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Görlitzer Stadtwolf ist kein Einzelfall

Ein Wolf versteckte sich am Montag in der Stadtmitte in einem Keller. Er wurde auf seinem Marsch von einer Frau gesehen. Nun trägt das Tier einen Sender.

Von Gabriela Lachnit
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In der Görlitzer Blumenstraße hatte sich am Montag ein junger Wolf in einem Keller versteckt. Er wurde betäubt und zunächst in eine Tierarztpraxis gebracht.
In der Görlitzer Blumenstraße hatte sich am Montag ein junger Wolf in einem Keller versteckt. Er wurde betäubt und zunächst in eine Tierarztpraxis gebracht. © Nikolai Schmidt

Immer öfter werden Wildtiere  in dicht bewohnten Gebieten gesichtet. Von Waschbären ist das nichts Neues. Jetzt verliert wohl auch der Wolf seine Scheu.

Der junge Wolf, der sich  am letzten Montag einen Keller in der Görlitzer Blumenstraße als Versteck ausgesucht hatte, ist wieder in der freien Natur. Wohin genau das Tier ausgewildert wurde, wollte das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) zum Schutz des Tieres nicht sagen. Es sei jedoch in Absprache mit dem für das Revier zuständigen Jäger geschehen, informiert Karin Bernhardt, die Sprecherin  des Landesamtes.

Die Auswilderung des Wolfes geschah noch am selben Abend in einer ruhigen Gegend in der Oberlausitz, berichtet Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf in Nossen. Dem Tier wurde ein Halsband mit einem Sender angelegt. "So wird ersichtlich, ob es sich nach seinem Ausflug in die Stadt wieder zurechtfindet", erklärt die Sprecherin der Fachstelle. Außerdem könne nun  das künftige Verhalten dieses Wolfes dokumentiert werden. Vanessa Ludwig betont, dass es sich bei dem jungen Wolf um kein auffälliges Tier handelt. Zu keiner Zeit sei er aggressiv gewesen. Im Gegenteil, er habe sich sehr verschreckt verhalten, sich weggeduckt. Eine Gefahr für Menschen ginge von dem Tier nicht aus, sagen Vanessa Ludwig und Karin Bernhardt übereinstimmend. 

Zuvor hatte  der zweifelsfrei als Wolf identifizierte Stadtbesucher für etwas Aufregung gesorgt. Ein Hausmeisterdienst hatte die Einbruch-Spuren des Vierbeiners entdeckt. Die Polizei,  Tierarzt Hubertus Thomas, Zoo-Direktor Sven Hammer und Gesa Kluth vom Lupus-Institut waren vor Ort.  Meister Isegrimm wurde betäubt, danach in der Tierarztpraxis untersucht. Er trug nur geringe Verletzungen von seinem Fenstersprung in das Haus davon. Deswegen war die schnelle Freilassung des Tieres möglich.

Der etwa einjährige Wolfsrüde war offenbar auf der Suche nach Futter in dem Hinterhof gelandet. Dort standen mehrere gut gefüllte Mülltonnen. Das Wohnhaus liegt nur wenige Hundert Meter Luftlinie vom Ufer der Neiße entfernt. Beide Uferseiten der Neiße sind für Wölfe ein großes Gebiet, das sie hin und wieder durchstreifen.

Görlitzerin sah den Wolf auf der Leipziger Straße

Als Irene Skupin am Silvestertag die Sächsische Zeitung aufschlug, war ihr schlagartig klar, was sie da am Vortag auf der Leipziger Straße in Görlitz gesehen hatte. Die Familie wohnt dort. "Zufällig schaute ich Montagvormittag aus dem Fenster und sah unten auf dem Gehsteig einen seltsamen 'Schäferhund'", berichtet sie. Die Görlitzerin fand es sehr merkwürdig, dass der 'Hund' kein Halsband trug und weit und breit kein Mensch zu sehen war. "Gewöhnlich ist in der Stadt der Hundehalter ja nicht weit", sagt sie. 

Dass es sich bei dem Vierbeiner um einen Wolf handeln könnte, wäre Frau Skupin nie in den Sinn gekommen. Erst als sie das Foto in der Zeitung sah, war sie sicher: Das war das Tier aus der Leipziger Straße. Wie sie sich verhalten hätte, wenn sie nicht aus dem Fenster geschaut hätte, sondern unten auf dem Bürgersteig gelaufen wäre, mag sie sich nicht ausmalen. "Wir haben einen Schäferhund in der Verwandtschaft, vor dem fürchte ich mich nicht", sagt sie. Ihr Mann Roland Skupin wirft die Frage auf, wie sich wohl der Wolf in diesem Fall verhalten hätte. Und er ist froh, dass seine Frau in dem Moment nicht auf dem Bürgersteig lief.

