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Görlitzer Pizzabäcker gegen Lieferando

Die hohen Provisionen des Marktführers bedrohten seine Existenz. Nun versucht Enrico Krause es mit seiner Pizzeria Bologna ohne Hilfe.

Enrico Krause in seiner Pizzeria Bologna, die ab sofort nicht mehr bei Lieferando gelistet ist.
Enrico Krause in seiner Pizzeria Bologna, die ab sofort nicht mehr bei Lieferando gelistet ist. © Maximilian Helm

Sie sind die Platzhirsche auf dem Liefer-Markt: In den letzten Jahren hat der Dienst Lieferando viele Konkurrenten aufgekauft: Wer auf die Webseiten von pizza.de, lieferheld.de oder seit neustem auch foodora.de klickt, kommt immer bei Deutschlands größtem Lieferservice heraus.

Der Deal ist einfach. Lieferdienste melden sich bei Lieferando an, und lassen dort die Bestellung, Bezahlung und Werbung abwickeln. Die Zubereitung und Lieferung übernehmen weiterhin die Restaurants. Doch das lässt sich der Dienst teuer bezahlen - und erhebt auf jede Bestellung eine Provision, die in Einzelfällen bis zu 30 Prozent des Preises sein kann.

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"Der schwärzeste Tag"

Das war Enrico Krause zu viel. Denn wer denkt, Lieferdienste müssten in Corona-Zeiten Hochkonjunktur haben, irrt. Zumindest in diesem Fall. Im September letzten Jahres öffnete er in Görlitz-Weinhübel die Pizzeria Bologna mit drei Mitarbeitern. Jetzt ist noch eine Mitarbeiterin übrig. Vor allem seit dem Beginn der Pandemie sind die Umsätze eingebrochen. 

Krause öffnet seine Datenbank. Noch im Januar sind es an manchen Tagen Bestellungen im Wert von 400, fast 500 Euro. Am 27. Januar gibt es in Bayern die erste Corona-Infektion in Deutschland. Ab da gehen die Zahlen nach unten. Nun sind es an guten Tagen nur noch knapp über 100 Euro. Den Negativrekord erreichte Krause am 22. März, als er am ganzen Tag nur eine einzige Salami-Pizza für 7,70 Euro ausliefern konnte. "Das war der schwärzeste Tag für die Pizzeria", sagt er.

In der letzten Märzwoche sind neun Bestellungen über Lieferando gelaufen, der Gesamtwert beträgt 199 Euro. Lieferando erhebt eine Servicegebühr von 13 Prozent darauf. Dazu kommt eine "Verwaltungsgebühr" für die Verwaltung der Online-Zahlung von 59 Cent pro Bestellung und nochmal die Mehrwertsteuer auf die ganze Bestellung. 

Mehl, Wasser Hefe und Sonnenblumenöl kommen in Enrico Krauses Teig. Kein Olivenöl - "das kaltgepresste macht den Teig hart", sagt er.
Mehl, Wasser Hefe und Sonnenblumenöl kommen in Enrico Krauses Teig. Kein Olivenöl - "das kaltgepresste macht den Teig hart", sagt er. © Maximilian Helm

Am Ende bleiben von 199 Euro nur 162 Euro übrig. "Da haben sie einen Punkt überschritten", sagt Krause. Die folgende Kündigung sei fast zu einfach gewesen. "Ich habe angerufen, dann kam prompt die Bestätigung. Mein Geld haben sie offenbar nicht nötig." Und er sei nicht der einzige, der mit dem Lieferando-System ein Problem habe.

Der Käse ist das teuerste

Krause weiß aber auch, dass seine Einnahmen derzeit nicht annähernd reichen, um den Betrieb weiterzuführen. Er ist froh darüber, auf gesetzlicher Grundlage seine Miete vorerst aussetzen zu können. Die Verträge mit seinen Lieferanten hat er auf Eis gelegt, er kauft nun im Großmarkt nach Bedarf, weil sich der kaum noch kalkulieren lässt. 

Allein ein 15-Kilo-Block Käse kostet 80 Euro, der reicht normalerweise zwei bis drei Tage. Auch der Pizza-Ofen läuft mit 350 Grad auf Hochtouren. "Wenn da am Tag nur zehn Pizzen reinwandern, holt das gerade mal die Stromkosten wieder rein", sagt Krause. Also rührt er in den sozialen Netzwerken die Werbetrommel, hofft, dass die Bestellungen die sonst über Lieferando gelaufen wären, künftig über seine eigens neustrukturierte Webseite laufen. 

Wenn der Chef persönlich klingelt

Und er hofft auf einen Boom nach der Corona-Krise, die er in ein paar Wochen überstanden sieht. Und dass die Leute dann wieder Lust haben, bei ihm zu bestellen. Dass er nicht wirklich an die Gefahr durch das Virus glaubt, daraus macht er keinen Hehl. Betroffen ist seine Pizzeria dennoch. Und er passt sich an, fährt mit Mundschutz zu seinen Kunden. Und die mögen es, wenn der Chef persönlich klingelt.

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Nach mehreren Herzinfarkten hat der 49-Jährige eigentlich Anspruch auf Erwerbsunfähigkeitsrente, das Restaurant ein persönliches Anliegen. Das Pizzabacken hat er in Bologna gelernt, daher der Name der Pizzeria. Und wenn die Krise länger andauert? Enrico Krause lehnt sich zurück. "Dann mache ich den Laden eben wieder zu und arbeite anderswo." An Stress habe er sich gewöhnt.


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