auf die Fragen des Richters antwortet er mit leiser Stimme, aber in klaren Sätzen.

Die Unterbringung und Therapie im Maßregelvollzug sei für ihn „eine Chance, drogen- und damit straffrei zu leben“, sagt sein Anwalt René Zebisch. Sebastian Baums umfangreiches Geständnis helfe enorm. „Sonst hätte ein Sitzungstag nicht gereicht.“ Letztlich berücksichtigt das auch Richter Frank Ponsold beim Urteil und verhängt weitere 17 Monate Haft in der Entziehungsanstalt.

*Name geändert

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