Der betäubte Wolf liegt auf dem Gehsteig an der Blumenstraße. 
Der betäubte Wolf liegt auf dem Gehsteig an der Blumenstraße.  © Nikolai Schmidt

Elche und Waschbären auf Städtetrip

Immer mehr wilde Tiere erobern die Siedlungsgebiete der Menschen - auch im Landkreis Görlitz. Professor Ansorge, Leiter der Abteilung Zoologie am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz, erfuhr aus der SZ von dem Wolfsbesuch in der Stadt. Das Auftreten des wilden Tieres in der Stadt sei zwar ungewöhnlich, aber Tatsache. Genau so, wie man heute Biber auch in Neubaugebieten finde, sagt er. 

Füchse und Wildschweine seien heute nichts Ungewöhnliches. Sie leben sogar in Großstädten. "Nicht nur Säugetiere suchen mittlerweile enge Nachbarschaft mit den Menschen", erklärt  der Zoologe.  "Vor etwa 20 Jahren waren Eichelhäher und Ringeltaube ausgesprochene Waldvögel", erklärt er. Heute sehen wir sie an vielen Plätzen. 

Es sei nicht unüblich, dass sich ein Wildtier auf Wanderschaft in Dörfer oder Städte verirre, bestätigt  Landesamtssprecherin Karin Bernhardt. Vanessa Ludwig nennt einige Beispiele: Vor Jahren verirrte sich ein Wolf im Sommer bei sengender Mittagshitze in Spremberg. Ein Wolfswelpe war offenbar sogar Karnevals-Fan. Er wurde in einem Ortsteil von Cottbus vor wenigen Jahren während eines Karnevalsumzuges gesehen.

Wildtiere auf Nahrungssuche

Warum trauen sich so viele Wildtiere in die Nähe des Menschen? Trauen sei hier nicht das richtige Wort, schränkt Professor Ansorge ein. Denn das würde eine bewusste Handlung bedeuten. Die Tiere seien  vielmehr auf der Suche nach Nahrung. In Siedlungsgebieten finden sie die offenbar viel leichter als in ihrem angestammten Lebensraum. 

Waschbären haben das seit Jahren erkannt. Wo Menschen sind, da gibt es was zu Fressen. Die putzigen Gesellen haben sich seit sie im vorigen Jahrhundert zu Jagdzwecken ausgesetzt wurden, rasant vermehrt. In manchen Gegenden sind sie mittlerweile zur Plage geworden. In der Lausitz hätte  es bis 1990 gar keinen Nachweis von Waschbären gegeben, hatte Ansorge vor knapp einem Jahr der SZ gesagt. Aber seit Mitte der 1990er Jahre habe sich die Zahl dieser Allesfresser in der Lausitz rapide erhöht.  

Hin und wieder verirren sich auch Elche in die Region. Im September 2018 wurden eine Elchdame und ihre Tochter an der A 4 bei Görlitz gesichtet. Das Jungtier wurde später in Zgorzelec tot aufgefunden. Ein Jahr später gab es erneut eine Elch-Sichtung an der Autobahn 4. 

Wölfe werden in der Oberlausitz des öfteren gesehen. Erst vor wenigen Tagen beobachtete ein Einwohner vom Eigen, wie ein Wolf durch Schönau-Berzdorf spazierte. Viel häufiger dagegen wurde die Präsenz des Wolfes im vergangenen Jahr  nachgewiesen anhand von gerissenen Nutztieren. Mehrere Schafzüchter verloren ihre Tiere, obwohl sie Schutzvorrichtungen eingerichtet hatten.  Auch zahlreiche Rehe hatte der Wolf gejagt. Die Mufflons aus den Königshainer Bergen und auch aus der Schönbacher Gegend sind verschwunden.  Viele Jäger und Einwohner der Orte vermuten die Anwesenheit des Wolfes als Grund dafür.

Wie viel Wolf verträgt die Lausitz?

Professor Ansorge hat eine klare Antwort auf diese Frage: "So viele, wie wir wollen", sagt er. Das sei eine politische Frage. Der Wolfsbestand ist politisch erwünscht. Daraus ergebe sich alles andere. 

Es sei nicht schwierig vorherzusehen, dass sich Wildtiere immer häufiger in bebautes Gelände vorwagen. Immer öfter richten sie dabei auch großen Schaden an. Herrmann Ansorge denkt  zum Beispiel an das Unesco-Welterbe Muskauer Park.  Dort fällen Biber jahrhundertealte  Bäume und Wildscheine  durchwühlen den Landschaftspark. Der Wolf ist vor Jahren nach Sachsen und Brandenburg eingewandert. Flüsse wie die Neiße sind für diese Tiere kein Hindernis. Sie können schwimmen. Ob noch mehr kommen und wie sich die ansässigen Wölfe ausbreiten, das hänge davon ab, ob und wie man sie lässt, sagt der Zoologe.

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