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Wann öffnet Polen endlich die Grenze?

In Görlitz und Zgorzelec hat kaum noch jemand Verständnis für die Kontrollen. Jetzt kommt Hoffnung - aus Litauen.

Klaudia Soczomska (l.) und Kornel Kempfert (2.v.l.) haben schon Ende April für die Öffnung der Grenze demonstriert. Sie hoffen noch immer, dass es bald soweit ist. Selbst dürfen die beiden inzwischen wieder pendeln.
Klaudia Soczomska (l.) und Kornel Kempfert (2.v.l.) haben schon Ende April für die Öffnung der Grenze demonstriert. Sie hoffen noch immer, dass es bald soweit ist. Selbst dürfen die beiden inzwischen wieder pendeln. © Foto: Danilo Dittrich

Kornel Kempfert hat sich mit den polnischen Zöllnern unterhalten. „Die haben es auch satt, die sind nicht von hier und wollen nach Hause zu ihren Familien“, sagt der junge Mann, der in Görlitz als Physiotherapeut arbeitet. Da seine Mutter in Polen wohnt und er dort auch einen Wohnsitz angemeldet hat, darf er seit Mai als Pendler wieder über die Grenze. Glücklich mit der Situation aber ist er nicht. „Alle haben die Hoffnung, dass die Grenze bald wieder richtig geöffnet wird“, sagt er. Offiziell endet bislang am 12. Juni die Verordnung mit den polnischen Grenzkontrollen. Und Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte Ende vergangener Woche nach Beratungen unter seinen EU-Kollegen erklärt, dass die meisten Staaten spätestens am 15. Juni die Grenzen wieder aufmachen wollen. 

Hoffnung für freien Personenverkehr

Auf dieser Linie liegt auch die Nachricht, die aus Litauen kommt und Hoffnung macht: Litauen und Polen wollen den freien Personenverkehr zwischen den beiden Nachbarstaaten schon bald wieder ermöglichen. „Wir werden versuchen, die Grenzen zwischen unseren Ländern in der nächsten Woche zu öffnen“, twitterte der litauische Regierungschef Saulius Skvernelis vorigen Freitag nach einem Telefonat mit seinem polnischen Kollegen Mateusz Morawiecki. Damit könnten Polen dann auch frei nach Lettland und Estland weiterreisen. Die baltischen Staaten hatten bereits Mitte Mai ihre gemeinsamen Grenzen wieder geöffnet.

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Was für die litauisch-polnische Grenze gilt, könnte an Oder und Neiße ähnlich aussehen. Das jedenfalls erwarten viele. Hinzu kommt: Die Zgorzelecer Grenzkontrollen sind nach Aussage von Pendlern in den vergangenen Tagen schon spürbar lockerer geworden. Die schwer bewaffneten Grenzposten sind zumindest teilweise verschwunden, stattdessen steht jetzt der Zivilschutz an der Grenze – und der nutzt zum Teil nicht mal einen Mundschutz. Es wird zwar noch jeder kontrolliert, der rüber möchte – aber Fiebermessen findet nicht mehr generell statt, berichtet ein Pendler. Er habe das Gefühl, dass das jetzt entweder stichprobenartig passiert – oder abhängig davon, wer gerade Dienst hat.

Ursu steht im Austausch mit Gronicz

Auch der Görlitzer OB Octavian Ursu ist optimistisch: „Ich habe sowohl das Gefühl als auch die Hoffnung, dass die Grenze bald geöffnet wird.“ Doch obwohl er in ständigem Austausch mit seinem Zgorzelecer Amtskollegen Rafal Gronicz stehe und die Entwicklung genau verfolge, könne er nicht genau sagen, wann es soweit sein wird: „Hoffentlich spätestens nächste Woche.“ Das wäre in seinen Augen eine große Erleichterung für beide Seiten.

MDR-Frau blieb acht Wochen drüben

Auch für Renate Heidner. Die MDR-Mitarbeiterin hat 2011 einen Hof in Studniska (Schönbrunn) bei Zgorzelec gekauft. Sie lebt mit Hauptwohnsitz dort. Als die Grenzen geschlossen wurden, ist sie acht Wochen lang dort geblieben und hat von zu Hause aus gearbeitet. Wäre sie nach Deutschland gefahren, hätte sie hinterher in Polen in Quarantäne gemusst: „Das wollte ich nicht riskieren, denn ich habe viele Tiere auf dem Hof.“ Seitdem Polen das rigide Grenzregime im Mai für Pendler gelockert hat, pendelt sie wieder. Aber gerade zum Ende der Woche könne es vorkommen, dass sie bei der Einreise nach Polen drei Stunden im Grenzstau steht. Um das zu verhindern, arbeitet sie freitags noch immer von zu Hause aus.

Sie hat das Gefühl, dass die vergangenen Wochen vielen Polen gelehrt haben, dass offene Grenzen besser sind: „Die Hälfte der Leute in meinem Dorf fährt regelmäßig zum Einkaufen oder Leute besuchen nach Görlitz.“ Viele hätten anfangs großes Verständnis für die Politik der polnischen Regierung gehabt, aber mittlerweile sei die Stimmung gekippt. Viele Polen würden sich inzwischen auch nicht mehr an die Regeln halten. Dass die Grenzen immer noch zu sind, hat in den Augen von Renate Heidner mit den Wahlen am 28. Juni zu tun: „Die Regierung will den Leuten kurz vor diesem Termin mit der Grenzöffnung ein Wahlgeschenk machen“, vermutet sie.

Privat und dienstlich betroffen

Auch Agnieszka Bormann leidet unter der geschlossenen Grenze, privat wie dienstlich als Kulturreferentin am Schlesischen Museum. Sie kann nicht zu ihren Eltern fahren, die 100 Kilometer nördlich von Krakau leben, ihre Kinder können die Großeltern nicht sehen, Ostern mit der polnischen Familie musste ausfallen. Auch viele Freunde hat sie seit Monaten nicht gesehen. Als Kulturreferentin bereitet sie gerade eine Podiumsdiskussion zum Abschluss der Ausstellung vor, die derzeit in der Galerie Brüderstraße zu sehen ist. Die Podiumsdiskussion soll Anfang Juli stattfinden. „Einen Ausweichraum, der groß genug ist, um die Abstandsregeln einzuhalten, werden wir schon finden“, sagt sie. Dann bliebe nur noch das Problem der Grenzschließung. „Ich hoffe wirklich, dass Polen die Grenze bald öffnet“, sagt sie.

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